Gemeinsame Medieninformation: Mehr Medizinstudienplätze für Thüringen – Unterstützerkreis der Forderung wächst

Jena, Weimar, Erfurt, den 02. Oktober 2019 – Die Forderung der Landesärztekammer Thüringen nach mehr Medizinstudienplätzen im Freistaat wird von immer mehr Akteuren des Thüringer Gesundheitswesens und Vertretungen der Patienten im Land unterstützt. Die Herausgeber dieser Gemeinsamen Medieninformation fordern angesichts der bevorstehenden Landtagswahl die Thüringer Parteien auf, sich zur Schaffung zusätzlicher Studienplätze im Fach Humanmedizin zu bekennen und im neu gewählten Landtag diese Aufgabe schnellstmöglich anzugehen. Ärzte sind gemeinsam mit den Angehörigen anderer Heilberufe für die öffentliche Daseinsvorsorge außerordentlich wichtig. Im Folgenden möchten wir unsere gemeinsame Forderung begründen.

Landesärztekammer Thüringen

„Aus Sicht der Landesärztekammer Thüringen ist die Erhöhung der Anzahl der Medizinstudienplätze alternativlos! Zum einen, weil andere Bundesländer mit verschiedenen Instrumenten, u. a. der Schaffung neuer Kapazitäten an weiteren Universitäten oder einer Landarztquote, selbst entsprechende Maßnahmen ergreifen und für ihren eigenen Nachwuchs sorgen und diese Studierenden nicht unbedingt zu uns nach Thüringen kommen werden. Zum anderen ist in den vergangenen Jahren der Anteil der Medizinstudierenden aus Thüringen an der Universität Jena kontinuierlich zurückgegangen. Kam vor zehn Jahren noch die Hälfte der Erstsemester in der Medizin aus Thüringen, so sind es derzeit nur noch 26 Prozent, also eine Halbierung der Anzahl“.

Dr. Ellen Lundershausen, Präsidentin der Landesärztekammer Thüringen

Kassenärztliche Vereinigung Thüringen

„Wir wollen auch künftig die ambulante Versorgung der Menschen in Thüringen in hoher Qualität sicherstellen. Dazu benötigen wir junge Ärzte für die kontinuierliche Nachbesetzung frei werdender Arztsitze und für künftig neu entstehende Sitze. Die KV Thüringen hat dafür aus eigenen Mitteln ein umfangreiches Förderprogramm aufgelegt. Damit erreichen wir Medizinstudierende und Ärzte in Weiterbildung am besten, wenn sie in Thüringen studieren oder ihre Weiterbildung absolvieren.“

Dr. med. Annette Rommel, 1. Vorsitzende des Vorstandes der KV Thüringen

Landeskrankenhausgesellschaft Thüringen

„Die Krankenhäuser wollen künftig die medizinische Versorgung in gewohnt hoher Qualität sicherstellen. Gesetzliche Verordnungen, Richtlinien und die Klassifikation von Operationen und Prozeduren machen zur ärztlichen Besetzung quantitative als auch qualitative Vorgaben, die von den Krankenhäusern zwingend einzuhalten sind. Dazu kommt, dass die demografische Entwicklung für Thüringen bereits heute erkennen lässt, dass in den nächsten Jahren viele Ärzte ausscheiden und die Bevölkerung gerade in den ländlichen Gebieten überaltert und mehr Gesundheitsleistungen nachfragen wird. Um hier auch weiter eine qualitativ hochwertige und wohnortnahe stationäre Versorgung sicherzustellen, bedarf es dringend mehr gut ausgebildeter Ärzte und damit mehr Medizinstudienplätze in Thüringen. Angehende junge Ärzte, die in Thüringen studieren und auch hier ihre Facharztweiterbildung absolvieren, können mit großer Wahrscheinlichkeit auch für eine spätere ärztliche Tätigkeit in Thüringen gewonnen werden.“

Rainer Poniewaß, Geschäftsführer der Landeskrankenhausgesellschaft Thüringen e.V.

