Kneipp - nur der Wasserdoktor?

Gesund werden und bleiben mit Kneippen

Fast jeder hat von Kneipp schon mal gehört und denkt an Wassertreten sowie kalte Güsse. Aber was verbirgt sich hinter Kneipp noch?

Vor mehr als 100 Jahren hat der katholische Pfarrer Kneipp eine ganzheitliche Gesundheitsmethode entwickelt, die immer noch wirksam und aktuell ist: Die Kneippkur. Mir ihr lassen sich auf ganz natürliche Weise die Abwehrkräfte stärken, um gesund durchs Jahr zu gehen.

Sebastian Kneipp (1821 - 1897), Sohn einer ärmlichen Webersfamilie, musste schon als Kind acht bis zehn Stunden täglich am Webstuhl im feuchten Keller arbeiten. Er erkrankte an der Lungenschwindsucht und galt als hoffnungsloser Fall. Angeregt durch ein Buch des Arztes und Wegbereiters der Hydrotherapie Johann Siegmund Hahn (1696-1773) heilte Kneipp sich selbst durch Tauchbäder in der Donau. Daraus entwickelte er in Bad Wörishofen die Kneippsche Wasserkur, die als ganzheitliche Gesundheitslehre auf den Pfeilern Wasser, Bewegung, Ernährung, Heilkräuter und Ordnung ruht. Sie ist heute aktueller denn je und wurde 2015 in die Liste des immateriellen Kulturerbes der UNESCO aufgenommen.

Die fünf Elemente

Die Gesundheitslehre des Pfarrers ist ganzheitlich und beruht auf die fünf Elemente Wasser, Ernährung, Bewegung, Heilkräuter und Ordnung. Sie bringen Körper, Geist und Seele in Einklang, stärken die Selbstheilungskräfte und damit die Widerstandskraft gegenüber vielen Zivilisationskrankheiten.

Wasser

Wasser ist nach der kneippschen Gesundheitslehre ein wichtiges Fundament für ein gesundes Leben. Besonders kalte Güsse und Wechselbäder mit warmem und kaltem Wasser setzen Reize, die die Durchblutung fördern, die Abwehrkräfte beleben und Herz und Kreislauf stärken. Dass dies wirkt, haben Wissenschaftler der Universität Jena in Studien belegt: Wer sich regelmäßig dem Kältereiz der kalten Güsse aussetzt, hat mehr Abwehrstoffe im Körper als Personen, die dies nicht tun. So schützen die kalten Güsse vor Infekten. Doch auch warmes Wasser findet bei Kneipp Anwendung, zum Beispiel krampflösende Leibauflagen bei Magen-Darm-Beschwerden oder warme Wickel bei Muskelproblemen. Heute sind über 120 Anwendungen im Rahmen der Hydrotherapie bekannt.

Ernährung

Gesundheit geht durch den Magen. Viele Zivilisationskrankheiten gehen auf Fehlernährung zurück. Im Sinne von Kneipp sollte unsere Kost ausgewogen, vielseitig und möglichst naturbelassen sein und „mehr von der Pflanze, weniger vom Tier“. Das heißt reichlich Vollkornprodukte, Gemüse und Obst möglichst roh oder schonend gegart.  Verbote gibt es nicht, alles sollte in Maßen gegessen werden, denn nach Kneipp heißt es: „Im Maße liegt die Ordnung. Jedes Zuviel und Zuwenig setzt anstelle von Gesundheit die Krankheit“.

Bewegung

Dass ein Mangel an Bewegung eine wesentliche Ursache von vielen Erkrankungen und Beschwerden sein kann, hat schon Pfarrer Kneipp erkannt: „... Wenn ein Pflug nicht gebraucht wird, wird er bald rostig. … Gerade so geht es mit dem menschlichen Körper.“ Im Vordergrund stehen sanfte, natürliche Bewegungen wie Wandern, Walking, Schwimmen, Gymnastik, Radfahren oder Langlauf. Sie wirken sich positiv auf die Gelenke und auf das Herz-Kreislaufsystem aus, schonen aber den Bewegungsapparat und schützen vor Überanstrengung. Die meisten der genannten Sportarten können in einem örtlichen Kneipp-Verein unter Anleitung ausprobiert und ausgeübt werden.

Heilkräuter

Lange vor und zu Kneipps Zeiten wusste man um die Heilkraft von Kräutern. Obgleich viele Inhaltsstoffe noch nicht erforscht waren, wussten die Menschen, welche Heilkräuter sie bei welchen Beschwerden anwenden konnten. Über 40 Pflanzen hat Pfarrer Kneipp hinsichtlich ihrer Heilkraft untersucht und bei seinen Patienten angewendet. Heute wird die moderne Phytotherapie gezielt eingesetzt, um Beschwerden zu lindern, Krankheiten zu heilen oder die Behandlung mit chemischen Medikamenten zu ergänzen, um deren Dosis zu verringern. Tees und Säfte wirken dabei von innen, Salben und Öle von außen.

