Gender Pain Gap: Warum Schmerzen bei Frauen oft nicht ernst genommen werden

Wenn Schmerzen von Frauen heruntergespielt werden, kann wertvolle Zeit bis zur Diagnose vergehen. Was hinter dem Gender Pain Gap steckt, welche Rolle Hormone und Rollenbilder spielen und wie Betroffene für ihre Beschwerden Gehör finden, erklärt eine Expertin.

Eine Frau schildert starke Schmerzen, doch die Behandlung lässt auf sich warten. Eine andere hört über Jahre, heftige Regelschmerzen seien vollkommen normal. Solche Erfahrungen haben unterschiedliche Ursachen. Sie werfen aber dieselbe Frage auf: Werden Schmerzen bei Frauen ebenso sorgfältig erfasst, untersucht und behandelt wie bei Männern?

Was ist der Gender Pain Gap?

Der Gender Pain Gap beschreibt geschlechtsbezogene Unterschiede beim Erkennen, Bewerten und Behandeln von Schmerzen. „Mit Gender Pain Gap sind zwei Aspekte in der Schmerzempfindung und -behandlung gemeint, nämlich die systematische Unterschätzung und Bagatellisierung von Schmerzen bei Frauen und die damit verbundene geringere Verordnung von schmerzlindernden Mitteln für Frauen im Vergleich zu Männern mit denselben Symptomen“, erläutert Prof. Dr. med. Sabine Oertelt-Prigione von der Universität Bielefeld. Gemeint ist also eine generelle Versorgungslücke, keine Eigenschaft einzelner Patientinnen.

Wie sich diese zeigen kann, verdeutlicht eine 2024 veröffentlichte Untersuchung aus Notaufnahmen in Israel und den USA: In einer untersuchten Gruppe erhielten nur 38 Prozent der Frauen, aber 47 Prozent der Männer unter denselben Voraussetzungen eine Schmerzmittelverordnung. Frauen warteten zudem im Mittel 30 Minuten länger in der Notaufnahme auf ihre Untersuchung. Die Befunde lassen sich nicht unmittelbar auf jede Klinik übertragen, weisen aber auf Unterschiede in der Versorgung hin, die genauer untersucht werden müssen.

Gendermedizin

Durch die fortschreitende Gendermedizin erkennt man immer mehr, welchen Einfluss das biologische Geschlecht hat.

Schmerzempfinden: Empfinden Frauen Schmerzen anders als Männer?

Schmerzen sind individuell. „Das Schmerzempfinden wird durch biologische und soziale Aspekte beeinflusst“, erklärt die Expertin. Einerseits besteht eine unterschiedliche Ausprägung von bestimmten Schmerzrezeptoren abhängig vom Geschlecht, andererseits beeinflussen Hormone das Schmerzempfinden. „Grundsätzlich haben hohe Progesteron- und Östrogenkonzentrationen einen eher schmerzlindernden Effekt, ebenso wie hohe Testosteronkonzentrationen. Im Laufe des Menstruationszyklus kommt es allerdings zu regelmäßigen Veränderungen der Hormonkonzentration, die beispielsweise eine stärkere Schmerzempfindung in der zweiten Zyklushälfte wahrscheinlicher machen.“

Ein ähnliches Phänomen ist laut der Expertin auch in der Perimenopause aufgrund starker Hormonschwankungen erkennbar – oder postmenopausal. Bei Männern kann eine altersbedingte Testosteronabnahme ebenfalls die Schmerzwahrnehmung verstärken, allerdings ist diese Abnahme progressiv und langsamer, was zu weniger Schwankungen und abgemilderten Effekten führen kann.

„Weiterhin sind gesellschaftliche Rollenbilder, also Genderrollen, extrem wichtig in Bezug auf die Schmerzwahrnehmung und die Hilfesuche bei Schmerzbeschwerden. Es halten sich trotz progressiver Veränderungen in den letzten Jahrzehnten immer noch Rollenbilder, die Männer davor hindern ihren Schmerz zu beschreiben und Frauen als wehleidig darstellen“, fährt die Expertin fort. Das kann sowohl die Bereitschaft beeinflussen, Hilfe zu suchen, als auch die Einschätzung durch medizinisches Personal. So werden Schmerzen eines männlichen Patienten möglicherweise ernster genommen – in der Annahme, dass er erst dann Hilfe sucht, wenn die Beschwerden bereits schwerwiegend sind.