Verband Leitender Krankenhausärzte Thüringen

„Die Patientenversorgung in den Thüringer Krankenhäusern wird auf einem hohen Niveau gewährleistet. Auch in Zukunft soll dies mit fachlich qualifiziert ausgebildetem Personal erfolgen. Freie ärztliche Stellen können aber zunehmend schon heute nicht immer besetzt werden. Maßnahmen, die dem Ärztemangel insbesondere in Thüringen entgegenwirken, sind nicht ausreichend. Zusätzliche Medizinstudienplätze in unserem Bundesland sind eine dringende Notwendigkeit für die zukünftige Gesundheitsversorgung.“

Dr. med. Frank Lange, Vorsitzender des VLK-Landesverbandes Thüringen

AOK PLUS

„Die AOK PLUS unterstützt seit langem verschiedene Initiativen zur Gewinnung ärztlichen Nachwuchses, so auch die Forderung nach mehr Medizinstudienplätzen in Thüringen. Wir brauchen neben einer Erhöhung der Zahl der Medizinstudienplätze aber auch neue Formen der Ausbildung, damit die in Thüringen ausgebildeten Mediziner anschließend für die Menschen vor Ort da sind“

Rainer Striebel, Vorsitzender des Vorstandes der AOK PLUS

IKK classic

„Thüringen steht vor großen demografischen Herausforderungen. Das hat der jüngst veröffentlichte Sozialstrukturatlas erneut bewiesen. Um darauf adäquat zu reagieren und die medizinische Versorgung auch in Zukunft sicherstellen zu können, sollte in die Ausbildung künftiger Ärztinnen und Ärzte investiert werden. Eine Erweiterung der Ausbildungskapazitäten darf nicht länger Wunschvorstellung bleiben, sondern muss mit konkreten Maßnahmen umgesetzt werden.“

Andreas Gärtner, Landesgeschäftsführer der IKK classic in Thüringen.

BARMER

„Wer heute Arzt werden möchte, strebt selten nach einer 60-Stunden-Woche in einer Einzelpraxis, sondern nach kooperativer Arbeit in Ärztenetzen, die Zeit lässt für das Familienleben. Das ist auch gut so, denn moderne Medizin braucht mehr Zusammenarbeit. Das heißt aber auch, dass mehr Ärztinnen und Ärzte nötig sind, allein um dieselbe Arbeit zu schaffen. Es braucht insgesamt mehr qualifizierte Fachkräfte im Gesundheitswesen, um Ärzte zu entlasten. Wichtig ist uns als BARMER, dass Ärzte vor Ort in den Kommunen attraktive Arbeits- und Lebensbedingungen vorfinden, damit sie in Thüringen bleiben und nicht nach dem Studium abwandern. Das ist eine gesamtgesellschaft-liche Aufgabe.“

Birgit Dziuk, Landesgeschäftsführerin der BARMER in Thüringen

Techniker Krankenkasse

„Grundsätzlich ist die Zahl der Medizinstudienplätze nicht allein ursächlich für den Grad der ärztlichen Versorgung im Freistaat. Thüringen darf hier dennoch nicht den Anschluss an die Entwicklung in anderen Ländern verlieren. Eine maßvolle Erhöhung der Studienkapazitäten kann Engpässen in der Zukunft entgegenwirken. Bei der Vergabe der zusätzlichen Plätze müssen jedoch die regionalen Versorgungsnotwendigkeiten stärker in den Blick genommen werden. Dies kann etwa durch eine Gesetzesänderung (Landarztquote) sowie ein damit verbundenes, spezielles Auswahlverfahren für Bewerber auf zusätzliche Studienplätze erfolgen, z.B. bei der Kassenärztlichen Vereinigung.“

Guido Dressel, Leiter TK-Landesvertretung Thüringen

DAK-Gesundheit

„Auch wenn es kritische Stimmen gibt: Der Verweis auf die Kosten dieser zusätzlichen Studienplätze in Thüringen und auch das bestehende Potential, Arztkapazitäten durch Bürokratieabbau und Innovationen im Bereich der Telemedizin zu erhöhen, können kein Argument gegen eine Forderung nach mehr Medizinstudienplätzen in Thüringen sein. Es muss uns bewusst sein, dass in Kenntnis der demographischen Entwicklung, Änderungen in der Bedarfsplanung und der Altersstruktur der Ärzte in Thüringen viele erfolgversprechende Maßnahmen ergriffen werden müssen, um die medizinische Versorgung unserer Bevölkerung zu gewährleisten. Mehr Medizinstudienplätze in Thüringen sind dabei ein wichtiger Baustein.“

