Mobbing am Arbeitsplatz

Verspotten, bloßstellen, ausgrenzen oder gar sexuell belästigen – Mobbing hat viele Gesichter. Das Wort leitet sich aus dem englischen „to mob“ für „anpöbeln“ ab. Gemeint ist das systematische „Fertigmachen“ oder Kaltstellen eines Menschen über einen längeren Zeitraum, in der Regel über mehrere Wochen oder Monate. Dabei ist der Gemobbte Anfeindungen verschiedenster Art ausgesetzt und kann sich aufgrund ungünstiger Machtstrukturen nur schwer zur Wehr setzen. Das hat verheerende Folgen für die Gesundheit.

Mobbing findet man überall dort, wo Menschen aufeinandertreffen: am Arbeitsplatz, in der Schule, in der Nachbarschaft, im Internet oder über das Handy (Cybermobbing), in Vereinen oder anderen Freizeitgruppen. Ja, selbst in Partnerschaften wird gemobbt. Antipathie, Frust, Neid, Konkurrenzdenken oder falsch verstandener Ehrgeiz sind meist die Motive, die zum Psychoterror führen. Dabei sind für den oder die Täter alle Methoden recht, um dem Opfer einen Denkzettel zu verpassen.

  • Nonverbale Formen: ignorieren, „wie Luft behandeln“; abwenden, wegschauen, den Raum verlassen, vom Tisch aufstehen, wenn der/die Betroffene hinzukommt; Zusammenarbeit vermeiden; persönliche Dinge des Opfers durcheinanderbringen, verstecken, zerstören; beleidigende Fotos oder Videos für alle sichtbar verbreiten; dem Opfer verletzende E-Mails oder SMS schicken  
  • Verbale Formen: beschimpfen, beleidigen, negativ kritisieren; hänseln; vor dem Opfer tuscheln; mit Worten bloßstellen; bedrohen; Gerüchte oder Unwahrheiten verbreiten; sexuelle Anspielungen  
  • Körperliche Formen: festes Zupacken, schlagen, treten, an den Haaren ziehen; sich in den Weg stellen;  erniedrigende Handlungen fordern; sexuelle Übergriffe

Jeden kann es treffen

Jede neunte Person ist in ihrem Erwerbsleben schon einmal dauerhaft und zielgerichtet im Job schikaniert worden. Da werden sinnlose Tätigkeiten angeordnet, Arbeitsergebnisse kritisiert, unterschlagen oder gar manipuliert, arbeitsrelevante Informationen zurückgehalten, Mitarbeiter vor Kollegen oder Vorgesetzten schlechtgemacht. Gemobbt wird in und zwischen allen Hierarchien. Fast 40 % aller Fälle gehen laut Mobbing-Report der Bundesanstalt für Arbeitsschutz auf das Konto der Vorgesetzten - häufig ganz gezielt, um unliebsame Mitarbeiter aus dem Betrieb zu entfernen oder um Personal abzubauen. Mobbing findet sich meist in Betrieben, in denen die Arbeits- und Betriebsorganisation mangelhaft ist und in denen wenig Wert auf eine gute Personalentwicklung und Arbeitsatmosphäre gelegt wird.
Treffen kann es jeden. Denn ein bestimmtes Verhalten oder Aussehen, das eher dazu führt, schikaniert zu werden, gibt es nicht, wie der Mobbing-Report herausfand. Starke, selbstbewusste und engagierte Persönlichkeiten werden genauso zur Zielscheibe von Mobbern wie schüchterne und sensible Menschen.

Wenn aus einem Konflikt Mobbing wird

Sympathie ist die sich spontan ergebende gefühlsmäßige Zuneigung. Woran es liegt, dass man mit manchen Personen sofort „warm wird“ und mit anderen nur langsam oder gar nicht, gehört zum ganz normalen Miteinander. Und auch nicht jeder Streit führt zu einer offenen und dauerhaften Anfeindung, nicht hinter jeder dummen Bemerkung steckt gleich Mobbing. Kleine Auseinandersetzungen unter Kollegen oder einmalige Kritik von Seiten des Vorgesetzten zählen rechtlich nicht zum Mobbing, weil hier das systematische und langfristige Vorgehen fehlt. Viele Betroffene können im Nachhinein gar nicht mehr genau sagen, wann oder warum die gezielten Anfeindungen begonnen haben. Denn der Weg vom Konflikt zum Mobbing verläuft schleichend.

