Faszination Biathlon: Wenn Deutschland vor dem Fernseher sitzt

Biathlon fasziniert Deutschland. 3,68 Millionen Zuschauer haben im vergangenen Winter im Durchschnitt bei den Übertragungen bei ARD und ZDF zugeschaut. Damit steht die spannende Kombination aus Laufen und Schießen laut Statista noch vor dem Skispringen (3,56 Millionen) an der Spitze der Publikumsgunst. Das hat natürlich etwas damit zu tun, dass Deutschland historisch die erfolgreichste Nation aller Zeiten im Biathlon ist. Mindestens genauso wichtig wie deutsche Erfolge ist jedoch die einmalige Dramatik und Unberechenbarkeit des Sports, die einem vor Ort oder am Fernseher mitfiebern lässt.

Von Angerer bis Wilhelm: Unsere Biathlon-Helden

Neuner: „Extrem schwierig und extrem spannend“

Die Biathlon-Ikone Magdalena Neuner bringt es auf den Punkt: „Für mich besteht die größte Faszination aus der Kombination von Laufen und Schießen. Dies sind zwei Disziplinen, die im Gegensatz zueinander stehen und deshalb eigentlich überhaupt nicht zueinander passen. Dass man die Ausdauer und Kraft des Laufens mit der Konzentration am Schießstand verbinden muss, macht diesen Sport so extrem schwierig, aber gleichzeitig auch so extrem spannend für Athleten und Zuschauer. Nur zu laufen, zu starten und irgendwann ins Ziel zu kommen – da hat mir persönlich immer etwas gefehlt. Deshalb habe ich schon sehr früh mit dem Biathlon begonnen.“

Zum zweiten Mal Mama geworden

Mit zwölf Titeln ist Neuner die erfolgreichste deutsche Biathlon-Sportlerin aller Zeiten bei Weltmeisterschaften. Sie wurde dreimal deutsche Sportlerin des Jahres, was die Popularität der Sportart dick unterstreicht. Auch wenn die gebürtige Garmisch-Partenkirchnerin erst 29 Jahre alt ist, ist die große Zeit der 2012 zurückgetretenen Sportlerin schon wieder ein paar Jahre her. Am 7. November ist die zweimalige Olympiasiegerin gerade zum zweiten Mal Mutter geworden – die kleine Vreni hat mit Josef nun einen Bruder. Für den Biathlon-Nachwuchs der Zukunft ist also gesorgt.

Lange Liste deutscher Biathlon-Helden

Magdalena Neuner ist die Nummer 1 einer langen Liste deutscher Biathlon-Helden. Ob Frank Ullrich, Peter Angerer, Frank-Peter Roetsch, Michael Greis, Frank Luck, Ricco Groß, der heutige Männer-Bundestrainer Mark Kirchner und TV-Experte Sven Fischer bei den Männern oder Antje Misersky, Uschi Disl, Petra Behle oder die TV-Expertin Kati Wilhelm bei den Frauen. Aktuell sind Weltmeister wie Laura Dahlmeier oder Simon Schempp die deutschen Vorzeige-Figuren. Die bei der Weltmeisterschaft im Februar 2017 im österreichischen Hochfilzen wieder absahnen wollen.

Im Fußball-Stadion: Biathlon auf Schalke

Zuvor stehen jedoch rund um den Jahreswechsel die Biathlon-Highlights in Deutschland auf dem Plan, die jeden Winter Zehntausende Fans vor Ort und Millionen vor den TV-Bildschirmen begeistern. Neben den Traditions-Weltcups in Oberhof und Ruhpolding genießt dabei das „Biathlon auf Schalke“ eine Ausnahmestellung. Das Event findet am 28. Dezember 2016 bereits zum 15. Mal statt und bringt die Biathlon-Stars der Welt in ein Fußball-Stadion mitten in eine Metropolregion. Die Show, die von einem attraktiven Rahmenprogramm samt Winterdorf und Schneeballschlacht-WM begleitet wird, begeistert alljährlich über 40.000 Fans.

Von damals bis heute: Die Geschichte des Biathlon

Jagd auf Wildtiere als Ursprung

Was heute ein Spektakel ist, das die Massen begeistert, diente in seinen Ursprüngen schlichtweg dem Überleben. Höhlenmalereien aus Norwegen beweisen, dass Menschen schon vor über 5000 Jahren mit so etwas wie Ski an den Füßen auf die Jagd nach Wildtieren gingen. Der Biathlonsport entwickelte sich dann in Skandinavien und später im Deutschen Reich im militärischen Bereich. Der sogenannte Militär-Patrouillenlauf gehörte 1924 zum Programm der ersten Olympischen Winterspiele und stand später noch dreimal als Demonstrationssportart im Programm. Die Sportart war damals ausschließlich Teams vorbehalten, die gemeinsam eine Strecke zwischen 25 und 30 Kilometern absolvieren mussten und für Treffer bei der Schießprüfung eine Zeitgutschrift erhielten.

