Organspende: Gut informiert entscheiden

Neun von zehn Bundesbürgern würden im Notfall ein Spenderorgan annehmen. Und umgekehrt? Laut Umfragen ist die Spendenbereitschaft in den letzten Jahren auf fast 75 Prozent gestiegen.

Doch nur 25 Prozent der Deutschen tragen tatsächlich einen Spenderausweis bei sich. Derzeit stehen rund 12.000 Patienten in Deutschland auf der Warteliste für ein Spenderorgan. Jedes Jahr sterben etwa 1.000 Menschen nach vergeblichem Warten. Vielen könnte geholfen werden, wenn deutlich mehr Menschen auch praktisch zu einer Spende bereit wären und dies mit einem ausgefüllten Organspendeausweis in der Brieftasche dokumentieren würden. 
Für oder wider Organspende - das ist eine sehr persönliche Entscheidung, die jeder Mensch selbst treffen muss. Umfassende Informationen erleichtern dies.

Seit der ersten erfolgreichen Nierentransplantation vor über 50 Jahren hat der medizinische Fortschritt immer komplexere Organübertragungen ermöglicht. So paradox es klingen mag – damit die moderne Medizin ihre Möglichkeiten zum Nutzen der Patienten entfalten kann, sind alte Werte wie Fürsorge und Nächstenliebe gefragt.

Schon gewusst?

  • Ein Organspender ermöglicht im Durchschnitt drei Kranken ein neues Leben.
  • Jugendliche können ab 16 Jahren einen Organspendeausweis ausfüllen.
  • Für eine Organspende kommen nicht nur junge Menschen infrage. Entscheidend ist der gesundheitliche Zustand, also das biologische Alter der Spenderorgane - nicht das Geburtsjahr des Spenders.
  • Die Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung (BZgA) bietet ein übersetztes Beiblatt zum Organspendeausweis in neun Sprachen an. So ist Ihre Entscheidung auch im fremdsprachigen Ausland nachvollziehbar.
  • Auch bei einer bestehenden Patientenverfügung ist eine Organspende möglich.

Spenderorgane zum Überleben

Neben Nieren können auch Herz, Lunge, Leber, Bauchspeicheldrüse, Darm und Teile der Haut transplantiert werden. Außerdem ist es möglich, Gewebe zu verpflanzen: die Hornhaut der Augen, Herzklappen sowie Teile der Blutgefäße, des Knochengewebes, des Knorpelgewebes und der Sehnen.

Manche Körperzellen eignen sich sogar zur Arzneimittelherstellung: So überbrücken beispielsweise Medikamente aus Leberzellen die Krise bei einem akuten Organversagen, bis sich das Organ erholt hat oder eine Spenderleber zur Verfügung steht.

Die Erfolgsquoten bei Organtransplantationen sind in den letzten Jahren kontinuierlich gestiegen: Knapp 90 Prozent der verpflanzten Nieren sind nach einem Jahr noch funktionstüchtig, rund 75 Prozent sind es noch nach fünf Jahren. Noch besser ist die Bilanz bei der Augenhornhaut. Hier haben nach einem Jahr noch 95 Prozent ihre volle Funktionsfähigkeit, nach fünf Jahren immerhin noch 80 Prozent.

In Deutschland gilt die Entscheidungslösung: Eine Organentnahme ist nur möglich, wenn der verstorbene Patient zu Lebzeiten eine schriftliche Zustimmung – zum Beispiel im Organspendeausweis – hinterlassen hat. Liegt keine schriftliche Erklärung vor, werden dessen engste Angehörige um eine Entscheidung im Sinne des Verstorbenen gebeten. Der Spender bzw. dessen Angehörige und Empfänger bleiben füreinander anonym. Die Spenderfamilie kann jedoch vom Erfolg der Transplantation erfahren.

Unabhängige Ärzte entscheiden

Ob Herz-, Lungen-, Knochen- oder Hauttransplantation: Für jede postmortale Organ- oder Gewebespende, also die Spende nach dem Tod, muss der Hirntod eingetreten sein. Weitere Voraussetzung ist, dass der Betroffene oder dessen Angehörige einer Organspende zugestimmt haben. Der Hirntod lässt sich medizinisch zweifelsfrei feststellen und muss laut Transplantationsgesetz von zwei Ärzten unabhängig voneinander untersucht und festgehalten werden. Um einen Interessenkonflikt auszuschließen, dürfen diese Mediziner selbst nicht an der Transplantation beteiligt sein.

Für eine Organspende kommen nur Verstorbene infrage, bei denen der Hirntod vor dem Herztod eingetreten ist. Nur dann können die Organe mittels intensivmedizinischer Geräte bis zur Verpflanzung am Leben gehalten werden. Dieser Fall tritt so selten ein, dass von jährlich 400.000 Verstorbenen in deutschen Krankenhäusern nur etwa ein Prozent als Organspender überhaupt in Betracht kommt.

