Antibiotika – Wunderwaffe der Medizin

Die moderne Medizin wäre ohne sie kaum vorstellbar: Antibiotika. Über Jahrhunderte als unheilbar geltende Krankheiten konnten erst mit ihrer Hilfe geheilt werden. Doch die Wunderwaffe besitzt auch Schattenseiten.

Antibiotika gehören zu den weltweit am häufigsten verschriebenen Medikamenten. Mit 13 Prozent Marktanteil stellen sie inzwischen den größten Einzelbereich. In einigen Ländern sind sie sogar frei verkäuflich. Eine ungute Entwicklung, denn vielfach werden sie zu oft und zu wahllos eingenommen oder nach Wirkeintritt zu früh abgesetzt. Ursachen, die dazu beitragen, dass die lange als zuverlässige Wunderwaffe eingestuften Medikamente mehr und mehr ihre Wirkung gegen "clevere", weil resistent gewordene, Bakterien verlieren. Verstärkt wird dieser Prozess auch indirekt durch seit Jahren sinkende Neuzulassungen in diesem Bereich, obwohl die Möglichkeiten noch lange nicht ausgeschöpft sind: Etwa 8.000 antibiotisch wirkende, also Bakterien abtötende, Substanzen sind derzeit bekannt – doch nur rund 80 werden letztlich therapeutisch genutzt.

So wirkt ein Antibiotikum

Antibiotika werden bei Infektionskrankheiten eingesetzt, die durch Bakterien verursacht werden und gelten als sichere und gut verträgliche Medikamente. Sie wirken auf zwei unterschiedliche Arten: Einerseits bakteriostatisch, d. h. die Bakterien werden an der weiteren Vermehrung gehindert. Andererseits bakterizid: Hier werden die Bakterien komplett abgetötet.

Ein Antibiotikum kann dabei nicht zwischen "Freund" und "Feind" unterscheiden. Daher fallen ihm neben den "bösen", krank machenden Bakterien auch "gute" Bakterien, die unsere Körperfunktionen unterstützen, zum Opfer. Dies zeigt sich bei den möglichen Nebenwirkungen: So kann beispielsweise eine geschwächte Darmflora weiche Stühle oder Durchfälle verursachen, ein aus dem Gleichgewicht geratenes Scheidenmilieu begünstigt eine Pilzinfektion. Aber auch Übelkeit, Bauchschmerzen, allergische Reaktionen der Haut mit Rötungen und Juckreiz sowie selten Nieren- und Leberprobleme können unter einer Antibiotikaeinnahme auftreten. Trotz dieser Nebenwirkungen sollte die Einnahme von Antibiotika nie ohne Rücksprache mit dem Arzt unter- bzw. abgebrochen werden.

Antibiotikaresistenzen auf dem Vormarsch

Durch einen hohen Konsum von Antibiotika und durch falsche Einnahme werden immer mehr Keime unempfindlich gegen bestimmte Antibiotikatypen. So warnt auch das Robert-Koch-Institut vor einer steigenden Resistenzrate in Deutschland. Bakterielle Infektionserkrankungen, die bis dato als unkompliziert galten, nehmen wieder zu – und die Einnahme von Antibiotika ist wirkungslos. Schützen Sie sich vor Resistenzen, indem Sie bei der Einnahme von Antibiotika die folgenden Regeln beachten:

  • Ein Antibiotikum sollte nur dann eingesetzt werden, wenn es wirklich erforderlich ist
  • Halten Sie sich immer an die vom Arzt verschriebene Dosierung und die Einnahmehinweise
  • Auch bei Verbesserung Ihres Gesundheitszustandes sollten Sie das Antibiotikum so lange einnehmen, wie es Ihnen verordnet wurde

Ernährung auf dem Prüfstand

Alle Jahre wieder bestimmen Berichte über Massentierhaltungen und die damit verbundene Gabe von Antibiotika die Medien: Ob Hähnchen-, Rinder- oder Schweinemast – Antibiotika werden eingesetzt, um ein Ausbreiten von Infektionen zu verhindern. Das Problem: Bei der flächigen Verfütterung der Medikamente erhalten auch Tiere Antibiotika, die gar nicht krank sind. Durch diese massenhafte Anwendung erhöht sich ebenfalls das Risiko, dass Keime gegen Antibiotika unempfindlich werden.

