Präsentationen: Was Vortragende von Hitchcock lernen können

Präsentationen sind oftmals langweilig. Der Hauptgrund dafür liegt in einem Mangel an Spannung – die Zuhörer schweifen ab oder beschäftigen sich mit etwas Anderem. Doch das muss nicht sein. Wer sich beim Krimi-Altmeister Alfred Hitchcock umschaut, kann viel über Spannung lernen, auch für Präsentationen.

Wann haben Sie zuletzt an einer wirklich spannenden Präsentation teilgenommen? Statistisch gesehen erfüllt nur jede 33ste dieses Kriterium, die anderen sind eher langweilig. Dabei müssen sich die Zuhörer ohnehin konzentrieren, weil sie die Inhalte der Präsentation für ihre Arbeit brauchen. Oder aber – und das passiert leider gar nicht so selten – sie schalten ab, lesen lieber ihre E-Mails oder bemühen ihren Schreibblock. Doch wie können Präsentationen spannender aufgebaut und vorgetragen werden? Ein Anhaltspunkt findet sich beim Altmeister des Fernseh-Thrillers, Alfred Hitchcock. Nicht von ungefähr haben ihm seine Kinostreifen den Beinamen „Master of Suspense“, Meister der Spannung, eingebracht.

Nicht gleich alles verraten

Spannung entsteht auf mehreren Ebenen. Die Dramaturgie, also der Spannungsbogen einer Handlung, ist das Wichtigste. Doch was tun viele Präsentatoren? Sie nennen die große Überraschung schon auf der Titelfolie. Oder sie haben gar keine parat. Können Sie sich einen Krimi vorstellen, bei dem es keine Überraschungen gibt? Nehmen wir an, Sie präsentieren ein neues Produkt, einen Staubsauger beispielsweise. Nennen wir dieses neue Modell spannenderweise „MX 500“. Auf der ersten Folie steht: „Der neue Staubsauger MX 500 – jetzt mit Bi-Turbo.“

Damit ist eigentlich schon alles gesagt, denn wenn schon aus der Titelseite entnommen werden kann, dass das große Highlight des Modells der Bi-Turbo ist, warum sollte dann noch jemand einer halbstündigen Präsentation zuhören? Dagegen verrät die folgende Überschrift zunächst nichts: „Eine neue Generation mit einer Innovation: MX 500.“

Sie ließe sich möglicherweise noch schöner formulieren, doch sie hat einen enormen Vorteil. An dieser Stelle will nämlich jeder wissen, worum es sich denn bei dieser Innovation eigentlich handelt. Auch wenn Sie als Präsentator denken, es wisse im Raum sowieso schon jeder, dass das Produkt einen Bi-Turbo hat, tun Sie trotzdem so, als wäre es eine Überraschung!

Es geht also nicht um die Überschrift auf der Titelfolie, sondern um die Grundidee des Aufbaus Ihrer Präsentation. Überlegen Sie, was Ihr Highlight ist – oder was Sie zum Highlight machen können. Wer den Mörder schon zu Beginn kennt, für den ist immer noch spannend, wie man ihm auf die Schliche kommt. Irgendetwas muss es sein, auf das Ihr Publikum voller Spannung wartet. Die Titelfolie kann in vielen Fällen ganz verschwinden. Die entscheidende Frage: Unterstützt sie die Spannung oder nimmt sie sie?

Suspense ist die Kunst, dem Publikum immer einen gewissen Vorsprung gegenüber dem Helden zu geben. So ähnlich hat es jedenfalls Hitchcock selbst versucht zu definieren. Die zweite Spannungstechnik lautet Tension. Während Suspense eher die Dramaturgie betrifft, die des ganzen Films und die einzelner Szenen, betrifft Tension den Augenblick oder höchstens eine Szene. Wenn Sie in Ihrer Präsentation also endlich auf die Innovation zu sprechen kommen, ist das in folgender Variante nicht gerade aufregend: „Und die Innovation beim MX 500 ist der Bi-Turbo, den es erstmals in einem Staubsauger gibt.“ Mit Tension sieht das Ganze dann so aus: „Ich habe Ihnen eine Innovation versprochen. Der MX 500 ist das erste Modell, das diese Innovation hat. Der MX 500 ist der erste Staubsauger mit: Bi-Turbo.“

Zum einen haben Sie wieder die spannendste Information an den Schluss gestellt. Zum anderen ist jetzt eines wichtig: Der Doppelpunkt vor dem Wort „Bi-Turbo“ wird zur Pause – mit entsprechender Betonung. Und je länger Sie diese Pause aushalten, desto größer der Moment der Tension. Natürlich gibt es eine Steigerung, die weiter geht als diese kurze Sprechpause. An der Stelle des Doppelpunktes blättern Sie langsam ein Blatt auf dem Flip-Chart um und zeigen eine vorher vorbereitete, einfache Zeichnung des Bi-Turbo. Die Zuschauer versuchen nun zu verstehen, was die Zeichnung soll. Und wieder warten Sie so lange es geht, um dann zu sagen: „Bi-Turbo“. Eine weitere Steigerung könnte folgendermaßen lauten: „Und bevor ich Ihnen sage, was diese Innovation ist, lassen Sie uns einen Blick auf die Besonderheiten der Modelle MX 300 und MX 400 werfen.“

