Überflieger Severin Freund

Der Weltmeister im Interview: Sein langer Weg von der OP zurück in die Luft

Auch Überflieger landen manchmal gezwungenermaßen auf dem Operationstisch. Bei unserem Skisprung-Weltmeister und -Olympiasieger Severin Freund war das Ende April 2016 in der Orthopädischen Klinik München der Fall. Dabei wurde an der linken Hüfte die Hüftgelenkslippe arthroskopisch genäht und mit Knochenankern refixiert. Ein komplizierter Eingriff, trotzdem fliegt der Champion ein gutes halbes Jahr später schon wieder und hofft auf einen erfolgreichen WM-Winter.

Severin Freund in Skianzug

„2012 hatte ich ja schon mal so eine Situation, wo ich mich nach einem Bandscheibenvorfall operieren lassen musste. Damals hat man das im Winter kaum gemerkt, ich habe gleich zum Auftakt gewonnen“ sagt Freund der IKK classic: „Der Eingriff dieses Mal war aber noch ein ganzes Stück schwieriger, der Trainingsausfall länger. Aber ich habe mich mit der Situation arrangiert und sehe sie als Chance. Bei allem, was außerhalb der Norm läuft, lernst du dazu. Ich gehe entspannt und freudig in die Saison, von mir kann niemand ernsthaft etwas erwarten.“

Positives Denken, so empfindet es Severin Freund, ist das Wichtigste, wenn man solch einen schweren Eingriff über sich ergehen lassen muss. Da geht es Spitzensportlern genau wie „ganz normalen“ Kranken. Für die hat der Überflieger einen ganz speziellen Tipp: „Jeder kann seinen Heilungsprozess selbst mitbestimmen. Du musst auf die Ärzte und Physiotherapeuten hören, die dir etwas sagen. Du musst sie ernst nehmen. Dann kann man sich auch Stück für Stück wieder rankämpfen. Wenn man wirklich will, geht vieles. Dann kann man auch in einer anderen Zeitschiene wieder richtig fit werden, als es einem ursprünglich prophezeit worden ist.“

Bei Severin Freund hatten viele Experten Zweifel, ob er es überhaupt schafft, bis zum Winter fit zu werden. Doch schon gut vier Monate nach seiner OP flog der 28-Jährige wieder durch die Lüfte. Weil er in seiner Rehabilitation hart gearbeitet und die Ratschläge der Ärzte und Physiotherapeuten befolgt hatte. „Die fieseste Zeit war die direkt nach der Operation, wo ich überhaupt nichts machen konnte. Das war wirklich zäh. Aber dann ging es zur Reha und irgendwann begann auch wieder das normale Training. Die Motivation, möglichst schnell wieder gesund zu werden, war da ganz wichtig“, berichtet Freund.

Davor stand die schwierige Entscheidung, ob er sich überhaupt operieren lassen soll. Doch letztendlich gab es keine Alternative. „So eine Operation ist schon eine Nummer. Vor allem für einen Skispringer, der extrem auf sein Körpergefühl angewiesen ist. Aber trotzdem musste es sein: Im vergangenen Winter war es so, dass ich wirklich nur noch von meinem Training im Sommer profitiert habe. Es war klar, dass etwas passieren musste, sonst hätte sich die Abwärtsspirale immer weitergedreht. Irgendwann hätte ich gar keine Chance mehr gehabt, aus eigener Kraft aufs Podest zu springen. Und das ist ja mein Anspruch.“

Freund hatte sich die Verletzung durch einen schweren Sturz beim Vierschanzentournee-Springen in Innsbruck zugezogen. Er wurde am Ende trotzdem Zweiter beim Skisprung-Grand-Slam, sprang die Saison unter Schmerzen zu Ende und legte sich erst nach dem Urlaub unters Messer. "Die Operation war nach Aussagen aller Fachärzte unausweichlich", sagte Bundestrainer Werner Schuster. "Umso höher sind Severins Leistungen und seine mentale Stärke in der vergangenen Saison nach dem Sturz in Innsbruck einzuschätzen. Severin hatte im Laufe seiner großartigen Karriere schon mehrmals mit Verletzungen zu kämpfen, dabei aber immer bewiesen, dass er selbst nach eingeschränkten Vorbereitungen stärker als zuvor zurückkommen kann."

Darauf hofft der große Kämpfer Severin Freund auch dieses Mal. Er arbeitet jeden Tag hart an seiner Rückkehr an die Spitze – auch da ist er ein Vorbild für „ganz normale“ Kranke. „Ich werde ja auch älter, mein Aufwärmprogramm wird eher länger. Man merkt halt die zwei Operationen. Aber ich bin optimistisch, dass ich weiterhin ganz vorn reinspringen kann.“ Ohne sich dabei unter Druck zu setzen. „Die Taktik ist, dass es keine Taktik gibt. Ich bin diesmal eine Wundertüte, vielleicht überrasche ich ja alle“, sagt er grinsend.

Die traditionsreiche Vierschanzentournee zum Jahreswechsel ist der erste Saisonhöhepunkt, spätestens bei der WM im finnischen Lahti vom 22. Februar bis 5. März will Freund seine erfolgreiche Rehabilitation nach der schwierigen Operation krönen: „Mein Ziel ist, in einer Form zu sein, in der ich die Chance auf eine erfolgreiche Titelverteidigung habe. Speziell die Großschanze dort liegt mir. Ich will dieses Großereignis genießen und auf dem Podest landen.“ Quasi vom OP-Tisch auf den Weltmeisterthron.