Als Martin Luther am 6. Juli 1527 im Alter von 43 Jahren an heftigem Ohrensausen und Schwindel erkrankte, sah er darin ein Werk des „zottichten Gesellen aus der Höllen“. Das Zischen, Rasseln, und Sausen in seinem Ohr sollte ihn sein restliches Leben nicht mehr verlassen. So wie ihm ergeht es heute knapp drei Millionen Bundesbürger. Weder mit Infusionen noch einer Sauerstofftherapie verschwinden die quälenden Geräusche. Sie setzen sich über Monate oder Jahre, oft sogar ein Leben lang fest. Halten sie länger als ein Jahr an, sprechen die Ärzte von einem chronischen Tinnitus. Noch ist nicht bis ins letzte Detail geklärt, warum sich die Misstöne auf Dauer im Ohr einnisten. Denn nicht immer ist es Lärm, der einen Tinnitus auslöst. Erkrankungen des Ohres, organische Krankheiten, Entzündungen, Bluthochdruck, Probleme mit der Halswirbelsäule oder im Zahn-Kiefer-Bereich oder seltener ein Tumor können einen Tinnitus hervorrufen. Heute weiß man, dass diese Auslöser Fehlschaltungen im Gehirn bei der Verarbeitung von Tönen zur Folge haben. Die natürliche Fähigkeit, Dinge zu überhören, ist gestört. Seelische Belastungen wie Leistungsdruck, private oder berufliche Sorgen verstärken die Wahrnehmung auf die zermürbenden Ohrgeräusche. Tinnitus ist daher immer auch Symptom und Warnsignal, wenn Körper und Seele überfordert sind.
Tatsächlich gelingt es fast 90 Prozent der Betroffenen, die unangenehmen Geräusche zu ignorieren und ihr Leben wie bisher weiter zu führen. Für die Übrigen wird das tagtägliche Pfeifen und Klingeln zur Qual. Schlafstörungen, Konzentrationsschwäche, innere Unruhe, Angstzustände bis hin zu Depressionen belasten die Betroffenen. Viele ziehen sich aus dem privaten Leben zurück, manchen ist gar die Ausübung ihres Berufes nicht mehr möglich. Die Patienten versuchen alles, um ihren Tinnitus loszuwerden. Eine Behandlung, die den chronischen Tinnitus sicher zum Verschwinden bringt, gibt es derzeit jedoch nicht. Der Patient muss akzeptieren, dass der Ton im Kopf wahrscheinlich nie verschwindet. Die Ohrgeräusche nicht bewusst bekämpfen, sondern lernen, sie nicht mehr wahrzunehmen, ist daher das Ziel der Tinnitustherapie, die ambulant in spezialisierten Praxen oder in psychosomatisch ausgerichteten Kliniken durchgeführt wird.
Der erste Weg für Tinnitus-Patienten führt zu einem Hals-Nasen-Ohrenarzt. Er kann feststellen, ob hinter den Ohrgeräuschen eine organische Ursache steckt und ob eine Hörstörung vorliegt. Denn häufig ist der chronische Tinnitus ein erstes Anzeichen für Schwerhörigkeit. Ein optimal eingestelltes Hörgerät verbessert nicht nur das Hörvermögen, sondern kann unter Umständen die Misstöne überdecken. In diese Richtung arbeiten auch Rauschgeneratoren, die angenehme Töne ins Ohr leiten, um die quälenden Geräusche zu überlagern. Doch die Geräte alleine vermögen nicht immer die Misstöne im Ohr zu mildern. Hier setzen Desensibilisierungs-Trainings an, wie zum Beispiel die Tinnitus-Retraining-Therapie. In einem länger dauernden Prozess lernt der Patient, sich an die chronischen Geräusche zu gewöhnen, bis er sie schließlich kaum noch wahrnimmt.