Marcus Kaiser, Leiter der Landesvertretung Thüringen der DAK-Gesundheit

Landesseniorenrat Thüringen

„In unserer älter werdenden Gesellschaft wächst der Anteil chronisch beziehungsweise mehrfach erkrankter Patienten. Die Ergebnisse des kürzlich veröffentlichten 2. Thüringer Seniorenberichts zeigen, dass Senioren auf medizinische Behandlung angewiesen sind und die (Fach-)Ärzteversorgung vor allem in den ländlich geprägten Gebieten als prekär wahrnehmen.“

Dr. Jan Steinhaußen, Geschäftsführer des Landesseniorenrates Thüringen

 

Außerdem verweisen wir auf die Pressemitteilung von Landesärztekammer, KV,  Landeskranken-hausgesellschaft und Verband Leitender Krankenhausärzte zu diesem Thema vom 12. Juni 2019.

Wir werden die Wahlprogramme der Parteien sorgfältig auf ihre Position zu der von uns erhobenen Forderung sowie auf andere Vorschläge zur nachhaltigen Sicherstellung der ärztlichen Versorgung in Thüringen prüfen und nach der Wahl das Gespräch mit den Landtagsfraktionen und der neuen Landesregierung zu diesen Fragen suchen.

Hintergrund:

In Thüringen stehen an der Friedrich-Schiller-Universität Jena jährlich 260 Medizinstudienplätze zur Verfügung. Wie an praktisch allen anderen Hochschulen bundesweit gibt es jedoch ein Mehrfaches an Bewerbern (bundesweit ca. 65.000 Bewerber auf ca. 9.500 Plätze). Junge Menschen, die Arzt werden wollen, gibt es also genügend.

Mehrere Bundesländer haben bereits zusätzliche Medizinstudienplätze geschaffen oder sind dabei:

Sachsen plant ca. 100 Medizinstudienplätze an der Uni Chemnitz zusätzlich zu den Plätzen in Dresden und Leipzig,

Brandenburg hat 2014 eine Medizinische Hochschule in Neuruppin mit jährlich 48 Studienplätzen gegründet (Verdopplung geplant) und will ab 2023 in Cottbus weitere Studienplätze schaffen.

Bayern hat am Uniklinikum Augsburg 80 Medizinstudienplätze pro Jahr geschaffen (Erweiterung bis auf 200 geplant).

Baden-Württemberg schafft ab 2020 insgesamt 150 zusätzliche Medizinstudienplätze in Ulm, Tübingen, Freiburg, Heidelberg und Mannheim.

Niedersachsen schafft ab 2020/21 50 zusätzliche Medizinstudienplätze in Hannover.

Das Thüringer Ministerium für Wirtschaft, Wissenschaft und Digitale Gesellschaft hatte im Juni erklärt, Thüringen biete im bundesweiten Vergleich bereits heute überdurchschnittlich viele Medizinstudienplätze an. Das ist grundsätzlich nicht falsch: rund 2,5 Prozent der Einwohner Deutschlands leben in Thüringen, rund 2,7 Prozent der Medizinstudienplätze an deutschen Hochschulen werden in Thüringen angeboten. In Thüringen besteht durch den im deutschlandweiten Vergleich deutlich höheren Anteil an älteren Menschen und die hohe Krankheitslast in der Bevölkerung aber auch ein deutlich höherer Bedarf an ärztlicher Versorgung. Andere Bundesländer mit ähnlichen demografischen Konstellationen (z. B. Sachsen, Brandenburg) haben darauf bereits reagiert. Der Anteil der Thüringer Medizinstudienplätze wird daher möglicherweise bald unterdurchschnittlich sein. Die gemessen an der Bevölkerung meisten Medizinstudienplätze in Deutschland bietet Mecklenburg-Vorpommern.

Thüringen

Franziska Becher
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