Geschlechterforschung – Der kleine Unterschied

Mädchen, die 2015 in Deutschland geboren werden, habe eine Lebenserwartung von 82 Jahren und 10 Monaten. Die Lebenserwartung neugeborener Jungen liegt bei 77 Jahren und 9 Monaten. Doch nicht nur bei der Lebenserwartung zeigt sich der kleine Unterschied zwischen Männern und Frauen.

Schon das Verständnis von "Gesundheit" scheidet die Geschlechter: Verbinden Frauen Gesundheit eher mit Wohlbefinden und Körpererleben, reicht für viele Männer bereits die Abwesenheit von Krankheit aus, um von Gesundheit zu sprechen. Sie gelten als Vorsorgemuffel.

Frauen und Männer sind unterschiedlich krank: Sie haben zum Teil unterschiedliche Symptome, Medikamente wirken anders, und auch das Risiko zu erkranken, ist nicht gleich. Noch immer achten Ärzte bei Erkrankungen zu wenig auf solche geschlechtsspezifischen Unterschiede, die sich mit zunehmendem Alter sogar verstärken. Das hat zur Folge, dass falsche Diagnosen gestellt und falsche Therapien eingeleitet werden und es mitunter zu einer erhöhten Sterblichkeit kommt.

Die sogenannte Gender-Medizin ist ein vergleichsweise junges Forschungsgebiet, das versucht, geschlechtsspezifische Einflussfaktoren zu verstehen, etwa auf die Entstehung einer Krankheit, ihren Verlauf, Risikofaktoren, Diagnostik und Therapie.

Typisch Mann, typisch Frau?

Haarausfall bei Frauen, Brustkrebs bei Männern – viele Krankheitsbilder, die man traditionell als typische Frauen- und Männerkrankheiten bezeichnete, werden in der modernen Forschung neu bewertet. Auch Männer erkranken an Osteoporose und durchleben eine Art Wechseljahre und Frauen können an hormonell bedingtem Haarausfall leiden.

Heute geht die Wissenschaft davon aus, dass es keine typischen „Männer- und Frauenerkrankungen“ gibt – nur Symptome und Auslöser bestimmter Krankheiten sind geschlechtsabhängig oder auch die Aufnahme und Verteilung von Medikamenten im Körper. Der Grund: Körper und Organe funktionieren zum Teil anders, die Geschlechter verhalten sich unterschiedlich und Frauen empfinden anders als Männer.

Haarausfall und Knoten in der Brust

Bei Männern ist der erblich-hormonell bedingte Haarausfall mit Geheimratsecken und mehr oder weniger großer Glatze die häufigste Form des Haarverlusts. Aber auch Frauen leiden unter der "androgenen Alopezie". Bei ihnen dünnt sich das Haar allerdings entlang des Scheitels aus, so dass die Kopfhaut durchschimmert. Selten kommt es zur kompletten Glatze. Meist setzt der Haarausfall erst nach der Menopause ein.

Brustkrebs ist kein reines Frauenleiden: Etwa 500 Männer erkranken in Deutschland im Jahr an einem Brusttumor. Das macht zwar nur einen minimalen Teil aller neuen männlichen Tumore aus, die Fallzahlen steigen jedoch seit den 60er Jahren stetig. Da diese Erkrankung beim Mann relativ unbekannt ist, wird der Krebs – anders als bei Frauen – nur selten im Frühstadium entdeckt.

Auch Osteoporose (Knochenschwund) trifft immer mehr Männer: Ein gutes Viertel der osteopatischen Frakturen entfällt auf das starke Geschlecht. Neben den üblichen Anzeichen wie zum Beispiel häufigen Stürzen und Knochenbrüchen aus geringfügigem Anlass, kommt beim Mann Testosteronmangel als Risikofaktor hinzu: Steht dieses Hormon nicht ausreichend zur Verfügung, kann es innerhalb weniger Wochen zu Osteoporose kommen.

Die soziale Komponente

Männer fehlen zwar krankheitsbedingt seltener am Arbeitsplatz als Frauen, sterben aber im Schnitt fünf bis sechs Jahre früher. Grund sind nicht die Gene, sondern eher geschlechtsspezifisches Verhalten: Auch wenn die Männer langsam aufholen – Frauen sind gesundheitsbewusster. Im Haushalt, im Verkehr und am Arbeitsplatz verhalten sie sich nicht so riskant wie ihre männlichen Artgenossen. Sie können Krankheitssymptome eher deuten, gehen schneller zum Arzt oder lassen sich therapeutisch behandeln. Männer hingegen leben "gefährlicher" – ärztliche Vorsorgeuntersuchungen nehmen sie wesentlich seltener in Anspruch, Krankheitszeichen werden länger ignoriert. Denn riskantes Verhalten in den unterschiedlichsten Lebenslagen gilt nicht selten als männlich.

