Faszientraining

Wer sich für Fitness-Trends interessiert, dem begegnet in letzter Zeit immer wieder das Stichwort "Faszien". Aber was sind eigentlich Faszien und wofür braucht unser Körper sie? Physiotherapeut und Buchautor Kay Bartrow beschäftigt sich seit vielen Jahren mit dem Thema. Wir haben ihn dazu befragt.

Was sind denn nun eigentlich Faszien, Herr Bartrow?

Faszien sind überall im Körper zu finden. Sie verbinden als Bindegewebs-Netzwerk Organe, Muskeln, Nerven und auch Knochen. So gesehen kann sich der Mensch gar nicht bewegen ohne die Faszien mitzubenutzen. Faszien sind an der Kraftübertragung beteiligt – und das zum Teil mehr als die dabei benutzten Muskeln. Sie sind hauptverantwortlich für elastische und geschmeidige Bewegungsdurchführungen und haben etwa sechsmal mehr Rezeptoren (das sind freie Nervenenden zur Reizwahrnehmung) als Muskelgewebe und sind damit auch ein wichtiges Organ für die Körper- und Schmerzwahrnehmung.

Wer Schmerzen hat, bewegt sich nicht 'rund', sagt schon der Volksmund. Und da hat er Recht: Schmerzen verursachen Schonhaltungen und Bewegungsunwilligkeiten, die die Faszien nachhaltig verändern. Das hat nachteilige Effekte wie z. B. Verklebungen, Spannungszonen, die dann Schmerzen auslösen, und ein nicht zu vernachlässigender Elastizitätsverlust. Genau gegen diese Effekte hilft ein gezieltes Faszientraining.

Und was genau verbirgt sich hinter dem Wort Faszientraining?

Was häufig noch nicht so recht kommuniziert wird, ist der Umstand, dass es sich beim Faszientraining nicht wirklich um eine neue und eigenständige Sportart handelt. Aber jede Sportart und jeder Sportler profitieren von einem abgestimmten Faszientraining. Es kommt ergänzend zum Einsatz – ob im Fitness-Studio, bei der regelmäßigen Jogging-Einheit oder beim Aufwärmtraining im Mannschaftssport. So wie auch ein gut dosiertes Muskeltraining mittlerweile in allen Sportarten ergänzend Eingang gefunden hat, läuft es derzeit mit den Erkenntnissen aus der Faszienwelt.

Es gibt verschiedene Trainingsmethoden, auf die das Fasziengewebe besonders gut anspricht und mit denen es sich funktionell verbessern lässt. Häufig wird das Faszientraining mit einer speziellen Trainingsrolle umgesetzt, mit deren Hilfe verschiedene Körperbereiche „ausgerollt“ werden. Sollen einzelne Punkte verstärkt angesprochen werden, kommt auch schon mal ein Tennisball zum Einsatz. Die Übungen enthalten beispielsweise Komponenten aus klassischer Rückengymnastik, Pilates oder Yoga.

Wie funktioniert das Training mit der Rolle?

Trainingsrollen lassen sich vielfältig und variabel einsetzen – von sportartspezifischer Vorbereitung über das gezielte Training bis hin zu einer regenerativen Anwendung nach dem Sport. Dabei können die Effekte der Rolle – je nach Übungsauswahl, Bewegungsgeschwindigkeit, Position des ausgerollten Körperbereiches, Faserverlauf der Faszien und Muskeln zur Rolle etc. und Ausgangsstellung – einmal einen entspannenden Charakter annehmen, oder auch aktivierend und intensiv anregend vor einem Wettkampf sein.

Ähnlich wie beim Teigrollen rollt man einen Körperbereich – entweder im Stehen oder Liegen – über der Rolle aus (Rollout). Im Stehen lässt sich die Gewichtskraft auf die Rolle reduzieren und einzelne Körperbereiche können so gezielt entlastet werden. Das ist vor allem von Vorteil, wenn es zunächst darum geht, das Fasziengewebe sanft auf kommende Trainingsbelastungen vorzubereiten. Liegt man auf der Rolle, verstärkt das den Einfluss der Gewichtskraft und führt so auch zu einer intensiveren Trainingsbelastung. Positiver Nebeneffekt des Rollouts: Durch die Bewegung werden gleichzeitig auch die Muskeln massiert und entspannt und der Zellstoffwechsel angekurbelt. So können gezielt auch schmerzhafte Bereiche mit dem Ziel bearbeitet werden, den Schmerz zu reduzieren.

Kann ich beim Training etwas falsch machen?

Grundsätzlich gilt: Die Übungen sollen Ihnen gut tun. Alles was körperliche Beschwerden (Schmerzen, Bewegungseinschränkungen etc.) verschlimmert, ist grundlegend erst einmal nicht optimal für uns. Auf der Gegenseite ist alles, was vorhandene Beschwerden reduziert, gut und förderlich für uns. Ein wichtiges Entscheidungsmerkmal bei körperlichen Übungen ist also die persönliche Empfindung und Wahrnehmung dabei. Reduzieren Sie die Belastung also zunächst so weit, dass Sie die Übungen ohne größere Beschwerden durchführen können. Dann können Sie die Belastung sukzessive steigern.

Auch ein größeres Maß an Information und Wissen kann hilfreich sein, um Übungen sicher auswählen zu können. Nutzen sie verschiedene Informationsquellen wie z. B. Bücher zum Thema, persönliche Beratung beim Therapeuten oder Arzt oder befragen sie Jemanden, der diese Übungen bereits durchführt. Nur wenn ich verstanden habe, wie beispielsweise mein Rücken funktioniert, kann ich entsprechend sinnvolle Maßnahmen in meinen Arbeitsalltag einbauen. Wenn ich ein Wissen darüber habe, was normal ist und was evtl. schädlich sein kann, kann ich dieses Wissen im Alltag ein- und umsetzen.

Gibt es Übungen, die sich gut in den Alltag integrieren lassen, z. B. als Ausgleich zu längerer einseitiger Belastung während der Arbeit?

Jede Menge. Letzten Endes kommt es immer auf die Arbeit, den Arbeitsplatz und die gegebenen Möglichkeiten an. Einfache Gymnastikübungen, die auch im Stehen durchgeführt werden können, sind sicherlich leichter umsetzbar als Übungen, bei denen Geräte oder Matten gebraucht werden. Mit einer Rolle bieten sich Übungen im Stehen an einer Wand oder im Türrahmen an. Auch mit einem Tennisball zwischen Rücken und Wand sind Übungen einfach durchführbar.

Kay Bartrow

Kay Bartrow ist Physiotherapeut in einer Praxis in Balingen. Seit 2002 ist er Lehrbeauftragter für Physiotherapie und gibt seit 2006 Fortbildungskurse für examinierte Physiotherapeuten. Nähere Infos: www.physiotherapie4u.de