Muskuläre Dysbalancen

Der eine zu stark, der andere zu schwach. Wenn Sportler bestimmte Muskeln zu wenig oder falsch belasten, können muskuläre Dysbalancen entstehen. Auch Fußballer sind gefährdet.

Axel Witsel hat in der Saison 2018/2019 insgesamt 2418 Pässe gespielt, 93 Prozent davon kamen beim Mitspieler an. Marco Reus hat in derselben Spielzeit in 27 Spielen insgesamt 70 Mal aufs Tor geschossen. Diese Zahlen gelten allein für die Bundesligaspiele, beim Training hat keiner mitgezählt, aber eines dürfte klar sein: Durch die vielen einseitigen Belastungen bei Passen und Schießen der Profis kann ein Ungleichgewicht in der Beinmuskulatur entstehen. 

Aber keine Sorge: Dank des Gesundheitswissen und der Trainingssteuerung der BVB-Experten wird bei den Profis von Borussia Dortmund rechtzeitig vorgebeugt. Wir zeigen euch, wie auch ihr das Gleichgewicht eurer muskulären Gegenspieler haltet.

Muskuläre Dysbalance, was ist das überhaupt?

An einem Gelenk wirken zwei Muskeln in gegenläufiger Funktion – Agonist und Antagonist. Wenn diese Muskeln in Bezug auf ihre Kraft, Dehnbarkeit und Länge nicht mehr in einem ausgewogenen Verhältnis stehen, spricht man von einer muskulären Dysbalance.

Die Körperhaltung eines Sportlers liefert in vielen Fällen erste Hinweise auf das Vorliegen muskulärer Dysbalancen.

Ein stark nach vorne gekipptes Becken kann zum Beispiel durch zu starke Beinstrecker zustande kommen, ein ausgeprägtes Hohlkreuz aus einem Ungleichgewicht von Bauch- und Rückenmuskulatur resultieren, und verkürzte Brustmuskeln können zu einem Rundrücken mit nach vorne gedrehten Schultern führen. Um muskuläre Dysbalancen eindeutig zu diagnostizieren, sind jedoch Muskelfunktionstests (z.B. nach Janda) oder Krafttests nötig, durch die das Verhältnis der Muskelkräfte von Agonist und Antagonist bestimmt wird. 

Welche Muskeln sind besonders gefährdet?

Aus funktionell-anatomischer Sicht lassen sich zunächst tonische und phasische Muskeln unterscheiden. Tonische Muskeln haben vorrangig Haltearbeit zu leisten und neigen zur Verkürzung ihrer Länge, phasische sind eher für dynamische Bewegungsfunktionen zuständig und tendieren zur Abschwächung ihrer Kraft. Oft wirken tonische und phasische Muskeln als Gegenspieler, so dass muskuläre Dysbalancen entstehen, wenn die Muskeln zu wenig oder falsch beansprucht werden. 

Ein paar Beispiele für typische Gegenspieler

  • Unterschenkel

    Wadenmuskeln (tonisch -> Verkürzung) vs. vorderer Schienbeinmuskel (phasisch -> Abschwächung)

  • Rumpf

    gerader Bauchmuskel (phasisch) vs. untere Rückenstrecker (tonisch)

    Training der Rumpfmuskulutur
  • Oberkörper

    großer Brustmuskel (tonisch) vs. Kapuzen- und Rautenmuskeln (phasisch)

  • Knie- und Hüftgelenk

    gerader Anteil des Kniestreckers (M. rectus femoris), Adduktoren (Oberschenkelanzieher) und Hüftbeuger (M. iliopsoas, alle tonisch) vs. Gesäßmuskel (phasisch)

Auch zu wenig Bewegung kann zu muskulären Dysbalancen führen

Ein muskuläres Ungleichgewicht entsteht sehr häufig durch einseitige Trainingsbelastungen. Im Fußball sind dabei besonders die unteren Extremitäten betroffen: Durch das häufige Schießen und Passen werden vor allem die Kniestrecker und die Adduktoren gestärkt, während die hintere Oberschenkelmuskulatur und die Abduktoren (Oberschenkelspreizer) durch Fußballspielen weniger stark beansprucht und trainiert werden. 

Ihr könnt aber nicht nur durch zu viel Sport muskuläre Dysbalancen bekommen, sondern auch durch zu wenig. Wenn ihr euch zu wenig bewegt, führt die mangelnde Aktivität zu einer Abschwächung der phasischen Muskulatur und zur Verkürzung der tonischen Muskulatur, woraus Haltungsschwächen und Fehlhaltungen resultieren.

Ausgleichssport: Yoga, Pilates und gezieltes Krafttraining

Um muskulären Dysbalancen vorzubeugen, eignen sich generell Sportarten, die auf eine Verbesserung der Haltung abzielen, wie zum Beispiel Yoga und Pilates. Ein guter Ausgleich lässt sich auch durch ein zielgerichtetes Beweglichkeits- und Krafttraining erzielen. Dabei sollten die wenig beanspruchten Muskelgruppen wie Adduktoren und hinteren Oberschenkelmuskeln sowie die phasischen Muskeln wie Bauch- und obere Rückenmuskulatur gekräftigt, stark beanspruchte Muskeln wie die vordere Oberschenkelmuskulatur und die Adduktoren gedehnt werden. Zudem ist es sinnvoll, andere tonische Muskeln wie Hüftbeuger, untere Rückenmuskulatur und Brustmuskel in das Beweglichkeitstraining einzubeziehen.  

Durch ein individuelles und zielgerichtetes Kraft- und Beweglichkeitstraining lassen sich muskuläre Dysbalancen effektiv verringern. In schwerwiegenden Fällen sollte jedoch ein Arzt, Physiotherapeut oder Sporttherapeut zu Rate gezogen werden, um durch eine physiotherapeutische Behandlung oder eine spezielle Haltungsschulung das Training zu unterstützen.

Krafttraining

Gezieltes Krafttraining eignet sich zur Vorbeugung muskulärer Dysbalancen, ist aber auch sonst wichtig für Fußballer. Mehr Infos zum Thema bekommt ihr in unserem Artikel.

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