Impfstoffe gehören zu den sichersten Arzneimitteln überhaupt. Dennoch sind Nebenwirkungen nie völlig auszuschließen. Dabei kann eine mögliche Impfreaktion sowohl durch den Wirkstoff als auch die im Impfstoff enthaltenen Zusatzstoffe ausgelöst werden. Meist liegt einer Impfreaktion aber ganz einfach die Aktivität des Immunsystems zugrunde, das die Abwehr aufbaut. Das zeigt sich z.B. durch leichtes Fieber. Früher sagte man oft „Die Impfung geht an“.
Zu den möglichen, aber harmlosen allgemeinen Impfreaktionen gehören:
Überempfindlichkeitsreaktionen wie Nesselfieber oder andere behandlungsbedürftige Nebenwirkungen sind ausgesprochen selten. Unter Impfkomplikationen versteht man vorübergehende Beeinträchtigungen der Gesundheit, die jedoch schwerwiegender sind und über das übliche Maß hinausgehen (z. B. Gelenkentzündungen nach Röteln-Impfung bei Erwachsenen). Diese sind meldepflichtig (an das zuständige Gesundheitsamt). Davon zu unterscheiden ist der Impfschaden, der zu langanhaltenden oder sogar bleibenden gesundheitlichen Beeinträchtigungen führt. Das Risiko, durch Impfung einen Impfschaden zu erleiden, ist extrem gering und deutlich niedriger als das Komplikationsrisiko der jeweiligen Erkrankung. So liegt beispielsweise das Risiko einer Masernenzephalitis (Entzündung des Gehirns) nach Erkrankung bei 1:500 für Jugendliche und Erwachsene, während es nach Masern-Impfung bei weniger als 1:1.000.000 liegt.
Es gibt viele „falsche“ Gegenanzeigen für eine Impfung. Häufig unterbleiben Impfungen oder werden verschoben, weil bestimmte Umstände irrtümlicherweise als Grund angesehen werden, die gegen eine Impfung sprechen.
Dazu gehören:
Nicht geimpft werden sollen laut STIKO nur:
Impfungen erhöhen nicht die Zahl von Allergien. Nach neueren wissenschaftlichen Erkenntnissen können rechtzeitig durchgeführte Impfungen die Entwicklung von Allergien sogar vermindern. Wie ist das zu erklären? In unserer Luxusgesellschaft wachsen viele Einzelkinder auf, die isoliert sind und wenig Kontakt mit anderen Kindern haben, die sie häufig mit banalen Infekten anstecken würden.
Das Immunsystem kann deshalb nicht genügend „trainieren“ und bildet sozusagen „Verlegenheitsantikörper“ gegen Substanzen, die normalerweise ohne Krankheitssymptome vertragen werden, wie z. B. Pollen, Tierhaare oder Hausstaub. Diese IgE-Antikörper sind dann für Pollenallergie, Katzen- und Hundehaar- oder Hausstauballergie verantwortlich. Impfungen dagegen stimulieren das ganze Immunsystem und bewirken somit eine „natürliche“ Antwort des Immunsystems, ohne „andersartige“ (allergische) Reaktionen gegen Alltagsstoffe hervorzurufen.
Wissenschaftler der Universität Helsinki stellten fest, dass bei Kindern nach einer Maserninfektion das Risiko für Allergie und Asthma um 67 Prozent höher war als bei Kindern, die gegen Masern geimpft waren. In diesem Zusammenhang kann auch die DDR als Beispiel genannt werden. Dort waren Allergien deutlich seltener als im Westen und nehmen erst jetzt langsam in den neuen Bundesländern zu, obwohl die Durchimpfungsraten für alle durch Impfungen vermeidbaren Krankheiten bis zur Wende bei nahezu 100 Prozent lagen.
Schon lange steht übertriebene Sauberkeit im Verdacht, Allergien auszulösen. Eine Studie belegt nun diese Hypothese: Bakterien oder bakterielle Bestandteile schützen Kinder vor Allergien. Das zeigt die Studie deutscher, österreichischer und schweizerischer Forscher. Die Kinder, die mit „gesundem Dreck" auf einem Bauernhof aufwachsen, leiden im späteren Leben viel seltener unter den Überreaktionen des Abwehrsystems wie Asthma oder Heuschnupfen. Die Kinder vom Land zeigten gegenüber der Vergleichsgruppe handfeste Vorteile: Da sie ständig den Reizen von Keimen ausgesetzt sind, entwickeln sie gegenüber Allergenen eine regelrechte Toleranz. Allerdings darf man daraus nicht den fatalen Schluss ziehen, Impfungen wegzulassen. Die Erreger, gegen die geimpft werden kann, sind so gefährlich, dass man keine Infektion riskieren darf.