Olympia-Premiere des Biathlon im Jahr 1960

Nach dem Zweiten Weltkrieg wurde der Sport entmilitarisiert und auch für „Zivilisten“ geöffnet. Der Begriff Biathlon, was lateinisch Zweifach-Kampf heißt, wurde eingeführt. 1958 gab es im österreichischen Saalfelden die ersten Weltmeisterschaften, bei denen zunächst nur die Männer im Einzelwettkampf über 20 Kilometer und in der Staffel um Gold kämpften. Nur zwei Jahre später, im Jahr 1960, wurde Biathlon olympisch; mit dem 20-km-Lauf der Männer. Durch die militärische Vergangenheit blieb der Sport lange Männern vorbehalten, doch 1984 gab es schließlich auch die ersten Weltmeisterschaften der Frauen. Seit 1992 ist Biathlon auch für die Frauen olympisch und hat in den letzten Jahrzehnten eine spektakuläre Entwicklung hin zur beliebtesten Fernseh-Sportart im Winter genommen.

Neue Technik, neue Scheiben

Die Popularität des Sports hängt auch damit zusammen, dass sich der Winter-Zweikampf in Zusammenarbeit mit den TV-Sendern stetig weiterentwickelt hat. Das gilt zum einen für die Technik: Wurde am Anfang noch auf Luftballons geschossen, setzten sich zu Beginn der 80er Jahre schwarze Klapp-Metallscheiben durch, die bei einem Treffer durch den Aufprall automatisch abklappten. Heute sind die Schießstände meist vollelektronisch – wenn der Aufpralldruck des Geschosses groß genug ist, sorgt ein Sensor dafür, dass ein Treffer angezeigt wird. Weiterentwickelt hat sich auch die Langlauftechnik – der Parallel-Stil ist seit knapp 30 Jahren durch die Skating-Technik abgelöst worden. Die besten Biathleten können in dieser Technik auch mit der Weltspitze der Spezialisten im Skilanglauf mithalten. Häufiger ist jedoch der Wechsel von Skilangläufern hin zum Biathlon, weil sich damit zumindest in Deutschland besser Geld verdienen lässt. Neben Olympiasiegerin Kati Wilhelm ist aktuell Miriam Gössner ein Beispiel für diesen Weg.

Die Disziplinen: Einzel, Staffel, Sprint, Verfolgung und Massenstart

TV-Revolution: Alles noch dramatischer

Regelrecht revolutionäre Veränderungen hat es in den Wettkampf-Disziplinen im Biathlon gegeben. Begonnen hat alles mit dem Einzel-Wettkampf, den es heute immer noch gibt. Auf den 20 Kilometern (Männer) beziehungsweise 15 Kilometern (Frauen) muss viermal geschossen werden, je zweimal stehend und zweimal liegend. Bei jeder Schießserie müssen wie in allen anderen Disziplinen fünf Scheiben getroffen werden. Jeder Fehler wird mit einer Strafminute bestraft. Die zweitälteste Disziplin ist die Staffel - 4 x 7,5 Kilometer (Männer) beziehungsweise 4 x 6 Kilometer (Frauen) – in dem für jedes Land vier Teilnehmer antreten. Jeder Starter muss einmal stehend und einmal liegend schießen. Die besondere Spannung bezieht der Wettbewerb dadurch, dass alle Teams gemeinsam starten und damit immer genau nachzuverfolgen ist, wer gerade an der Spitze liegt. Für zusätzliche Dramatik sorgt, dass nach fünf Schüssen nachgeladen werden kann, falls nicht alle Scheiben getroffen wurden. Bleiben auch nach den drei Nachlade-Patronen eine oder mehrere Scheiben stehen, geht es in die Strafrunde. Sie ist etwa 150 Meter lang und bedeutet einen Zeitverlust von 20 bis 30 Sekunden.

Beim Sprintrennen über 10 Kilometer (Männer) bzw. 7,5 Kilometer (Frauen) gibt es ebenfalls für jeden Fehler bei den beiden Fünfer-Schussserien eine Strafrunde. Das Ergebnis des Sprints bestimmt die Start-Abstände beim Verfolgungsrennen. Das heißt der Erste läuft auch als Erster los und wird von den nach ihm Platzierten des Sprintrennens in den Wettbewerb über 12,5 Kilometer (Männer) und 10 Kilometer (Frauen) mit vier Schießprüfungen gejagt. Jeder Fehler bedeutet auch hier sofort eine Strafrunde. Der Erste im Ziel ist auch der Sieger des Wettbewerbs. Beim Massenstartrennen starten die 30 Topathleten gleichzeitig über 15 Kilometer (Männer) bzw. 12,5 Kilometer (Frauen) inklusive vier Schießserien, wobei wieder jeder Fehler eine Strafrunde bedeutet.

Treffen mit rasendem Puls

All diese Disziplinen (Einzel, Staffel, Sprint, Verfolgung und Massenstart) gehören zum olympischen Programm. 2014 erstmals dabei war zudem die Mixed-Staffel, in der jeweils zwei Männer und zwei Frauen in einem Team laufen. Einig ist all diesen Disziplinen die gleiche Schwierigkeit: Dass Laufen und Schießen eigentlich überhaupt nicht zusammenpassen. Die Biathleten kommen nach dem stressigen Langlauf mit rasendem Puls an den Schießstand und müssen sich durch gezielte Atemtechnik so schnell wie möglich beruhigen. Die Zielscheiben in 50 Metern Entfernung sind nämlich nur 11,5 Zentimeter (stehend) und 4,5 Zentimeter (liegend) groß. Sie zu treffen ist nach der körperlichen Anstrengung eine unglaubliche Leistung – auch das ist ein Grund für die riesige Faszination des Biathlons.