Ordnung

In unserer hektischen, leistungsorientierten Zeit gerät bei manchen Menschen das Leben aus den Fugen. Das Gleichgewicht zwischen Arbeit und Erholung, Anspannung und Entspannung, Wachsein und Schlaf gerät auseinander. Wird nicht gegengesteuert, entsteht negativer Stress, der sich in Verdauungsbeschwerden, Schlafstörungen, Nervosität, Kopfschmerzen und anderen Störungen zeigen kann. In einer Kneippkur kann jeder lernen, achtsam zu sich und der Umwelt zu sein, um die Balance im Leben zu erhalten oder wiederzuerlangen. Dazu gehören der Stressabbau durch das bewusste Befreien oder Verarbeiten von belastenden Erfahrungen oder Problemen (Psychohygiene) und das Erlernen von Entspannungsmethoden, zum Beispiel Yoga, Autogenes Training oder Progressive Muskelentspannung.

Kneippen lernen

Die Vielfalt der kneippschen Gesundheitslehre lässt sich am besten in einer Kneippkur erfahren. Original-Kneippkuren bietet die Stadt Bad Wörishofen an, in der Sebastian Kneipp sein Naturheilverfahren entwickelte. Doch auch in vielen anderen Kurorten, Hotels und Einrichtungen wird das kneippsche Erbe gepflegt und angewendet. Wer an seinem Wohnort mehr für seine Gesundheit im Sinne von Kneipp tun möchte, kann sich einem Kneippverein anschließen, die vor Ort Angebote machen. Auch immer mehr Kindergärten, Schulen, soziale Einrichtungen und Betriebe haben sich der Idee von Kneipp verschrieben und betreiben ganzheitliche Gesundheitsförderung mit den fünf Elementen nach Kneipp. Mehr Infos und Adressen von Vereinen und Einrichtungen in Ihrer Nähe: www.kneippbund.de, www.bad-wörishofen.de

Wassergenuss zu Hause

Kneippen lässt sich gut zu Hause. Für die Wasseranwendungen benötigen Sie lediglich Leitungswasser, eine Brause mit Schlauch oder eine Gießkanne, einen großen Bottich oder die Badewanne. Dabei muss es nicht eiskaltes Wasser sein. Je nach Verträglichkeit kann zunächst mit kühlem (ca. 18 - 22 °C) Wasser begonnen werden, um dann nach und nach den Kältereiz zu steigern (ca. 12 °C). Anschließend heißt es, sich ordentlich zu bewegen, warme Kleidung anzuziehen oder in ein warmes Bett zu gehen, um nicht auszukühlen. Der Erfolg setzt ein, wenn die Anwendung regelmäßig durchgeführt wird. Am besten dreimal pro Woche. Drei bis maximal fünf Minuten pro Anwendung reichen dabei vollkommen aus. Wer friert, sich nicht gut fühlt oder einen Infekt hat, sollte eine Pause machen. Fragen Sie am besten zuerst Ihren Arzt, wenn Sie unter einer Krankheit leiden.

Knieguss: Regt den Kreislauf an, hilft bei schweren Beinen.

So geht’s: In der Badewanne oder der Dusche den fast drucklosen Wasserstrahl (18-22 °C) mit dem Duschschlauch ohne Brausekopf vom rechten Fußrücken an der Außenseite des Beines hochführen, hinten kurz über der Kniekehle verweilen und an der Innenseite wieder nach unten führen. Anschließend vom Fußrücken aus den Strahl am Schienbein hochführen, kurz über dem Knie verweilen und dann wieder nach unten führen. Das Gleiche am linken Bein durchführen. Zum Schluss die Fußsohlen begießen.

Gesichtsguss: Erfrischt, hilft bei Müdigkeit, stärkt die Abwehrkräfte.

So geht’s: Das Gesicht über die Badewanne oder das Waschbecken beugen. Den kühlen, fast drucklosen Wasserstrahl aus dem Duschschlauch ohne Brausekopf von der rechten Schläfe über die Stirn zur linken Schläfe und zurückführen. Anschließend dreimal senkrecht über die rechte Gesichtshälfte auf- und abfahren. Das Gleiche links durchführen. Zum Schluss den Wasserstrahl dreimal über das Gesicht kreisen lassen. Nicht abtrocknen, damit die Kühle länger wirkt. Das Wasser nur mit der Hand abstreifen.

Wassertreten: Härtet ab, hilft gegen schwere Beine.

So geht’s: Ein großer Eimer oder eine Badewanne handbreit bis unter das Knie mit kühlem oder kaltem Wasser füllen. Im Storchengang die Füße fast bis zum Knie anheben und dann kräftig mit der Fußspitze zuerst wieder in Wasser treten. Aufhören, sobald der Kältereiz zu stark wird. Wasser mit der Hand von den Beinen abstreifen, Strümpfe anziehen und Füße mit raschem Gehen oder Fußgymnastik wieder erwärmen.