Nadelstiche gegen Schmerzen

Akupunktur als Ergänzung zur Schulmedizin

Helfen Nadelstiche wirklich gegen Schmerzen? Akupunktur wurde als Teilgebiet der traditionellen chinesischen Medizin (TCM) bereits vor etwa 3000 Jahren in China entwickelt. Der Begriff kommt aus dem Lateinischen und setzt sich aus acus für Nadel und pungere für Stechen zusammen.

Damals in China wurde mit Steinnadeln gearbeitet. In Europa führte 1810 der Arzt Louis Berlioz, Vater des berühmten Komponisten Hector Berlioz, erstmals eine Akupunkturbehandlung einer unter Angstzuständen leidenden Patienten durch kleine Stiche mit einer Nähnadel in den Oberbauch erfolgreich durch.

Wissenschaftliche Studien

Trotz einer langen Tradition ist Akupunktur bis heute umstritten, obwohl bei verschiedenen Beschwerden auch wissenschaftlich eine Wirksamkeit nachgewiesen wurde.

In den bislang umfangreichsten klinischen Studien zur Akupunktur, den GERAC-Studien (German Acupuncture Trials, 2002 bis 2007), trat bei der Behandlung von Rückenschmerzen der Lendenwirbelsäule bei 47,6 Prozent der Akupunktur-Patienten, aber nur bei 27,4 Prozent der konventionell behandelten Patienten eine erkennbare Verbesserung ein.

Die GERAC-Studien waren die Grundlage für die Einführung der Akupunktur als gesetzliche Kassenleistung für die Krankheitsbilder chronischer Kreuzschmerz und chronischer Knieschmerz bei Gonarthrose. 

Ergänzung zur Schulmedizin

„Die chinesische Medizin ist keine Alternative zur westlichen Schulmedizin, sie ist eine wertvolle Ergänzung“, sagt Dr. Klaus Trinczek, Leiter des Fortbildungszentrums der Deutschen Ärztegesellschaft für Akupunktur (DÄGfA). Er arbeitet seit drei Jahrzehnten als Allgemeinmediziner und kennt die Nöte seiner Patienten gut. „Es gibt viele, die von einem zum anderen Arzt laufen und einfach kein Verständnis für ihre Beschwerden finden. Meine Erfahrung ist, dass wir etwa 30 Prozent der Beschwerden mit den diagnostischen Mitteln der westlichen Medizin nicht erklären können“, so Trinczek.

Lebensenergie Qi

Hier bietet die chinesische Medizin einen anderen Ansatz. Sie unterscheidet zwar auch zwischen physischen und psychischen Problemen, aber ohne Hierarchie. Generell geht sie davon aus, dass ein Mensch gesund ist, wenn die sogenannte Lebensenergie (Qi) harmonisch durch den Körper fließt. Krankheit oder Schmerzen treten dann auf, wenn zum Beispiel durch psychische, körperliche Probleme, falsche Ernährung, Kälte oder Wärme der Qi-Fluss gestört ist. Die Akupunktur soll dabei helfen, die Blockaden zu beseitigen und die Energie wieder frei fließen zu lassen.

Laut traditioneller chinesischer Medizin strömt die Lebensenergie auf Meridianen (Leitbahnen) durch den Körper. Auf diesen Leitbahnen, die den menschlichen Organismus wie ein Netzwerk überziehen, sind 361 Areale beschrieben, die als Akupunkturpunkte therapeutisch genutzt werden. „Im Chinesischen werden diese Punkte als Löcher bezeichnet, wo der Mensch mit der Außenwelt in Verbindung tritt“, beschreibt Trinczek. Allerdings wirkt die Akupunktur laut Studien selbst dann, wenn die genauen Punkte nicht getroffen werden.

Für jene, denen das zu esoterisch klingt, gibt es auch eine wissenschaftlichere Begründung für die Wirksamkeit der Nadel-Kur. Studien weisen daraufhin, dass durch die Akupunktur vermehrt sogenannte „Glückshormone“ wie Endorphine oder Serotonin ausgeschüttet werden. Das lindert den Schmerz, hellt die Stimmung auf und löst Verspannungen.

IKK classic bezahlt Akupunktur

Besonders wirksam ist die Akupunktur laut der bereits benannten Studien bei chronischen Schmerzen in der Lendenwirbelsäule oder im Kniegelenk bei Gonarthrose. Die IKK classic übernimmt die Kosten für Akupunkturbehandlungen bei einem Facharzt, wenn dieser die entsprechenden Beschwerden vor mindestens sechs Monaten diagnostiziert hat. Voraussetzung ist, dass der behandelnde Arzt die entsprechenden Qualifikationsanforderungen erfüllt. Wer sich Akupunkteur nennen will, muss eine entsprechende Ausbildung absolviert und eine Prüfung vor der Landesärztekammer abgelegt haben.

Ärzte, die Akupunkturbehandlungen durchführen, benötigen neben einer Akupunkturausbildung auch Qualifikationen in den Bereichen Schmerztherapie und Psychosomatik. Zehn Sitzungen innerhalb von maximal sechs Wochen werden bezahlt, in begründeten Ausnahmefällen auch 15 Sitzungen innerhalb von maximal zwölf Wochen. Jeweils ohne Zuzahlung.

10 bis 20 Nadelstiche

„Es gibt Glücksfälle, In denen schon nach der ersten Behandlung die Symptomatik vollkommen abgeklungen ist. Bei Kniegelenksbeschwerden ist eine Akupunktur zum Beispiel doppelt so wirksam wie die Kombination aus Medikamenten und Physiotherapie“, erklärt Trinczek. Wichtig sei für den Erfolg aber auch, dass der Patient offen für die Akupunktur-Behandlung sei. Schließlich werden im Durchschnitt etwa 10 bis 20 meist 0,2 bis 0,3 Millimeter dicke Nadeln aus Stahl in den Körper gestochen. Diese verbleiben dann meist zwischen 20 bis 30 Minuten in der Haut. Teilweise werden auch bestimmte Stimulationstechniken angewendet wie die Erwärmung der Nadeln (Moxibustion).

Die Meinungen, wie schmerzhaft die Behandlung selbst ist, gehen bei den Patienten auseinander. Das Durchstechen der Haut kann natürlich etwas wehtun. „Aber dieser kurze unangenehme Augenblick kann mit geeigneten Stichtechniken minimiert werden und dann empfinden die meisten Patienten ein dumpfes wärmendes Gefühl“, so Dr. Klaus Trinczek

Akupunktur für viele Beschwerden

Akupunktur kann auch bei Behandlung anderer Schmerzen wie Migräne, aber auch bei Übelkeit und Erbrechen und selbst bei Geburten hilfreich sein. Zudem gibt es wissenschaftlich gesicherte Hinweise darauf, dass Akupunktur bei Heuschnupfen, allergischem Asthma, Menstruationsbeschwerden oder funktionellen Magen- und Darmbeschwerden wirkt. Allerdings muss der Kassenpatient diese Behandlungen selbst bezahlen.

Dr. Klaus Trinczek plädiert dafür, die Akupunktur im Sinne der Patienten als Bereicherung zu sehen: „Gerade die Kombination zwischen der Schulmedizin und der chinesischen Medizin hat die Möglichkeiten in meiner Tätigkeit als Allgemeinarzt sehr erweitert.“