Die meisten Infektionskrankheiten sind hierzulande tatsächlich sehr selten geworden, nicht zuletzt aufgrund von Impfungen. Auch unser hoher Lebens- und Hygienestandard hat dazu beigetragen, dass z. B. Krankheitserreger, die durch Wasser oder Nahrungsmittel verbreitet werden wie Cholera oder Typhus, kaum eine Chance haben, sich großflächig auszubreiten. Manchen Krankheitserregern ist außer Schutzimpfungen aber praktisch nichts entgegenzusetzen, denn die Übertragung von Keimen durch Tröpfcheninfektion, z. B. beim Husten oder Niesen, ist nicht vermeidbar (Beispiele: Virusgrippe,, Masern, Mumps, Röteln). Die sehr umweltresistenten Dauerformen des Wundstarrkrampf-Erregers, die so genannten Tetanussporen kommen überall in der Erde vor und können in kleinste Wunden eindringen.
Einige Infektionskrankheiten treten nicht mehr ausschließlich bei Kleinkindern auf, sondern verschieben sich immer mehr ins spätere Lebensalter, z. B. Masern oder Windpocken. Dies hat zur Folge, dass häufiger ältere Kinder und Erwachsene erkranken, bei denen diese „Kinderkrankheiten“ viel komplikationsreicher verlaufen. Nur eine konsequente Durchimpfung der Bevölkerung kann sporadische Ausbrüche und damit Erkrankungen von älteren Kindern bzw. Erwachsenen verhindern.
Weltweit sterben jährlich noch immer mehr als 17 Millionen Menschen an Infektionskrankheiten. Immer wieder kommt es zum Aufflackern von Krankheiten, die als besiegt galten. Die Ursachen dafür sind unterschiedlich: katastrophale hygienische Verhältnisse in Slums, Übervölkerung mit Mangelernährung und damit größere Anfälligkeit für Infektionskrankheiten, Klimakatastrophen und Kriege, Missachtung von Impfempfehlungen oder mangelnde Durchimpfung der Bevölkerung aufgrund logistischer und finanzieller Schwierigkeiten. Der interkontinentale Reiseverkehr sorgt darüber hinaus dafür, dass solche Krankheiten auch bei uns wieder auftreten. Infektionskrankheiten bedrohen uns also nach wie vor.
Wenn eine ausreichend große Bevölkerungsgruppe geimpft ist, z. B. gegen Diphtherie, dann kann der Erreger nicht mehr zirkulieren, denn er trifft stets auf geschützte Menschen. Das nennt man „Herd“- oder auch „Herden“-Immunität. Der geimpfte Teil der „Herde“ sorgt dafür, dass auch die ungeimpften Menschen indirekt geschützt sind.
Dieses Prinzip kann aber nur so lange funktionieren, wie ausreichend viele geimpft sind. Je ansteckender ein Erreger ist, je wahrscheinlicher es also ist, dass es bereits beim ersten Kontakt zur Erkrankung kommt, desto höher muss die Herdimmunität sein: Bei Diphtherie liegt sie bei 80 Prozent, bei den hochansteckenden Masern müssen 95 Prozent der Bevölkerung geimpft sein.
Dass es immer wieder zu Ausbrüchen von Erkrankungen oder Epidemien kommen kann, wenn diese Herdimmunität zusammenbricht, zeigt z. B. die Diphtherie-Epidemie in Russland in den 1990er-Jahren. Vor allem ungeimpfte oder unzureichend geimpfte Erwachsene erkrankten, 5.000 Menschen starben.
Doch, Stillen ist zwar eine gute Ergänzung und fördert die Abwehr des Kindes, es kann Impfungen aber nicht ersetzen. Mit der Muttermilch übertragene Antikörper schützen vorwiegend vor einigen Darminfektionen, nicht vor Erkrankungen, gegen die geimpft wird. Der mütterliche Nestschutz ist – je nach Erreger – auch nur von kurzer Dauer. Deshalb müssen Kinder selbst ihr eigene Abwehr gegen Erreger aufbauen, und zwar so schnell wie möglich.
Viele Krankheiten, gegen die Säuglinge geimpft werden, sind im ersten Lebensjahr besonders gefährlich, wie z. B. Haemophilus influenzae b)-Infektionen (Hib-Infektionen) und Keuchhusten. Bis zur Einführung der Hib-Impfung im Jahr 1990 war Hib der häufigste Erreger von bakteriellen Hirnhautentzündungen im Säuglings- und Kleinkindalter. Auch gegen Keuchhusten besteht kein Nestschutz, was bedeutet, dass das Neugeborene unmittelbar bedroht ist, da es von der Mutter keine Antikörper erhält.