Die Empfehlung der Deutschen Gesellschaft für Ernährung, höchstens zwei- bis dreimal pro Woche Fleisch zu essen, ist daher für Gesundheit und Umwelt gleichermaßen sinnvoll. "Setzen Sie bei Fleisch und Wurst lieber auf Qualität als auf Masse", rät auch Anke Hagemann, Ernährungsexpertin der IKK classic. "Und scheuen Sie sich nicht, an der Fleischtheke nach der Herkunft der Ware zu fragen", ergänzt Hagemann.

Wissenswertes über Antibiotika

  • Langsam starten
    Auch wenn wir uns nach einer Antibiotikabehandlung schnell wieder fit und leistungsfähig fühlen – das Immunsystem ist weiterhin geschwächt. Daher sollten wir unserem Körper zunächst Ruhe gönnen, statt sofort wieder die Sportschuhe zu schnüren.
  • Joghurt hilft
    … bei antibiotikabedingtem Durchfall: Laut einer aktuellen Studie kann probiotischer Joghurt hier sogar vorbeugend wirken. Auch nach einer Antibiotikabehandlung ist Joghurt sinnvoll, um die Darmflora schnell wieder aufzubauen. Aber Vorsicht: Milchprodukte können Antibiotika in ihrer Wirkung mindern, beides sollte daher erst im Abstand von einigen Stunden eingenommen bzw. verzehrt werden.
  • Antibiotika bei Atemwegsinfekten?
    Grundsätzlich gilt: Antibiotika helfen nur gegen bakterielle Infektionen, nicht bei einer klassischen Virusgrippe. Hier sind nach wie vor Bettruhe und Geduld angesagt. In einigen Fällen kann es sein, dass zusätzlich Infektionen durch Bakterien auftreten, beispielsweise in Form einer Lungenentzündung. Dann muss der Arzt eventuell ergänzend auf ein Antibiotikum zurückgreifen.
  • Wohin mit alten Medikamenten?
    Um den Wasserkreislauf zu schonen, sollten Antibiotika und andere Arzneimittel niemals über die Toilette oder das Waschbecken entsorgt werden. Apotheken bieten oft einen "Rücknahmeservice" an, sind dazu aber nicht verpflichtet. Altmedikamente dürfen jedoch auch in den Hausmüll wandern: Mechanisch-biologische Vorbehandlungen des Mülls und Verbrennungsanlagen sorgen für eine weitestgehende Zerstörung oder Inaktivierung der Wirkstoffe. Vielfach stellen Städte und Gemeinden neben der Hausmüllentsorgung mit so genannten Schadstoffsammelstellen weitere Alternativen zur Arzneientsorgung zur Verfügung. Auskünfte hierzu erteilen die Gemeinden.

Im Lexikon geblättert

Schon gewusst, dass bereits Jahre vor der Entdeckung des Penicillins durch den britischen Arzt Alexander Fleming im Jahr 1928 zwei weitere Ärzte unabhängig voneinander der antibiotischen Wirkweise auf der Spur waren? So fand der italienische Arzt Bartolomeo Gosio 1893 heraus, dass ein Schimmelpilzwirkstoff das Wachstum des Milzbranderregers aufhalten kann.

Fast zeitgleich wunderte sich der französische Militärarzt Ernest Duchesne darüber, dass arabische Stallknechte des Militärkrankenhauses die Pferdesättel in einem feuchten und dunklen Raum aufbewahrten, damit sie Schimmel ansetzten. Die Stallknechte erklärten, dass die Scheuerwunden der Pferde durch schimmlige Sättel schneller und besser abheilen würden.