„Psychische Erkrankungen sind für kleine Betriebe eine Katastrophe“

Veranstaltung für mehr Gesundheit im Betrieb in der Handwerkskammer OWL

(Bielefeld, 03.02.2016). Knapp 150 Betriebsinhaber und Führungskräfte von Handwerksbetrieben aus Ostwestfalen-Lippe folgten vergangenen Mittwoch (1. Februar) der Einladung der Krankenkasse IKK classic sowie verschiedener Handwerksorganisationen und kamen in die Handwerkskammer OWL in Bielefeld. Dort fand die Veranstaltung „Gesunde Mitarbeiter – starker Betrieb“ statt. Referenten aus Wissenschaft und Entertainment diskutierten zusammen mit Betriebsinhabern über die Gesundheit im Betrieb.

Besondere Herausforderungen für Betriebe

Dr. Uta Walter, Geschäftsführerin für wissenschaftliche Weiterbildung zum Thema "Betriebliches Gesundheitsmanagement" an der Universität Bielefeld, eröffnete als Referentin die Runde. Anfangs erläuterte sie, wie sich die Arbeit in den letzten Jahrzehnten verändert hat: Arbeitnehmer müssten heute nicht mehr nur Maschinen bedienen, sondern mit anderen Menschen zusammenarbeiten – mit Kollegen, Vorgesetzten und Kunden. „Das Gehirn ist in unserer Gesellschaft das wichtigste Organ für Arbeit und Gesundheit, und Kooperation das wichtigste Arbeitsinstrument“, sagte sie. Die Herausforderungen für Betriebe seien – neben dem demografischen Wandel und dem Fachkräftemangel – die Veränderungen von Strukturen und Prozessen sowie steigender Wettbewerbsdruck, die Digitalisierung und  die Zunahme chronischer Erkrankungen und psychischer Beeinträchtigungen.

Top-Belastungen im Arbeitsalltag

Studien belegen, dass sich die Fehlzeiten aufgrund psychischer Erkrankungen innerhalb nur einer Generation verfünffacht haben. 38,5 Tage beträgt die durchschnittliche Ausfallzeit pro Fall, Frauen sind häufiger betroffen als Männer. Eine Umfrage der Technischen Universität Chemnitz aus dem Jahr 2016 zeigt: 86 Prozent der befragten Arbeitnehmer leiden unter ständigem Termindruck, schlechtem Arbeitsklima und emotionalem Stress, zum Beispiel durch die Arbeit mit Patienten, Schülern oder Kunden. Werden psychische Belastungen zu einem Dauerzustand, steigt das Risiko, längerfristig krank zu werden. „Das ist insbesondere für kleine Betriebe mit wenig Personal eine Katastrophe und kann zu hohen Produktivitätsverlusten führen“, so Walter weiter. Betriebe sollten sich aber nicht nur um erkrankte Mitarbeiter kümmern, denn es gebe schließlich noch mehr Arbeitnehmer: Die, die nur (noch) Dienst nach Vorschrift machen, und die, die trotz Beeinträchtigungen „anwesend“ sind – Stichwort Präsentismus. Nur insgesamt 16 Prozent der Arbeitnehmer in Deutschland haben eine hohe Bindung an ihren Arbeitgeber. „Es ist also Zeit, dringend etwas zu tun und Gesundheit im Betrieb zum Thema zu machen“, sagte Walter.

Hilfe bei Experten suchen

BGM – beispielsweise mit der IKK classic – ist dafür ein geeignetes Instrument. „Hier aber bitte keinen blinden Aktionismus an den Tag legen, eher kleine Schritte machen und das Ganze wohl überlegt und systematisch angehen“, riet Walter den Unternehmen. „Zuerst die Situation analysieren, Ziele sowie Maßnahmen und Instrumente auswählen, diese durchführen und anschließend evaluieren.“ Kleine Unternehmen sollten Netzwerke – wie die Handwerkskammer in Bielefeld oder die Kreishandwerkerschaften – nutzen und/oder sich mit anderen Unternehmen zusammen tun.

Innere Einstellung ist wichtig

Nach so viel Input kam Schauspieler, Komiker und Redner Johannes Warth auf die Bühne. In seinem Vortrag „Mit sieben Schritten zum Erfolg“ kam er direkt auf die innere Einstellung jedes einzelnen zu sprechen. Und diese beginne schon morgens vor dem Spiegel im Badezimmer. Die innere Einstellung sei auch verantwortlich dafür, ob wir in unserem Job erfolgreich sind, oder nicht. Sie zeige nämlich auf, was man selbst über sich denkt. „Ich komme übrigens auch aus einem Handwerksbetrieb“ outete sich Warth. „Ich bin in einer typischen ‚Moped-Werkstatt‘ aufgewachsen.“ Er rief die Betriebe auf, Neues zu wagen und keine Angst vor Veränderungen zu haben.

Erfahrungen aus der Praxis

Friedhelm Koch, Malermeister aus Paderborn, hatte jedenfalls keine Angst vor Veränderungen, als er in seinem Unternehmen BGM einführte. Bei den knapp 40 Mitarbeitern war der Krankenstand hoch. Durch die hohen Ausfallzeiten entstand der Firma allein im Jahr 2015 ein Schaden von rund 100.000 Euro. Nach einer Mitarbeiterbefragung wurden sieben Mitarbeiter auserkoren, in einem Gesundheitszirkel für die festgestellten Belastungen Lösungen zu finden. Doch welches Rezept gibt es denn nun, den Mitarbeitern gesundheitsbewusstes Verhalten nahezubringen? „Das ‚Koch-Rezept‘ ist, das Thema Gesundheit nicht als Reparaturbetrieb zu betrachten“, erklärte er. „Man sollte lieber so leben und arbeiten, dass bestimmte verhaltensbedingte Erkrankungen gar nicht erst auftreten. Das Ziel ist: In hohem Alter kerngesund sterben und bis dahin zufrieden leben.“

„Das Handwerk boomt, die Auftragslage ist gut. Aber auf den Mitarbeitern lastet ein hoher Zeitdruck“, sagte Bülent Simsek, technischer Betriebsleiter bei der Firma Bentrup Dach und Fassade in Bielefeld. Auch in diesem Betrieb lief nicht alles rund: Die Stimmung unter den Kollegen war sehr schlecht, darunter litt natürlich auch die Arbeit. Die Firma holte sich Rat bei der IKK classic. Ein Stress-Check gab Aufschluss über die Verfassung der Mitarbeiter. In den anschließenden Gesprächen mit den IKK-Gesundheitsexperten waren die Beschäftigten erstaunlich offen. Es kam viel Kritik, aber auch viel Positives auf den Tisch. In einen Vortrag lernten die Mitarbeiter Grundlegendes über den Umgang mit Stress. Simsek riet den Teilnehmern, die Stimmung der Mitarbeiter unbedingt zu beobachten, regelmäßig das Gespräch zu suchen, die Gemeinschaft zu fördern und externe Hilfe anzunehmen.

Mehr Informationen zum BGM mit der IKK classic unter: www.ikk-classic.de/bgm.

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