Das Bundesministerium für Gesundheit hat ausführliche Informationen über den Ablauf und die rechtlichen Grundlagen sowie die Empfänger zusammengestellt.

Sicher sein – richtig entscheiden

Schlagzeilen über einzelne Unregelmäßigkeiten verunsichern – erst recht bei einem so sensiblen Thema wie der Organspende. Die Leidtragenden sind die Patienten auf den Wartelisten. In ihrem Interesse macht sich die Deutsche Stiftung Organtransplantation (DSO) für eine unvoreingenommene Beschäftigung mit dem Thema stark und beantwortet besonders häufig gestellte Fragen, zum Beispiel: Kann man sicher sein, dass mit gespendeten Organen kein Missbrauch betrieben wird? Welche Konsequenzen wurden aus den Manipulationen gezogen? Welche Kontrollmöglichkeiten gibt es?

Stichwort Lebendspenden

Es gibt auch Organe, die von Lebenden gespendet werden können, zum Beispiel die doppelseitig angelegten Nieren. Ein gesunder Mensch mit guter Nierenfunktion kann deshalb ohne gesundheitliche Beeinträchtigungen zum Organspender werden. Auch ein Stück der Leber kann entnommen werden, ohne dass für den Spender gesundheitliche Beeinträchtigungen auftreten.

Das Transplantationsgesetz gestattet Lebendspenden nur unter Verwandten ersten und zweiten Grades oder unter Eheleuten beziehungsweise Personen, die mit der Empfängerin oder dem Empfänger in besonderer Weise persönlich verbunden sind. Für eine Lebendspende kommen in Deutschland ausschließlich Nieren und Teile der Leber infrage.

Zudem wird mit dem Gesetz zur Änderung des Transplantationsgesetzes die Absicherung von Lebendspendern entscheidend verbessert und klar, unmissverständlich und umfassend geregelt. Künftig hat jeder Lebendspender einen Anspruch gegen die Krankenkasse des Organempfängers, insbesondere auf Krankenbehandlung, Vor- und Nachbetreuung, Rehabilitation, Fahrkosten und Krankengeld.

Mehr zur Entgeltfortzahlung bei Organspende

Weiterführende Informationen zur Lebendspende 

Am 1. November 2012 trat das "Gesetz zur Regelung der Entscheidungslösung im Transplantationsgesetz" in Kraft. Die bisherige "erweiterte Zustimmungslösung" wurde damit durch die "Entscheidungslösung" ersetzt. Das bedeutet: Alle Bundesbürger sollen in Zukunft regelmäßig die Möglichkeit erhalten, sich über das Thema Organspende zu informieren und ihre persönliche Entscheidung schriftlich festzuhalten.

Einfach ausfüllen

Das Ausfüllen des Organspende-Ausweises dauert höchstens eine Minute. Genauso schnell sorgt das Dokument im Fall eines Unfalls oder einer plötzlichen schweren Erkrankung für Klarheit.

Die IKK classic hat ihren Versicherten einen Organspendeausweis zugesandt. Weitere Exemplare stellen wir Ihnen gern zur Verfügung. Zum Download steht dieses Dokument auch bei der Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung bereit.

In aller Kürze

Pro oder contra – Sie entscheiden: Auf der Ausweisrückseite können Sie für den Todesfall eine Organ- beziehungsweise Gewebespende erlauben oder ablehnen – komplett oder mit Ausnahmen. Jugendliche können dies ab 16 Jahren ohne Zustimmung der Eltern entscheiden.

  • Keine Datenspeicherung: Ihr Ausweis enthält keinen Chip zur Datenspeicherung. Falls sich Ihre Meinung ändert: Einfach den Ausweis zerreißen, einen neuen ausfüllen und in die Brieftasche stecken.
  • Ohne Einfluss auf Ihre Behandlung: Medizinische Ethik und Gesetze regeln die Behandlung kranker Menschen in Deutschland. Ob mit oder ohne Spenderausweis: Ihre Versorgung im Notfall bleibt davon unberührt.
  • Rechtssicher: Der Organspendeausweis ist für Ärzte und Angehörige bindend. Damit nehmen Sie Ihrer Familie im Notfall eine schwere Entscheidung ab. Sprechen Sie rechtzeitig darüber.

Fragen Sie nach

Informieren können Sie sich zum Beispiel auch telefonisch oder online

Immer häufiger nutzen Prominente ihre Bekanntheit, um für das Thema Organspende zu sensibilisieren. Aber auch Menschen, die mit einem Spenderorgan leben, melden sich zu Wort. Mehr über die Gründe können Sie in den Interviews nachlesen.

