Verena Sam

Zum Weltkrebstag: Krebs und Corona – Erfahrungen einer Risiko­patientin

Verena Sam ist erst 35 Jahre alt, als 2018 Brustkrebs bei ihr diagnostiziert wird. Patientinnen und Patienten wie sie erfahren in der Corona-Pandemie weitere Rückschläge: Ob überfüllte Krankenhäuser oder soziale Isolation – der Weg zur Besserung fällt nun schwerer denn je. Anlässlich des Weltkrebstages erzählt die Fitnesstrainerin von ihren Erfahrungen als Risikopatientin in der Pandemie.

Die Pandemie betrifft Menschen, die aufgrund einer Krebserkrankung in Behandlung sind, besonders hart. Berichten zufolge wurden bereits in der ersten Coronavirus-Welle 50.000 Krebsoperationen verschoben – sowohl um Patientinnen und Patienten nicht dem zusätzlichen Risiko einer Corona-Infektion auszusetzen, als auch um ausreichend Intensivbetten für Corona-Patienten vorzuhalten. Gesundheitliche und große soziale Einschränkungen sind in diesen Zeiten für Risikopatientinnen und -patienten wie Verena Sam an der Tagesordnung.

Im Sommer 2018 bekommt Verena Sam die schockierende Diagnose Brustkrebs. Aber die Fitnesstrainerin bleibt stark und versucht, positiv zu denken und ihre Krebserkrankung nicht als Kampf um ihr Leben anzusehen, sondern als Aufgabe. Der Krebs ist für sie wie ein Mitbewohner, mit dem man sich arrangieren muss. Mit einer weiterhin ausgewogenen Ernährung, einem gesunden Lebensstil und viel Sport unterstützt sie ihren Körper auf dem Weg zur Besserung. 

Doch die Corona-Pandemie legt ihr zusätzliche Steine in den Weg: Isolation von Freunden und Familie und die ständige Einschränkung im Alltag erschweren das Leben vor allem für Risikopatientinnen und -patienten zusätzlich. Wie Verena Sam damit umgeht, verrät sie im Interview.

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  • Frau Sam, wie geht es Ihnen derzeit?

    Es sind immer Höhen und Tiefen. Ich hatte bis vor kurzem noch eine hoch dosierte Chemo, da ging es mir sehr schlecht und ich habe zehn Kilo abgenommen. Wenn man einmal vor Schmerzen nicht kauen und schlucken kann, dann merkt man, wie wichtig selbstverständliche Kleinigkeiten sind. Wenn man nichts essen kann, hat man auch keine Energie – entsprechend leidet dann auch der Sport. Man lernt diese Selbstverständlichkeiten schätzen. 

    Im Dezember wollte ich deshalb zur Ruhe kommen. Ich wollte wieder Kraft schöpfen und das machen, was mir guttut und wonach mir ist. Meine Krebstherapie wurde wieder angepasst und ist niedriger dosiert. Ich bin also wieder auf dem Weg nach oben und fange jetzt auch wieder mit dem Sport an.

  • In unserem letzten Interview haben Sie darüber gesprochen, wie viel Kraft Ihnen der Sport gibt und wie gerne Sie sich fit halten. Wie sind Sie damit in den letzten Jahren während der COVID-19 Pandemie umgegangen?

    Ich komme aus dem Leistungssport und für mich ist es das Normalste auf der Welt, dass ich mich bewege und Sport mache. Da ich schon lange Fitnesstrainerin bin und auch einiges an Equipment zu Hause habe, war das natürlich ein Vorteil. Ich kenne die Übungen und weiß, worauf ich achten muss.

    Sogar zu der Zeit als ich die hoch dosierte Chemo hatte, habe ich trotzdem immer irgendetwas gemacht. Mein Motto: Alles ist besser als nichts. Ich war es gewohnt, laufen zu gehen oder Gewichte zu heben, aber ich musste lernen, das umzustellen. Das wichtigste ist, dass man einen Sport findet, an dem man Spaß hat, der aber auch gut in den Alltag und ins Leben passt. Ich habe dann ruhigere Bewegungsformen mit eigenem Körpergewicht wie Yoga und Pilates für mich entdeckt. Und wenn einmal gar nichts ging, dann gehe ich eben zehn Minuten an der frischen Luft spazieren – danach geht es mir immer besser. Bewegung ist für mich Leben. Ich weiß ganz genau, dass ich mich besser fühle, wenn ich Sport mache. Aber ich habe mittlerweile auch gelernt, mit gutem Gewissen "Nein" zu sagen, wenn ich mal keinen Sport machen darf oder kann. Dann mache ich eben ein paar Entspannungsübungen, meditiere oder lese. 

