Frühlingsgefühle: Alles Einbildung oder was?

Das Sonnenlicht scheint wärmer, die Vögel zwitschern lauter, die Knospen sprießen, die Röcke werden kürzer – der Frühling bringt so einiges in Bewegung. Auch in unserem Körper: Das Herz scheint schneller zu schlagen und auch die Laune bessert sich bei vielen deutlich. Aber sind diese Frühlingsgefühle eigentlich nur Einbildung oder steckt mehr dahinter?

„Hermann Hesse hat ja schon geschrieben: ‚Jedem Anfang wohnt ein Zauber inne‘. Frühlingsgefühle haben sicher vielfältige Ursachen, aber tatsächlich passiert auch in unserem Körper einiges“, sagt Prof. Dr. Matthias M. Weber von der Deutschen Gesellschaft für Endokrinologie (DGE) und einer der angesehensten Hormonexperten Deutschlands. Und genau die Hormone spielen für die Entstehung der Frühlingsgefühle eine wichtige Rolle.

„Im Frühling werden die Tage länger, es gibt mehr Sonnenlicht. Das führt zur Reduzierung des Melatonin-Spiegels im Körper. Zugleich steigt der Pegel des Glückshormons Serotonin, auch Dopamin und Noradrenalin werden verstärkt ausgeschüttet. Man fühlt sich munterer und hat mehr Antrieb. Das wird als positiv empfunden“, so Weber.

Noch weitere Komponenten spielen bei der Entstehung der Frühlingsgefühle eine Rolle: „Das fängt schon beim Geruch an, wenn man im Frühling nach draußen geht. Die Erde dampft, man kann den Frühling förmlich riechen“, sagt Weber. Und dann gibt es da natürlich auch noch die optischen Reize. Die Kleidung wird körperbetonter, es gibt mehr nackte Haut zu sehen: Frauen zeigen Bein, Männer in T-Shirts ihre muskulösen Oberarme.

Gefühlt scheint das auch zu einer gesteigerten Aktivität bei der Partnersuche zu führen. Tatsächlich steigt die Zahl der Registrierungen bei Partnerbörsen im Frühling im Vergleich zum Herbst (17 Prozent bei Elitepartner, 12 Prozent bei Parship) an. Die Zeit, in der im Frühling und speziell im deshalb auch als „Wonnemonat“ bezeichneten Mai die meisten Kinder gezeugt wurden, ist jedoch vorbei. Jetzt steht der Dezember an Nummer 1, und das hat sicher auch etwas mit den veränderten Lebensbedingungen zu tun. Warm und kuschlig ist es dank Heizung in der Wohnung inzwischen auch im Winter – und zudem gibt es viele Menschen, die sich in der kalten und lichtarmen Jahreszeit eine Fernreise in die Wärme mit viel Licht gönnen.

Generell steigt der Spiegel des Sexualhormons Testosteron bei den Männern im Frühling und Sommer um etwa 30 Prozent an. Bei den Frauen treten dagegen keine saisonalen Unterschiede in Sachen Sexualhormon Östrogen auf. Trotzdem gibt es laut Weber „keine Daten, dass Frühlingsgefühle von Mann und Frau unterschiedlich sein sollten.“ Im Prinzip empfinden also alle Hochstimmung – und das nicht nur in Deutschland oder Europa. "Generell ist das Phänomen der Frühlingsgefühle auch in Nordamerika unter dem Begriff ‚Spring Fever‘ bekannt“, berichtet Weber. Aber: „Je näher man an den Äquator und damit an die Tropen kommt, umso weniger sind Frühlingsgefühle zu erwarten. Sie haben halt immer mit dem Beginnen eines neuen Zyklus zu tun – mit der Sonne als wichtigstem Taktgeber.“

Kleines Hormon-Lexikon

Hormone: Wichtige chemische Botenstoffe, die im Körper Informationen von einem Organ/Gewebe zum anderen transportieren. Sie können sehr schnell zu einer Reaktion des Körpers führen – zum Beispiel das Stresshormon Adrenalin – oder auch langsamer. Hormone steuern auch die Sexualfunktionen von Mann (Testosteron) und Frau (Östrogen). Hormone werden in unterschiedlichen Bereichen im Körper gebildet, zum Beispiel in spezialisierten Hormondrüsen wie der Hirnanhangdrüse (Zentrale Regulation des Hormonsystems), der Schilddrüse (Hormone für Stoffwechsel), der Nebenniere (Produktion von Adrenalin) sowie der Zirbeldrüse (Produktion von Melatonin). Melatonin gehört zu den Hormonen, das bei der Entstehung der Frühlingsgefühle eine Rolle spielt.

Melatonin: „Schlafhormon“, das den Tag- und Nacht-Rhythmus im Körper steuert. Im Winter ist der Melatoninspiegel wegen des geringeren Lichtanteils auch tagsüber erhöht. Müdigkeit, Schlafstörungen und Winterdepressionen können die Folge sein. Im Frühling sinken die Melatoninwerte, weil die Nächte kürzer werden.

Serotonin: Serotonin gilt gemeinhin als das „Glückshormon“, hat aber vielfältige Wirkungen. Es wirkt im Magen-Darm-Trakt und beeinflusst das Herz-Kreislauf-System. Es spielt eine Rolle, wie viel Appetit man hat, lässt einen müde oder wach werden und kümmert sich um viele weitere für uns überlebensnotwendige Funktionen. Durch das im Frühling länger strahlende Sonnenlicht, viel Bewegung und gesunde Ernährung wird die Seratonin-Produktion angekurbelt.

Dopamin: Gilt ebenfalls als „Glückshormon“. Spielt eine Rolle bei der Antriebssteuerung und Motivation. Auch die Produktion dieses Hormons steigt im Frühling.

Noradrenalin: Hormon, das das Herz- und Kreislaufsystem anregt. Auch der Spiegel dieses körperlichen „Dopingmittels“ steigt im Frühling.

Testosteron: Das männliche Sexualhormon wird im Frühling und Sommer mehr produziert als in den anderen Jahreszeiten. Durch den erhöhten Testosteronspiegel fühlt sich der Mann wohler. Bei den Frauen gibt es solch einen ausgeprägten jahreszeitlichen Rhythmus zum Beispiel bei der Produktion des Sexualhormons Östrogen nicht.