Warum Schmerzen von Frauen häufiger unterschätzt werden

Auch Vorstellungen darüber, wie Schmerz „typischerweise“ ausgedrückt wird, können medizinische Entscheidungen beeinflussen. Wird die Schilderung einer Patientin vorschnell als Übertreibung gewertet, können Untersuchung oder Schmerzlinderung zu kurz kommen.

„Alle Menschen, auch ärztliches Personal, haben Stereotypen, die sie in ihrer Kommunikation mit anderen anwenden. Das Problem sind nicht die Stereotypen per se, aber der Umgang damit. Vorurteile, die einen Effekt auf die Behandlung haben können, können identifiziert und abgebaut werden, wenn man sich ihrer bewusst ist“, erklärt die Expertin.

Entscheidend ist deshalb, wie Schmerzen erfasst, welche Fragen gestellt und welche möglichen Ursachen berücksichtigt werden. Eine sorgfältige Versorgung nimmt die Angaben der betroffenen Person ernst und prüft mögliche Ursachen systematisch.

Frauengesundheit in Zahlen

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Medical Gaslighting: Wenn Beschwerden heruntergespielt werden

Medical Gaslighting beschreibt Erfahrungen, bei denen Betroffene den Eindruck gewinnen, ihre Beschwerden würden wiederholt abgetan oder ihnen ohne ausreichende Abklärung abgesprochen. Etwa wenn starke Schmerzen pauschal als „Stress“ eingeordnet werden. Der Ausdruck ist keine medizinische Diagnose. Allerdings ist nicht jede Fehldiagnose und nicht jedes schwierige Gespräch Gaslighting.

Entscheidend ist, was als Nächstes geschieht: Welche Ursachen wurden geprüft? Was ist noch unklar? Und wann sollten die Beschwerden erneut beurteilt werden? Bleiben Schmerzen bestehen oder nehmen sie zu, kann es helfen, Verlauf, Stärke und Begleitsymptome zu notieren und einen weiteren Termin zu vereinbaren. Betroffene können nachfragen, welche Untersuchungen sinnvoll sind oder ob eine Überweisung nötig ist. Eine zweite ärztliche Meinung kann insbesondere bei anhaltenden Beschwerden weiterhelfen.

Endometriose: Warum die Diagnose oft Jahre dauert

Starke Regelschmerzen werden häufig für einen normalen Teil der Menstruation gehalten. Sie können jedoch auch auf eine Endometriose hinweisen. Dabei wächst Gewebe, das der Gebärmutterschleimhaut ähnelt, außerhalb der Gebärmutter. Mögliche Beschwerden sind starke Schmerzen während der Periode, Schmerzen beim Geschlechtsverkehr oder beim Stuhlgang sowie chronische Unterbauchschmerzen.

Die Beschwerden können anderen Erkrankungen ähneln. Werden starke Regelschmerzen zudem als normal eingeordnet, kann sich die gezielte Abklärung verzögern. Bis zur Diagnose können daher oftmals Jahre vergehen. Wie lange Betroffene auf Klarheit warten, unterscheidet sich jedoch erheblich. Eine systematische Übersichtsarbeit zeigt große Unterschiede zwischen den Studien – unter anderem, weil sie verschiedene Abschnitte des Diagnosewegs untersuchen. Eine einheitliche Wartezeit lässt sich daraus nicht ableiten.

Die aktuelle deutschsprachige Endometriose-Leitlinie empfiehlt eine strukturierte Abklärung. Zur Diagnostik gehört insbesondere der vaginale Ultraschall; welche weiteren Schritte sinnvoll sind, hängt von den Beschwerden und Befunden ab. Wer wegen der Periode regelmäßig in Schule, Beruf oder Alltag ausfällt, sollte dies gynäkologisch ansprechen.

„Grundsätzlich sollten wiederkehrende Schmerzen, die therapiebedürftig sind, immer abgeklärt werden. Menstruationsbeschwerden sollten ebenfalls abgeklärt werden, wenn sie langfristig bestehen und vor allem durch die Gabe von moderaten Schmerzmitteln nicht kontrolliert werden. Die Notwendigkeit eines Schmerzmittels an einem oder zwei Tagen während der Menstruationsblutung kann normal sein, falls die Einnahme eines Schmerzmittels aber keine Besserung mit sich bringt, sollte der Schmerz fachkundig abgeklärt werden“, rät die Expertin.