Die nächsten Sätze dienen dann vor allem der Tension. Denn nach Ihrer Ankündigung der Innovation zögern Sie dadurch ein weiteres Mal. Wenn Sie das alles flüssig und locker sagen, wirkt es auch nicht übertrieben. Natürlich kommt es darauf an, dass dem Publikum Ihre Techniken als solche gar nicht bewusst sind. Denn dann wirkt es aufgesetzt und billig, wie in einer Daily Soap. Bei Hitchcock hingegen wirkt Tension nie aufgesetzt – und doch ist sie allgegenwärtig. Falls Sie die Bilder noch im Kopf haben: Im Film „Bei Anruf Mord“ steht der gedungene Mörder mit einem Schal hinter der telefonierenden Grace Kelly. Er soll sie erwürgen. Es meldet sich niemand am anderen Ende der Leitung. Sie will auflegen, senkt die Hand mit dem Hörer. Der Mörder hebt den Schal. Grace Kelly zögert. Führt den Hörer nochmals zum Ohr. Der Mörder muss warten. Wieder ruft Sie „Hallo“ in den Hörer. Dann erst legt sie auf. Der Mörder wirft ihr den Schal um den Hals.

Für die formale Ebene der Spannung sind Fragen wichtig wie: Mit welchen Bildern, Kameraeinstellungen und sprachlichen Mitteln etwa wird die Handlung erzählt und aus welcher Perspektive nimmt der Zuschauer sie wahr? Gleiches gilt für Ihre Präsentation. Hier geht es um die Frage, wie Sie Sprache, Stimme, Körpersprache, Mimik, Blickkontakt und – immer wieder – Pausen einsetzen. Denn die schönste Dramaturgie nützt nichts, wenn Sie selbst mit blassen Bildern ohne Charme präsentieren. Nämlich dann, wenn Sie mit monotoner Stimme, zu wenig Gestik und Mimik oder ohne Kontakt zum Publikum sprechen. Wenn etwas spannend sein soll, dann muss das Publikum die Spannung auch in Ihrem Körper spüren. Eine weiche Haltung würde in diesem Moment die Spannung zerstören.

Es kommt darauf an, wie Sie etwas erzählen, bei dem Sie sich echauffieren, von dem Sie begeistert waren oder das Sie total überrascht hat. Diese Emotionalität dürfen Sie in einer Präsentation durchaus deutlich steigern, denn Sie sprechen nicht zu einer einzelnen Person, sondern zu einer Gruppe. Sie sprechen nicht mit Personen, die nur in einem halben Meter Abstand zu Ihnen sitzen, sondern zu einem großen Saal, in dem die Personen mehreren dutzend Meter von Ihnen entfernt sitzen. Sie sprechen nicht über eine nette Geschichte, sondern über etwas, von dem Sie überzeugen wollen.

Üben und trainieren Sie also regelmäßig lebendig, emotional und spannend zu sprechen! Denn nur mit entsprechender Übung erzielt Ihre Präsentation auch die beabsichtigte Wirkung. Ganz einfach gesagt: Publikum, das nicht zuhört, versteht nichts. Je spannender Sie Ihr Thema aber aufbereiten und präsentieren, desto mehr Aufmerksamkeit und desto mehr Interesse wird Ihnen entgegen gebracht. Das steigert Ihre Chancen zu überzeugen und Ihr Ansehen als kompetenter, souveräner und eloquenter Präsentator steigt. Es macht einfach Spaß, Ihnen zuzuhören.

In aller Kürze

Bereits ein paar einfache Tricks machen Sie zwar nicht gleich zum "Meister der Spannung", aber auf jeden Fall zum Gesellen:

  • Wichtigste Überlegung: Was ist das Highlight oder was kann zum Highlight werden?
  • An Momente, die starke Emotionen ausgelöst haben – positive oder negative – erinnert man sich am besten.
  • Spannung hat mit Neugierde zu tun – auch wenn das Warten auf die Auflösung manchmal fast wehtut. Spannungsbogen aufbauen und nicht die Überraschung schon am Anfang nennen.
  • Möglichkeiten, um Spannung zu erzeugen, sind: das Verzögern der Auflösung, das Dehnen eines Moments, der Wissensvorsprung gegenüber dem Darsteller, die Macht der Bilder, unerwartete Wendungen und vieles mehr.
  • Klarheit und Einfachheit sind immens wichtig. Mit einer anschaulichen Sprache kann man zudem Bilder malen und Emotionen wecken.
  • Sprachtechniken wie direkte Ansprache, Sprechpausen und rhetorische Fragen einsetzen.
  • Humor lockert auch in einem seriösen Umfeld die Atmosphäre auf. Souveränität, Entspanntheit und die eigene gute Stimmung lassen den Humor locker wirken.
  • Um lebendig, emotional und spannend zu sprechen, heißt es: Übung macht den Meister. Dazu gehört auch, Gestik und Mimik einzubeziehen.
  • Der Mittelpunkt einer Präsentation muss der Vortragende sein. Folien dienen meist nur zu seiner Unterstützung.

Quelle: Michael Moesslang „So würde Hitchcock präsentieren - Überzeugen Sie mit dem Meister der Spannung“ 

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