Schließen

„Zuckerwerte verbessern mit Spaß“

Rund zwei Millionen Menschen in Deutschland haben Typ-2-Diabetes, ohne es zu wissen. Die Diagnose, die oft sehr spät gestellt wird, trifft viele wie ein Schock. Dabei gibt es auch gute Nachrichten: Diabetes lässt sich nämlich behandeln. Dr. med. Jens Kröger ist Internist und Diabetologe im Zentrum für Diabetologie Hamburg Bergedorf. Der Vorstandsvorsitzende der Deutschen Diabetes-Hilfe erklärt im Interview, wie es jeder Betroffene durch eigene Kraft schaffen kann, die Erkrankung in den Griff zu bekommen.

Herr Dr. Kröger, weshalb ist es so wichtig, Diabetes Typ 2 zu behandeln?

Ein dauerhaft hoher Blutzuckerspiegel richtet im Körper gravierende Schäden an. Es kann zu Augenhintergrund-, Nieren- und Herzerkrankungen, zu Störungen an den Nerven sowie Durchblutungsstörungen in den Beinen und im Gehirn kommen. Da erhöhte Zuckerwerte allein lange Zeit keine Beschwerden verursachen, wird der Typ-2-Diabetes hierzulande häufig etwa acht bis zehn Jahre zu spät erkannt. Manchmal wird der Diabetes erst festgestellt, wenn die Betroffenen wegen der genannten Folgeerkrankungen zum Arzt gehen.

Welche Möglichkeiten gibt es, den Diabetes früher zu erkennen?

Viele Versicherte wissen gar nicht, dass sie ab dem 35. Lebensjahr alle zwei Jahre einen kostenlosen Gesundheits-Check-up bei ihrem Hausarzt machen können. Hierbei wird auch der Nüchternblutzucker gemessen. Ab einem Wert von 126 mg/dl (7 mmol/l) besteht ein Diabetes mellitus. Doch selbst, wenn sich dieser darunter bewegt, heißt das nicht, dass man nicht gefährdet ist. Der Nüchternblutzucker alleine sagt nämlich noch nicht viel darüber aus, wie hoch das persönliche Risiko ist.

Erst wenn der Nüchternblutzucker mit dem Langzeitblutzucker, dem sogenannten HbA1c-Wert, abgeglichen und weitere individuelle Risikofaktoren miteinbezogen werden, lässt sich das Diabetes-Risiko sicher bestimmen. Grundsätzlich gilt: Der HbA1c-Wert sollte 6,5 mmol/l nicht übersteigen. Mithilfe des Diabetes Risiko-Tests kann man ermitteln, wie hoch das individuelle Risiko ist, in den nächsten fünf Jahren einen Diabetes zu entwickeln. Vor allem Personen, die familiär vorbelastet sind, sollten sich dahingehend untersuchen lassen – und folglich schnell gegensteuern.

Welche Faktoren haben Einfluss auf den HbA1c-Wert?

Die typischen Ursachen für Typ-2-Diabetes sind Übergewicht, Bewegungsmangel und falsche Ernährung. Der erste Schritt, um Diabetes zu verhindern oder ihn aufzuhalten, ist bei Übergewicht also eine Gewichtsreduktion. In erster Linie bedeutet das eine konsequente Ernährungsumstellung – weniger Zucker, weniger Fett und Salz, dafür mehr Ballaststoffe, Gemüse sowie langkettige Kohlenhydrate wie sie zum Beispiel in Vollkornprodukten stecken. Parallel ist es wichtig, dass Betroffene ihre Fitness verbessern, denn Bewegung wirkt sich positiv auf die Insulinresistenz aus, die häufig beim Diabetes Typ 2 vorliegt.

Fast Facts zu Typ-2-Diabetes

Sehr häufig fangen Diabetes Typ 2-Patienten in Sachen Sport bei Null an. Welche Sportarten würden Sie empfehlen, um den HbA1c-Wert zu senken?

Toll sind Ausdauersportarten wie Laufen und Walken. Bei starkem Übergewicht ist Wassergymnastik sehr gut, da durch den Auftrieb die Gelenke nicht belastet werden. Aber auch ein moderates Krafttraining, bei dem die Hauptmuskelgruppen angesprochen werden, ist sehr zu empfehlen. Denn je mehr Muskeln aktiviert werden, desto leichter kann der Zucker aus der Blutbahn in die Zellen transportiert werden.

Mein Motto lautet aber immer: „Zuckerwerte verbessern mit Spaß“. Es geht gar nicht darum, auf einmal zur Sportskanone zu mutieren. Man kann so vieles tun, um mehr Bewegung in seinen Alltag zu integrieren: öfter mal die Treppe nehmen statt den Fahrstuhl, lieber auf das Fahrrad oder E-Bike steigen statt in den Bus, ein bisschen Morgengymnastik am offenen Fenster, einen Tanzkurs besuchen oder zehn bis 15 Minuten Theraband-Training am Abend, während die Tagesschau läuft – man kann so vieles tun! Wichtig ist nur, dass man etwas findet, was einem Spaß macht. Dann bleibt man nämlich auch dran.

Weshalb ist es für Diabetiker so wichtig, mit dem Rauchen aufzuhören?

Menschen mit Diabetes haben ohnehin ein erhöhtes Risiko für Herz-Kreislauf-Erkrankungen wie Herzinfarkt, Schlaganfall, hohen Blutdruck und Durchblutungsstörungen in den Beinen. Dieses Risiko wird durch das Rauchen nochmal verstärkt. Außerdem steigt die Gefahr für einen diabetischen Fuß, dessen Ursachen Durchblutungsstörungen und/oder zerstörte Nervenzellen sein können. Kommt es dadurch zu offenen Geschwüren an den Füßen, sollten Menschen mit Diabetes immer sofort ihren Arzt aufsuchen, da durch die richtige Behandlung Schlimmeres wie Amputationen verhindert werden können.

Was raten Sie jemandem, der die Diagnose Diabetes gerade bekommen hat?

Es ist ganz wichtig, dass Betroffene die Zusammenhänge der Erkrankung verstehen. Nur so kann die Therapie erfolgreich sein. Deshalb bilden Schulungen beim Arzt einen ganz zentralen Punkt. Viele Vereine, aber auch Krankenkassen, bieten zum Beispiel Seminare und Kochkurse an. Hier bekommen die Teilnehmer nicht nur Tipps für den Alltag an die Hand, sondern treffen gleich auch auf Menschen, die dasselbe Leiden teilen. Auch Selbsthilfegruppen bieten sich als Anlaufstelle an. Wichtig ist auch, dass die Familie an einem Strang zieht und den Menschen mit Diabetes sinnvoll unterstützt und etwa an Schulungen nur für Angehörige teilnimmt.

Kann jeder durch eine Umstellung seiner Lebensgewohnheiten Diabetes in den Griff kriegen?

Eine sinnvolle Umstellung der Ernährung und die Aktivierung des Bewegungsverhaltens sind Grundlage jeder Diabetestherapie beim Typ-2-Diabetes. Reicht das nicht aus, können zur Unterstützung Tabletten verabreicht werden. Hilft auch das nicht, wäre der nächste Schritt eine Spritzentherapie mit sogenannten GLP 1 Analoga oder eine intensivierte Insulin- oder Kombinationstherapieform.

Wichtig ist, dass Menschen mit Diabetes verstehen, dass eine Ernährungsumstellung nicht nur Verzicht und Verbote bedeutet, sondern dass es auf einen maßvollen Umgang mit Essen mit individuell festgelegten Ernährungsstrategien hinausläuft – und am Ende um ihre Gesundheit.