Misserfolge, Stimmungstiefs oder Stress: Oftmals versuchen Männer derartige Probleme zu verdrängen und greifen zu Suchtmitteln. Alkohol- und Nikotinmissbrauch ist beim männlichen Geschlecht eine häufige Ursache für verschiedenste Krankheiten – so begünstigt Suchtverhalten unter anderem auch Übergewicht. Im mittleren Alter ist mehr als die Hälfte aller Männer – bei den Frauen dagegen „nur“ ein gutes Drittel – übergewichtig. Und auch Herzinfarkt, Lungenkrebs und Lebererkrankungen rangieren als Todesursache bei den Männern auf den ersten Plätzen.

Migräne? Vorurteil: Drückerberger!

Migräne gilt als klassische Frauenkrankheit. Bei Frauen – die tatsächlich häufiger an Migräne leiden als Männer – werden die teilweise quälenden Beschwerden meist als Krankheit akzeptiert. Männer haben es da schwerer: Sie gelten gerade im Berufsleben häufig als Drückeberger, psychisch labil, nicht belastbar und damit als karriereuntauglich. Daher neigen Männer zum Ignorieren dieser Erkrankung – und zögern eine notwenige Behandlung hinaus.

Seit Jahren wächst die Zahl an Depressionen erkrankter Männer. Experten sind sich uneins über die Ursachen: Leiden Männer mehr als früher unter Stress? Oder sind Ärzte und Gesellschaft einfach offener für die Diagnose Depression? Zumindest scheint es eine Entwicklung zu geben, dass es Männern leichter fällt, vermeintliche "Schwächen" und psychische Probleme zu akzeptieren.

Herzinfarkt bei Frauen anders

Bei Frauen treten Herzinfarkt und Schlaganfall immer stärker in den Fokus der Medizin. In den letzten 40 Jahren hat sich die Anzahl der Herzinfarktpatientinnen versechsfacht. Grund: Frauen reagieren empfindlicher auf Risikofaktoren wie zum Beispiel das Rauchen als Männer. Starker Nikotinkonsum und die "Pille" senken den herzschützenden Östrogenspiegel, ebenso wie die Hormonumstellung nach den Wechseljahren.

Darüber hinaus wird der Herzinfarkt bei Frauen seltener entdeckt, denn sie zeigen häufig andere Symptome als Männer: Zu den typischen Anzeichen wie Brustschmerzen und Atemnot kommen bei Frauen starke Schmerzen in der linken Schulter und ein Druck- oder Engegefühl oder auch heftige Beschwerden im Oberbauch.

Zusätzlich offenbaren aktuelle Studien die Folgen einer unzureichende Beachtung von Geschlechterunterschieden in der medizinischen Versorgung. Beispielsweise reagieren Herzinsuffizienzpatientinnen völlig anders auf die Behandlung mit Digitalis als Männer. Ähnliches gilt für den Einsatz von Aspirin als Sekundärprophylaxe nach einem Schlaganfall: Nur bei Männern reduziert es das Risiko, einen weiteren Schlaganfall zu erleiden.

Andropause oder PADAM – Die Wechseljahre des Mannes

Gibt es sie nun oder gibt es sie nicht, die Wechseljahre des Mannes? Die Fachleute sind sich nicht einig. Denn während beim weiblichen Geschlecht mit der letzten Monatsblutung der Sexualhormonspiegel recht plötzlich absinkt, geht der Testosteronspiegel des Mannes nur langsam auf Talfahrt – zwischen dem 40. und 70. Lebensjahr. Betroffen vom Hormonabschwung ist jeder Mann. Da der Startlevel aber bei jedem unterschiedlich ist, gibt es große Schwankungsbreiten. Dennoch gehen Experten davon aus, dass jeder fünfte Mann zwischen 60 und 80 unter Testosteronmangel leidet.

Die Beschwerden, die durch ein solches Defizit entstehen können, werden in der Fachsprache oft PADAM abgekürzt (partial androgen deficiency in the aging male, auf deutsch: partielles Androgendefizit beim alternden Mann), als Gegenbegriff zur weiblichen Menopause auch gern Andropause genannt.

Viele uncharakteristische Beschwerden vermiesen „Mann“ das Älterwerden: Bei manchen befindet sich die Gemütslage im Dauertief, Konzentration und Leistung nehmen ab, der Antrieb fehlt. Andere kämpfen mit Schlafstörungen, Hitzewallungen, vermehrtem nächtlichen Schwitzen oder Herzrasen. Eine besondere Belastung ist das Nachlassen der sexuellen Leistungsfähigkeit und die zunehmende Unlust. Außerdem schwindet die Muskelmasse und damit die körperliche Leistungsfähigkeit. Das Risiko einer Osteoporose (Knochenschwund) und damit von Knochen- und Wirbelbrüchen nimmt zu, eine Blutarmut kann sich manifestieren. Fest steht: Alle genannten Symptome können auch Anzeichen für andere ernstzunehmende Erkrankungen sein, die unter Umständen wiederum den Hormonmangel erst verursachen. Das kann der Arzt – meist ein Urologe oder Endokrinologe aufspüren.