Nachgefragt

  • Kati Wilhelm (Olympiasiegerin im Biathlon), Michael Steiner (Olympiasieger im Gewichtheben) und Schauspieler Klaus J. Behrendt haben eine Botschaft für den Fall, dass ihre Organe transplantiert werden.
  • Dr. med Eckhart von Hirschhausen ist ausnahmsweise nicht so humorvoll, wie man ihn aus Fernsehen und Büchern kennt.
  • Krankenschwester und Seelsorgerin Ingrid Schröter lässt sich auch auf die ethischen Fragen von Angehörigen der Spender und dem Empfänger ein.

Danke sagen

In Deutschland bleibt die Organspende anonym. Der Empfänger weiß also nichts über „seinen“ Spender. Die Angehörigen erhalten von der Deutschen Stiftung Organtransplantation  etwa sechs Wochen nach der Organspende per Brief mitgeteilt, welche Organe der verstorbenen Person transplantiert wurden und wie es den Empfängern geht. Diese haben die Möglichkeit, über die DSO anonym einen Dankesbrief an die Angehörigen zu schreiben. Darüber hinaus können Spenderangehörige und Organempfänger an allgemeinen Begegnungstreffen der DSO teilnehmen.

Die Transplantation eines Organs ist ein lebensrettendes Geschenk, dem besondere Achtsamkeit gebührt.

Kontrollen gehören zum Alltag

Trotz hoher medizinischer Standards sind die ersten Tage und Wochen nach einer Transplantation kritisch. Über die allgemeinen Operationsrisiken hinaus muss der Körper nun ein fremdes Organ akzeptieren.

Wichtig für den Transplantationserfolg sind strenge Hygienevorschriften. Zudem wird die körpereigene Immunabwehr ein Leben lang unterdrückt. Dafür ist die korrekte Einnahme der sogenannten Immunsuppressiva unerlässlich.

Regelmäßige und langfristige Kontrolluntersuchungen helfen dabei, mögliche Komplikationen rechtzeitig festzustellen. Blutuntersuchungen gehören von Anfang an zum Alltag. Die Laborwerte geben Auskunft darüber, ob die Immunsuppressiva weder unter- noch überdosiert vorhanden sind und wirken. Daneben zeigen die Blutwerte auch, wie es um die Funktionstüchtigkeit des verpflanzten Organs oder etwaige Infekte steht. Da sich der Stoffwechsel nach Transplantationen verändern kann, wird auch der Blutzucker häufig beobachtet.

Neue Möglichkeiten

Sobald das Organ stabil arbeitet und die ärztlichen Kontrollen in größeren Abständen stattfinden, etwa nach einem Jahr, können Organtransplantierte auch wieder an größere Reisen denken. Zuvor sollten eher nahe Ziele mit ähnlichem, gemäßigtem Klima, hygienisch einwandfreien Grundverhältnissen und guter medizinischer Versorgung angesteuert werden. Lockt ein weiter entferntes Ziel, dann sollte es hinsichtlich Klima, Hygiene- und Medizinversorgung unter die Lupe genommen werden.

Selbst eine Schwangerschaft ist mit einem transplantierten Organ möglich. Wie eng sie medizinisch begleitet werden muss, ist individuell verschieden. Dazu sollte auf jeden Fall der behandelnde Transplantationsarzt angesprochen werden, damit dieser das Risiko abwägen und die medikamentöse Therapie richtig einstellen kann. Bei der aktuellen Generation immunsuppressiver Medikamente gibt es auch solche, die weitgehend sicher in der Schwangerschaft eingesetzt werden können - ohne Langzeitfolgen für das Kind.

Gemeinsamkeit hilft

Nach der Operation braucht es einige Zeit, bis das neue Organ und mit ihm der Mensch wieder im Alltag angekommen ist. Nicht nur rein körperlich muss der „Fremdkörper“, das Spenderorgan, angenommen werden. Psychisch ist das ebenfalls Schwerstarbeit, selbst wenn nach einer erfolgreichen Transplantation auf einmal wieder Normalität im Alltag einkehren kann. Es gilt, mit dem fremden Organ zu leben und mit dem Wissen um die Tatsache, dass ein anderer Mensch bereit war, einem völlig Fremden ein solches Geschenk zu machen. Dabei helfen auch Vertreter von Selbsthilfegruppen und -organisationen.

Selbsthilfegruppen werden von Betroffenen selbst oder von Angehörigen Organtransplantierter und chronisch Kranker gegründet, die ihre Kraft und Erfahrungen für andere Menschen einsetzen, die Ähnliches aktuell durchmachen. Deutschlandweit gibt es etwa 70 Selbsthilfegruppen und Betroffenenverbände für Organtransplantierte, deren Angehörige und Interessierte allgemein. Dazu gehören auch spezielle Netzwerke für Leber-, Herz-, Lunge-, Niere- und Bauchspeicheldrüsen-Transplantierte oder Kranke. Gruppen etwa für Kinder, Sportbegeisterte oder Dialysepatienten finden ebenso spezielle Online-Netzwerke.