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Tinnitus – Alarm aus dem Ohr

Als Martin Luther im Alter von 43 Jahren an heftigem Ohrensausen und Schwindel erkrankte, sah er darin ein Werk des „zottichten Gesellen aus der Höllen“. So wie ihm geht es heute knapp 1,5 Millionen Deutschen, die das Rauschen ein Leben lang begleitet. Doch mit Entspannungstechniken, Änderung des Lebensstils und Tinnitracks – der neuen App gegen Tinnitus – können Sie selbst aktiv für Linderung sorgen.

Als ob ein Sturm über ein Getreidefeld hinwegfegt – so beschreiben Mediziner die Situation, wenn hohe Schallwellen nach einem Silvesterknaller oder einem Abend in der Disko das Innenohr überfluten. Die winzigen Härchen im Ohr, die Geräusche in feine Schwingungen versetzen und damit ein Signal an das Gehirn übertragen, verbiegen oder brechen. Die Folge ist ein Hörsturz mit einem Gefühl, als ob das Ohr „in Watte gepackt wurde“, mit Piepsen, Rauschen oder sogar mit einer sofort einsetzenden Schwerhörigkeit. In den meisten Fällen richten sich die Härchen nach einigen Stunden wieder auf und die Beschwerden verschwinden. Geschieht dies jedoch nicht, können bleibende Einbußen des Hörvermögens und Tinnitus die Folge sein.

Die Ursachen sind häufig unklar

Strenggenommen hat jeder hörgesunde Mensch einen Tinnitus – die meisten merken dies nur nicht! Von Geburt an sind die Sinneszellen in unseren Ohren aktiv und nehmen Schallwellen auf. So entsteht ein Grundrauschen, vergleichbar mit einer Tonlage, die beim Einschalten des Stromes ein leises, aber hörbares Rauschen erzeugt. Mit Hilfe von "Hörfiltern" sind wir aber in der Lage, dieses Geräusch auszublenden. Sind diese Filter geschwächt, kommt es zum Tinnitus.

Nach Angaben der Leitlinie Chronischer Tinnitus wird bei bis zu 45 Prozent der Betroffenen keine direkte Ursache gefunden. Mediziner sprechen dann von einem idiopathischen Tinnitus. Viele Menschen verbinden ihren Tinnitus mit Leistungsdruck oder privaten und beruflichen Sorgen. Heute weiß man, dass Stress zwar keinen Tinnitus auslöst, seine Entwicklung aber begünstigen kann. In anderen Fällen können bestimmte Erkrankungen oder Ereignisse mit quälenden Ohrgeräuschen einhergehen. Dazu zählen zum Beispiel Lärmtraumata oder Erkrankungen und Infektionen des Ohres.

So schützen Sie sich vor Lärm

Kurz und leise: Eine Dauerberieselung durch ständige Hintergrundmusik schädigt das Gehör. Hören Sie nur kurze Zeit leise Musik oder schauen Sie nur begrenzt Fernsehen. Sorgen Sie für eine anschließende Still-Phase. Diese sollte mindestens so lang sein wie die Belastungsphase.

Lautstärkelimit: Bevorzugen Sie bei tragbaren Musikgeräten diejenigen mit Lautstärkebegrenzung wie AVLS (Automatic Volume Limiter System) und sorgen Sie dafür, dass diese aktiviert ist. Die AVLS-Funktion beschränkt die maximale Lautstärke und hält einen moderaten Lautstärkepegel bei.

Abstand halten: Meiden Sie bei Konzerten oder Diskobesuchen die Nähe der Boxen. Tragen Sie Gehörschutz. Für Musikliebhaber gibt es einen speziellen Schutz mit Filtern, der Frequenzen gleichmäßig dämpft und dadurch den natürlichen Klang nicht verzerrt.

Vorsicht Spielzeug: Halten Sie bei sich, anderen und besonders bei Kindern laute Objekte vom Ohr fern. Das gilt auch für manche Kinderspielzeuge wie Spielzeugpistolen oder Trillerpfeifen.

Gehörschutz: Tragen Sie bei lauten Tätigkeiten im Beruf, zu Hause und beim Musizieren Gehörschutz. Schon einfache Ohrstöpsel sind potente Lärmdämmer.

Schallschutz: Fenster, schallabsorbierende Unterdecken, Tapeten oder Akustikputz sorgen für eine gute Raumakustik. Stellen Sie laute Geräte auf schallschluckende Unterlagen.

Ab zum Arzt: Gehen Sie zum Hals-Nasen-Ohren-Arzt, wenn sich auftretende Ohrgeräusche oder ein verändertes Hörempfinden nach einem Konzert-, Diskobesuch oder Knalltrauma nicht innerhalb von einigen Stunden bessern. Ein plötzlicher Hörverlust gilt als HNO-Eilfall.

Das hilft bei Tinnitus

Abwarten: Treten die Töne akut auf, ist Ruhe und Entspannung angesagt. Meist hilft dafür schon eine gut durchgeschlafene Nacht. Sind sie nach ein bis zwei Tagen noch da, ist der Gang zum Hals-Nasen-Ohren-Arzt ratsam. Zum Ausschluss organischer Erkrankungen ist unter Umständen eine Abklärung beim Internisten, Orthopäden, Kieferorthopäden oder Neurologen nötig. Ist eine Ursache des permanenten Klingelns gefunden, wird der Arzt eine entsprechende Behandlung einleiten.