Der schwedische Psychologe Heinz Leymann hat verschiedene Fälle untersucht und in allen einen ähnlichen Verlauf ausgemacht, den er in einem „Fünf-Phasen-Modell“ beschreibt. Dabei muss nicht jedes Stadium durchlaufen werden. Der Verlauf kann unterbrochen werden, wenn rechtzeitig eingegriffen wird.

Der Weg vom Konflikt zum Mobbing

  • 1. Phase: Ein ungelöster Konflikt
    Am Anfang des Mobbings steht eine ungelöste Auseinandersetzung. Statt eines klärenden Gespräches schwelt der Streit weiter. Es kommt zu Schuldzuweisungen und ersten verbalen Angriffen.  
  • 2. Phase: Das Mobbing etabliert sich
    Die Angriffe gegen das Opfer steigern und intensivieren sich. Der anlässliche Konflikt gerät dabei in Vergessenheit. Das Opfer selbst steht im Fokus und ist mehr und mehr Attacken ausgesetzt. Gesundheit, Wohlbefinden und seelisches Gleichgewicht leiden.  
  • 3. Phase: Arbeitsrechtliche Sanktionen
    Die ständigen Attacken bleiben nicht ohne Folgen: Der Betroffene ist psychisch angeschlagen, nicht mehr leistungsfähig, macht stressbedingt Fehler und hat viele krankheitsbedingte Fehltage. Abmahnungen, Versetzungen, Androhung der Kündigung von Seiten der Vorgesetzten folgen.  
  • 4. Phase: Ärztliche und psychologische Fehldiagnose
    Der Betroffene sucht Hilfe bei Ärzten und Psychologen. Doch nur die körperlichen Symptome wie Schlaflosigkeit oder Kopfschmerzen werden behandelt. Die eigentliche Ursache, das Mobbing, wird nicht erkannt, ignoriert oder falsch diagnostiziert. Wirkliche Hilfe unterbleibt.    
  • 5. Phase: Der Ausschluss
    Das Ziel der Mobber ist erreicht. Das Opfer hält dem Druck nicht mehr Stand und verlässt den Arbeitsplatz. Er kündigt, ihm wird gekündigt, er wird versetzt oder ihm wird ein Aufhebungsvertrag angeboten. 

Psychoterror macht krank

Ständige Angriffe, unsachliche Kritik und persönliche Kränkungen über Wochen oder Monate hinweg bleiben nicht ohne Folgen für Körper und Seele. Während sich am Anfang zunächst stressbedingte Symptome wie Nervosität, Schlafstörungen, Kopf- und Rückenschmerzen und Niedergeschlagenheit einstellen, münden diese nicht selten in ernsthafte Erkrankungen wie  Depressionen, Erkrankungen des Magens und Darms sowie Herz-Kreislauf-Krankheiten. Die ständigen Sticheleien zerstören das Selbstwertgefühl, die Opfer fühlen sich erniedrigt, entwertet und machtlos. Manche ziehen sich ganz aus dem sozialen Leben zurück. Auch wenn die Betroffenen den Arbeitsplatz verlassen haben und nicht mehr dem Mobbing ausgesetzt sind, kämpfen sie oft noch mit den Folgen: Sie leiden unter Angstzuständen sowie Schuld- und Versagensgefühlen. Manche benötigen therapeutische Hilfe, um wieder Boden unter den Füßen zu bekommen. Für einige führt der lange Psychoterror zu einer langjährigen Arbeitsunfähigkeit.