Ein Tetanusschutz sollte spätestens vorhanden sein, wenn das Kind anfängt zu krabbeln und sich eine Verletzung zuziehen kann. Aber auch schon vorher kann eine Infektion durch einen Unfall auftreten. Für eine Tetanusinfektion reichen kleinste Wunden aus, vor allem solche, die tief sind und an die kein Luftsauerstoff kommt. Die Tetanusimpfung bietet ausschließlich einen individuellen Schutz. Da die Krankheit nicht von Mensch zu Mensch übertragen wird, gibt es auch keine Herdimmunität, von der Ungeimpfte profitieren könnten. Mit anderen Worten: Da Tetanuserreger in der Erde oder in Kot überdauern, kann sich jeder Ungeimpfte jederzeit über eine Verletzung infizieren, auch wenn alle Menschen in seiner Umgebung geimpft sind.
Unter Nestschutz sind diejenigen Abwehrstoffe zu verstehen, die vor der Geburt von der Mutter an das Kind über die Plazenta weitergegeben werden. Diese mütterlichen Antikörper schützen das Kind vor einer Reihe von Infektionskrankheiten. Allerdings nicht uneingeschränkt, denn:
Im Gegenteil, Impfungen stärken das Immunsystem und senken somit die Infektanfälligkeit. Das Immunsystem muss sich von Geburt an mit einer Vielzahl von Keimen auseinandersetzen. Wissenschaftler gehen davon aus, dass unsere Kinder heutzutage zu „steril“ und behütet aufwachsen. Denn das Immunsystem muss trainiert werden, um Krankheitserreger erkennen und bekämpfen zu können. Impfungen sind die beste Möglichkeit, eine gezielte Immunabwehr gegen schwere Infektionskrankheiten zu trainieren.
Im Gegensatz zu einer Infektion mit gefährlichen Erregern ist die Impfung ein ungefährliches Training mit mindestens der gleichen stimulierenden Wirkung auf das Immunsystem. Bei manchen Erregern bietet ausschließlich die Impfung Schutz, wie gegen Tetanus und Diphtherie. Eine durchgemachte Krankheit hinterlässt hier keine Immunität.
Im Gegensatz dazu schwächen manche Krankheitserreger wie die Masern das Immunsystem, so dass Kinder, die die Masern durchgemacht haben, in der Zeit danach (bis zu einem halben Jahr) sehr anfällig für Infekte aller Art sind. Auch Erholungsphase nach einer Influenza (Virusgrippe) zieht sich über Wochen hin, und die Patienten sind anfällig für viele andere Krankheitskeime, z. B. Pneumokokken.
Durch Kombinationsimpfstoffe wird das Immunsystem eines Säuglings sicher nicht überlastet, denn das Neugeborene wird sofort nach der Geburt mit Millionen von Antigenen konfrontiert. Auch der Kontakt mit Lebensmitteln, etwa der ersten Banane oder dem ersten Hühnerei, setzt das Kind einer Vielzahl von artfremden Proteinen aus. Spielt ein Kind im Sandkasten und kommt mit dort verbreiteten Keimen in Kontakt, ist sein Immunsystem viel stärker gefordert als durch eine Impfung.
Bei jedem Infekt, den ein Säugling durchmacht, muss sich das kindliche Immunsystem mit einer Vielzahl von Fremdantigenen auseinandersetzen. Unter Antigenen versteht man Substanzen, die vom Körper als fremd erkannt werden und die Bildung von Antikörpern auslösen. Die im ersten Lebensjahr verabreichten Kombinationsimpfstoffe enthalten, verglichen mit den sonst noch in der Umwelt vorkommenden Krankheitskeimen, nur sehr wenige Antigene. Noch dazu handelt es sich hier um Impfantigene, die über keine krankmachenden Eigenschaften verfügen, sondern nur für den Aufbau der Immunabwehr wichtig sind.
In der Praxis hat sich gezeigt, dass moderne Kombinationsimpfstoffe weder mehr Impfreaktionen noch mehr unerwünschte Nebenwirkungen hervorrufen als Einzelimpfstoffe und dass sie ebenso wirksam sind.