Aufklärung: Dauern die Ohrgeräusche mindestens drei Monate an, sprechen Mediziner von einem chronischen Tinnitus. Eine Behandlung, die diesen sicher zum Verschwinden bringt, gibt es laut der Leitlinie Chronischer Tinnitus nicht. Eingehende Beratung und Aufklärung, das sogenannte Tinnitus-Counseling, sind deshalb heute Grundlage jeder Tinnitus-Therapie. Speziell ausgebildete HNO-Ärzte und Psychotherapeuten analysieren zusammen mit dem Patienten, wann das Rauschen mal mehr oder mal weniger einsetzt. Dabei geht es darum zu erkennen, welche Gefühle und Situationen den Tinnitus verstärken oder schwächen, um so entsprechende Verhaltensstrategien zu erarbeiten. Gezielte Entspannungstechniken helfen beim Abschalten und sorgen dafür, dass der Tinnitus nicht die Oberhand bekommt.

Angebot der IKK classic:

Damit Sie von den positiven Effekten der verschiedenen Entspannungsübungen profitieren, erlernen Sie diese am besten unter sachkundiger Anleitung. Gelegenheit dazu haben Sie in einem Entspannungskurs oder bei den IKK Aktiv-Tagen. Beides können Sie über das Gesundheitskonto der IKK classic finanzieren.

Fällt es Ihnen im Alltag schwer, Stress und Hektik zu entfliehen? Dann besteht die Möglichkeit, eine Kompaktkur in Anspruch zu nehmen. Zusammen mit anderen Tinnitus-Betroffenen werden Sie an einem anerkannten Kurort nach einem strukturierten Therapiekonzept behandelt. Besonderer Wert wird dabei auf die Motivation zu einem gesundheitsgerechtem Verhalten gelegt.

Kognitive Verhaltenstherapie: Bei der kognitiven Verhaltenstherapie geht es nicht darum, die quälenden Ohrgeräusche zum Verschwinden zu bringen, sondern im Alltag besser mit ihnen zurechtzukommen. Denn nicht jedem gelingt es aus eigener Kraft, mit den Geräuschen zu leben. Schlafstörungen, Konzentrationsschwäche, innere Unruhe, Angstzustände bis hin zu Depressionen belasten die Betroffenen – sie kapseln sich ab. In solchen Fällen empfiehlt die Leitlinie Chronischer Tinnitus eine kognitive Verhaltenstherapie, um mit den permanenten Tönen besser zurechtzukommen, depressive Begleitsymptome zu lindern und die Lebensqualität zu verbessern.

Hörgeräte bei Hörverlust: Geht der Tinnitus mit einem Hörverlust einher, helfen Hörgeräte. Sie kompensieren den Hörverlust und steigern die Lebensqualität, indem sie Umgebungsgeräusche stärker in den Vordergrund rücken. Die quälenden Töne selbst kann ein Hörgerät jedoch nicht beseitigen. Das heißt: Tinnitus-Patienten, die nicht unter einer Schwerhörigkeit leiden, profitieren nicht von einem Hörgerät.

Angebot der IKK classic:

Versicherte der IKK classic haben Anspruch auf die Versorgung mit Hörgeräten, wenn diese durch einen Vertragsarzt verordnet wurden. Ihr Hörgeräteakustiker ist verpflichtet, Sie als Versicherter der IKK classic ausführlich zu aufzahlungsfreien Hörgeräten zu beraten und Ihnen mindestens ein Angebot zu einem geeigneten aufzahlungsfreien System einschließlich des erforderlichen Ohrpassstückes zu unterbreiten. Entscheiden Sie sich für ein aufzahlungsfreies Hörgerät, profitieren Sie von zahlreichen Vorteilen.

Noiser und Masker – Geräusche gegen Geräusche: Manchen Tinnitus-Patienten gelingt es, mit ihrer Lieblingsmusik, einem laufenden Fernseher oder Hintergrundmusik übers Radio die unangenehmen Geräusche in ihrem Ohr zu übertönen. Dieses Prinzip verfolgen Tinnitus-Masker. Die kleinen Rauschgeneratoren in Größe eines Hörgerätes leiten angenehme Töne ins Ohr, welche die Misstöne überdecken sollen. Im Gegensatz dazu leiten Tinnitus-Noiser schwach hörbare Geräusche ins Ohr, sodass der Tinnitus gerade eben noch zu hören ist. Das Gehirn soll so wieder lernen, die angenehmen Töne wahrzunehmen, die störenden jedoch nicht. Die IKK classic übernimmt die Kosten für beide Hilfsmittel nach Verordnung durch einen Arzt.

Tinnitracks – eine App gegen Tinnitus: Tinnitracks ist eine therapeutische App, mit der Tinnitus-Patienten durch Hören ihrer Lieblingsmusik die Lautstärke des Tinnitus reduzieren können. Tinnitracks adressiert gezielt die Ursache des Tinnitus – die abnorm überaktiven Nervenzellen im Hörzentrum des Gehirns –, indem die App sie mit individuell gefiltert Musik beruhigt. Mehr Informationen zur Funktionsweise von Tinnitracks finden Sie hier.

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