Wege aus der Mobbing-Falle

Gezielte Schikane kann Menschen zerstören. Deshalb ist es wichtig, Beleidigungen und Erniedrigungen nicht zu verharmlosen, sondern frühzeitig dagegen vorzugehen. Denn gezielte Anfeindungen am Arbeitsplatz hören selten von alleine auf. Abwarten erhöht nur den Leidensdruck und führt zu einer Verschärfung der Situation. Am Ende fehlt vielen zudem die Kraft und die Energie, gegen die ständige Schikane vorzugehen. Sich gleich zu Beginn zu wehren zeigt dem Täter ein deutliches „Nein! So nicht!“

Oftmals ist es hilfreich, sich professionelle Unterstützung zu suchen. Betroffene sollten sich nicht scheuen, diese in Anspruch zu nehmen. So finden Sie Hilfe:

Mobbing von Anfang an bekämpfen

Gerade im Anfangsstadium lassen sich Konflikte durch eine Aussprache mit dem Angreifer lösen oder zumindest entschärfen. Wichtig ist, dass das Gespräch in einer ruhigen Atmosphäre, konstruktiv und ohne lautstarke Anschuldigungen, Beleidigungen und Beschimpfungen abläuft. Denn wer sachlich bleibt und sich auf die Darstellung der Fakten beschränkt, trägt dazu bei, dass der Konflikt nicht eskaliert und Lösungen gefunden werden können.

Den Ärger von der Seele reden

Hilfreich ist ein Austausch mit Kolleginnen und Kollegen, die nicht am Mobbing beteiligt sind. Damit redet man sich nicht nur den Ärger von der Seele, sondern holt sich auch Verbündete ins Boot – als moralische Unterstützung, als Hilfe oder als Zeugen, wenn Vorgesetzte oder der Betriebsrat eingeschaltet werden oder der Mobbing-Prozess vor einem Arbeitsgericht landet.

Erinnerungsstütze: Mobbing-Tagebuch

Häufen sich die Attacken, ist es sinnvoll, ein Mobbing-Tagebuch zu führen. Denn niemand kann sich später bei der Vielzahl von Handlungen noch an Einzelheiten erinnern. Im Tagebuch wird genau festgehalten, wann welche Angriffe erfolgten und welche Folgen sich daraus ergaben. Schriftliche Dokumente (z.B. Mails oder SMS) oder gar Zeugen sollten beigelegt bzw. notiert werden, um handfeste Beweise in einem Gespräch oder vor Gericht vorlegen zu können. Das Mobbing-Tagebuch dient jedoch nicht nur als Beweismittel. Es hilft auch, einen Überblick zu behalten, die Situation zu analysieren und die nächsten Schritte zu überlegen. Das stärkt das Selbstbewusstsein, um aktiv gegen das Mobbing vorzugehen.

Vorgesetzte oder Betriebsrat einschalten

Führt ein Gespräch mit dem Mobber nicht zum Erfolg, müssen Vorgesetzte informiert werden. Jeder Mitarbeiter hat ein Beschwerderecht beim Arbeitgeber, der wiederum aufgrund seiner Fürsorgepflicht gesetzlich verpflichtet ist, gegen Mobbing im Betrieb vorzugehen. Mobbt der direkte Vorgesetzte selbst, sollte der nächste Vorgesetzte oder die Geschäftsleitung eingeschaltet werden. Eine wichtige Anlaufstelle sind der Betriebs- bzw. Personalrat, der Betriebsobmann bzw. -frau und der Betriebsarzt. Diese informieren und beraten im Vorfeld ganz unverbindlich über Handlungsmöglichkeiten und sind zur Geheimhaltung verpflichtet. Unter Umständen begleiten sie die Betroffenen bei Gesprächen mit den Tätern oder Vorgesetzten. Wichtig ist, dass die Betroffenen ihre Anschuldigungen beweisen können, zum Beispiel mit Hilfe eines Mobbing-Tagebuches. Denn der Vorgesetzte wird dem Mobber die Gelegenheit geben, zu den Vorwürfen Stellung zu nehmen. Gibt es keine handfesten Beweise, steht Wort gegen Wort. Greift der Arbeitgeber ein, kann er den Mobber abmahnen, versetzen oder kündigen. Nimmt der Arbeitgeber die Beschwerden nicht ernst, bleibt als Ausweg nur zu klagen oder das Unternehmen zu verlassen.