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  • Welche Erfahrungen haben Sie als Risikopatientin in Corona-Zeiten gemacht – beim Sport und allgemein?

    Es ist natürlich anders, wenn man für sich alleine trainiert, ohne Gruppe und laute Musik. Aufgrund von COVID-19 musste ich als Krebspatientin zusätzlich meine Kontakte herunterfahren und irgendwann fühlt man sich dann recht isoliert. Auch meine Familie konnte ich nicht oft sehen, weil es einfach sicherer war. Die verschiedenen Krebstherapien, die ich bekomme, fordern mein Immunsystem bereits extrem und daher muss ich aufpassen, dass ich es nicht noch zusätzlich mit dem Coronavirus belaste. 

    Corona ist aber auch so schon eine Belastung – schlimm ist beispielsweise, dass ich bei den Behandlungen und beim Arzt immer allein bin: Anmeldungen, Terminabstimmungen, wertvolle Lebenszeit alleine in Wartezimmern absitzen. Anschließend weitere vier bis sechs Stunden alleine im Chemo-Sessel ausharren oder alleine im CT rumliegen. Zwar konnte mein Mann Achim zuvor auch nicht mit im CT liegen oder mit mir im Chemostuhl sitzen, aber er konnte bei mir sein.     

    Ganz traurig und demütig macht es mich, wenn ich alte Menschen sehe, die sich da jetzt ganz alleine durchwursteln müssen. Ich komme dabei ja schon ins Straucheln und häufig an meine Grenzen und frage mich, wie es ihnen damit geht. 

    Hinzu kommt, dass Masken nicht nur Viren, sondern auch menschliche Emotionen filtern – und die können gerade in Krankenhäusern und Therapiezentren so wichtig und wertvoll sein. Ein aufmunterndes und freundliches Lächeln anderer Menschen, ganz gleich von wem, kann eine heilende Wirkung für Betroffene haben und alles leichter, erträglicher machen. 

    Corona macht einsam, gerade in den Momenten, in denen man die Einsamkeit am wenigsten gebrauchen kann.  

  • Durch die Chemo haben Betroffene ein zusätzlich geschwächtes Immunsystem. Viele Krebspatienten sorgen sich deshalb, ob bei einer COVID-19-Schutzimpfung überhaupt Antikörper gebildet werden. Wie war das bei Ihnen?

    Ich habe damals mit meinem Professor darüber gesprochen und er hat mir die Impfung direkt empfohlen. Ich habe dann recht schnell einen Termin zum Impfen bekommen und habe die Impfung auch gut vertragen. Zu der Zeit hatte ich aber relativ milde Therapien gegen meine Krebserkrankung. Ich weiß nicht, wie es gewesen wäre, wenn ich zu dem Zeitpunkt eine intensivere Therapiephase gehabt hätte. Diese Personen sind dann extrem abhängig von ihrem Umfeld und davon, wie sich ihre Angehörigen verhalten. Inzwischen gibt es da aber leider viele, die sagen: "Ich bin doch gesund. Und wenn ich es bekomme, wird es schon nicht so schlimm." Aber es laufen tausende Risikopatientinnen und -patienten rum. Viele denken tatsächlich leider gar nicht so weit.

  • Haben Sie abschließend einen Wunsch zum Weltkrebstag im Rahmen von Krebs und Corona?

    Mein größter Wunsch ist tatsächlich, dass alle wieder ein bisschen solidarischer denken. Ich hatte meine Diagnose vor COVID-19, aber ich weiß von meinem Professor auch, wie schlimm es vor allem für die Personen ist, die in den letzten zwei Jahren die Diagnose Krebs gestellt bekommen haben. Einerseits mussten bei vielen Krebspatienten Termine für Behandlungen verschoben werden, da aufgrund der Corona-Pandemie kein Platz oder nicht genug Personal in den Krankenhäusern war. Andererseits gehen viele Menschen aus Angst gar nicht erst zum Arzt und dementsprechend kann die Diagnose gar nicht gestellt werden. Und ich finde, das kann nicht sein.

    Ich finde, es ist an der Zeit, dass wir uns mal wieder die Hände reichen und über den Tellerrand schauen. Der Blick muss wieder ein bisschen offener werden dafür, dass es nicht nur Corona gibt, sondern auch andere Krankheiten und, dass nicht nur die Einzelperson zählt, sondern wir alle. Und dabei geht es nur um einen Pieks in den Arm.

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