Viele Menschen, die unter chronischen Erkrankungen wie Asthma, Herzkrankheiten oder auch Zucker (Diabetes mellitus) leiden, haben Sorge, ob Impfungen bei ihnen überhaupt sinnvoll sind. Sie fürchten sich vor Nebenwirkungen oder glauben, dass ihre Krankheit durch Impfungen verschlimmert werden könnte. Das Gegenteil ist der Fall. Chronisch kranke Menschen benötigen nicht weniger Schutz, sondern mehr, denn bei ihnen können Infektionskrankheiten besonders schwer verlaufen. Daher sollen sie neben den Standard-Impfungen weitere Impfungen erhalten.
Es gibt kaum chronische Krankheiten, die eine Impfung ausschließen: So wird z. B. die Impfung gegen Grippe (Influenza) explizit für Patienten mit Multipler Sklerose empfohlen. Und auch alle Menschen mit Asthma und COPD (chronisch-obstruktive Lungenerkrankung) sollen sich jedes Jahr gegen Grippe impfen lassen und alle sechs Jahre gegen Pneumokokken. Denn Patienten mit chronischen Krankheiten sind durch Infektionskrankheiten besonders gefährdet, sie erkranken häufiger und komplikationsreicher.
Patienten mit Erkrankungen der Leber sollten zusätzlich gegen Hepatitis A und Hepatitis B geimpft werden, falls sie diese Erkrankungen noch nicht hatten und daher nicht immun sind, Patienten mit Nierenerkrankungen gegen Hepatitis B. Für Patienten, die dialysepflichtig sind, gibt es einen besonders hoch dosierten und damit besonders wirksamen Hepatitis-B-Impfstoff.
Impfungen bei einem gut eingestellten Diabetes werden normalerweise problemlos vertragen. Es gibt auch keine Hinweise, dass z. B. bei Kindern mit Diabetes die Wirkung der Impfung schwächer ist als bei anderen. Um unnötige Krankheiten zu vermeiden, sollte der Routine-Impfplan bei diesen Kindern (und Erwachsenen) strikt eingehalten werden.
Im Zeitraum der möglicherweise zu erwartenden Impfreaktion sollte der Blutzucker gut überwacht werden. Diese Reaktion tritt bei Totimpfstoffen am Tage der Impfung und in den darauf folgenden etwa 48 Stunden, bei Lebendimpfungen nach 7 bis 14 Tagen ein.
Zusätzlich zu den Routine-Impfungen sollten Patienten mit Diabetes (auch Kinder!) regelmäßig gegen Influenza geimpft werden und auch die Pneumokokken-Impfung erhalten.
Alle bisher durchgeführten Analysen zeigen, dass Impfungen von Multiple-Sklerose-Patienten genauso gut vertragen werden wie von Gesunden. Nach einer Impfung werden gelegentlich Erkrankungsschübe beobachtet. Dabei handelt es sich aber nur um ein zufälliges zeitliches Zusammentreffen, was bei dieser schubhaft verlaufenden Erkrankung jederzeit auftreten kann und mit der Impfung nicht im ursächlichen Zusammenhang steht.
Inzwischen empfiehlt auch die Ständige Impfkommission eine routinemäßige Grippeimpfung für MS-Patienten, bei denen Infektionen neue Schübe auslösen.
Impfungen mit Totimpfstoffen sind bei Patienten mit eingeschränkter Immunabwehr grundsätzlich erlaubt, allerdings ist je nach der noch möglichen Immunantwort des Patienten gegebenenfalls mit einer abgeschwächten Wirkung zu rechnen. Bei wichtigen Impfungen (besonders die Tollwutimpfung nach Kontakt mit einem tollwutverdächtigen Tier oder die Hepatitis-B-Impfung nach einer Nadelstichverletzung in der Klinik) kann die erste Dosis verdoppelt und an zwei verschiedenen Körperstellen – z. B. in beide Oberarme – injiziert und so versucht werden, die Immunantwort zu verbessern.
Lebendimpfstoffe (die Impfungen gegen Masern, Mumps, Röteln, Windpocken und Gelbfieber) dürfen Personen mit eingeschränkter Immunabwehr nicht gegeben werden (eventuell mit Ausnahme der Gelbfieber-Impfung, wenn eine Reise in eine Gelbfiebergebiet unbedingt sein muss).
Die Masernimpfung kann bei einem Kind mit angeborenem oder erworbenem Defekt des Immunsystems das kleinere Risiko gegenüber der Erkrankung darstellen. Bei erhöhter Masern-Gefährdung ist eine Masern-Impfung oder auch eine kombinierte Impfung gegen Masern, Mumps und Röteln (MMR) zu erwägen. Eine Kontrolle des Impferfolges (Bluttest) ist in diesen Fällen angeraten.