Rat und Tat von außen

Wenn Ohnmacht und Angst vor dem Mobber lähmen, man nicht weiß, was man tun soll und Ansprechpartner im Betrieb fehlen, sind Rat und Tat von außen hilfreich. In Mobbing-Beratungsstellen der Gewerkschaften, Kirchen, Sozial- und anderer Verbände erarbeiten Sozialarbeiter, Psychologen, Ärzte und Juristen gemeinsam mit dem Betroffenen passende Konfliktlösungen. Die Beratung erfolgt dabei persönlich, telefonisch oder online. Rechtsbeistand bei einer Klage oder bei der Auflösung oder Kündigung des Arbeitsvertrages liefern Fachanwälte für Arbeits- und Sozialrecht. Vielen Mobbing-Opfern tut der Austausch mit anderen Betroffenen gut. In Mobbing-Selbsthilfegruppen helfen und motivieren sie sich gegenseitig. Betroffene sollten sich nicht scheuen, frühzeitig ärztliche, psychologische und psychotherapeutische Hilfe in Anspruch zu nehmen, um die gesundheitlichen Folgen möglichst gering zu halten.

Informieren

Mobbing macht krank und kostet deutschen Unternehmen jährlich Milliarden. Was aber hilft gegen Mobbing und wie sollte man sich verhalten, um aus der belastenden Situation herauszukommen? Der Ratgeber "Hilfe gegen Mobbing am Arbeitsplatz" (PDF) der Initiative Neue Qualität der Arbeit bietet Betroffenen eine Fülle von hilfreichen Informationen und konkreten Handlungsmöglichkeiten.

Kränkung am Arbeitsplatz

Ungerechte Kritik oder Bangen um den Arbeitsplatz sind die wohl häufigstens Gründe, warum es in der Arbeitswelt immer häufiger Gegeneinander statt Miteinander gibt. Die Grenzen zwischen Missachtung und Mobbing sind dabei oft fließend. Doch Kränkungen und Konfliktsituationen ist kaum jemand wehrlos ausgeliefert. Die Autorin wirft die Fragen nach Ursachen auf, aber auch nach dem richtigen und möglichst rechtzeitigen Verhalten.

Kränkung am Arbeitsplatz
Strateguien gegen Missachtung, Gerede und Mobbing
Bärbel Wardetzki
dtv, ISBN 978-3-423-34710-5

Mobbing in der Schule

Trauringe Tatsache - auch Kinder können schon Opfer von Mobbing werden. Ausgrenzung und Gemeinheiten sind an der Tagesordnung, wirken sich negativ auf schulische Leistungen aus. Eltern und Lehrer können sich das veränderte Verhalten der Kinder oftmals kaum erklären. Der Autor erklärt, wie sich Mobbing entwickelt und wie sich die Situation erkennen und verändern lässt. Vor allem aber, wie Kinder schon im Vorfeld stark gegen Mobbing gemacht werden können.

Mobbing in der Schule
Karl Gebauer
Beltz, ISBN 978-3-407-22902-1

Cover "Mobbing – Nicht mit mir!"

Über zwei Millionen Menschen sind in Deutschland von Mobbing betroffen – sei es am Arbeitsplatz, in der Schule oder in sozialen Medien. Psychotherapeut und Mobbing-Experte Dr. Holger Wyrwa erläutert, warum es jeden treffen kann, aus welchen Gründen jemand zum Mobber wird und was man dagegen tun kann. Denn wer die Hintergründe versteht, kann aktiv gegen Mobbing vorgehen. Darüber hinaus liefert Wyrwa ganz konkrete Strategien, die Betroffenen helfen, Blockaden im Kopf zu lösen und sich selbst zu verteidigen. Ein Thema, das uns alle angeht!

Mobbing – Nicht mit mir!
Dr. Holger Wyrwa
Goldmann, ISBN 978-3-442-17620-5