Schmerzen in den Wechseljahren: Nicht alles liegt am Alter

Während der Wechseljahre berichten manche Frauen über neue oder stärkere Muskel- und Gelenkschmerzen. Hormonelle Veränderungen können dabei eine Rolle spielen. Eine wissenschaftliche Übersichtsarbeit beschreibt diesen Zusammenhang, betont aber auch, dass Beschwerden des Bewegungsapparats verschiedene Ursachen haben können.

Deshalb sollten neue oder anhaltende Schmerzen nicht allein mit den Wechseljahren oder dem Älterwerden erklärt werden. Bei geschwollenen Gelenken, ausgeprägter Morgensteifigkeit oder deutlichen Einschränkungen ist eine ärztliche Abklärung besonders wichtig. So lässt sich besprechen, ob etwa eine Gelenkerkrankung vorliegt und welche Behandlung zur Ursache passt.

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Die Forschungslücke: Warum Medikamente nicht für alle gleich gut untersucht sind

Wie gut Medikamente wirken und welche Nebenwirkungen auftreten, sollte für alle Menschen, die sie später anwenden, ausreichend untersucht sein. Frauen waren in Teilen der Arzneimittelforschung lange unzureichend vertreten. Ihre Beteiligung an klinischen Studien hat sich inzwischen verbessert, allerdings nicht in allen Bereichen gleichermaßen.

Das zeigt eine im Juni 2026 in Nature Communications veröffentlichte Auswertung von Studien zu Arzneimitteln, die zwischen 2015 und 2023 in den USA zugelassen wurden: Gemessen an der Häufigkeit der jeweiligen Erkrankung sind Frauen vielfach angemessen vertreten, in einzelnen Krankheitsgebieten bestehen jedoch weiterhin Lücken. Zudem werden Studienergebnisse nicht durchgängig nach Geschlecht ausgewertet beziehungsweise entsprechend berichtet, wie eine Analyse von Herz-Kreislauf-Studien zeigt. Entscheidend sind deshalb sowohl eine angemessene Beteiligung als auch aussagekräftige Analysen möglicher Unterschiede bei Wirkung und Nebenwirkungen. Daraus lässt sich jedoch nicht ableiten, dass Medikamente bei Frauen grundsätzlich schlechter wirken.

Welche Perspektiven die Forschung eröffnen könnte, erläutert Prof. Dr. med. Sabine Oertelt-Prigione: „Wir haben in den letzten Jahren sehr viel dazugelernt, wenn es um Geschlechterunterschiede in der Schmerzwahrnehmung geht. Im Tierexperiment ist beispielsweise zu erkennen, dass potenziell unterschiedliche Immunzellen bei der Schmerzweiterleitung in männlichen und weiblichen Tieren beteiligt sein können. Falls sich dies im Menschen bestätigen sollte, wären in der Zukunft beispielsweise unterschiedliche Arzneimittel, die selektive Mechanismen unterbinden, denkbar.“

Bis daraus neue Behandlungen entstehen könnten, ist jedoch weitere Forschung nötig. Die Expertin betont: „Hier ist noch viel zu tun, diese Erkenntnisse müssen in großen Studien überprüft und bestätigt und der Bereich weiter ausgebaut werden.“

FAQ: Häufig gestellte Fragen

Können Frauen mehr Schmerzen aushalten als Männer?

Das lässt sich nicht pauschal sagen. Schmerzempfinden und Umgang mit Schmerzen unterscheiden sich von Mensch zu Mensch. Aus Erfahrungen wie Menstruation oder Geburt folgt keine allgemein höhere Schmerztoleranz. Bei der Behandlung sollten immer die Beschwerden der einzelnen Person zählen.

Kann Medical Gaslighting auch Männer betreffen?

Ja. Auch Männer können erleben, dass ihre Beschwerden vorschnell eingeordnet oder nicht ausreichend untersucht werden. Der Begriff beschreibt eine Erfahrung im Behandlungskontakt und ist nicht auf ein Geschlecht beschränkt.

Gilt der Gender Pain Gap auch in Deutschland?

Es gibt Hinweise darauf. Eine 2026 veröffentlichte Auswertung von 106.888 Einsätzen der deutschen Luftrettung fand bei vergleichbarer anfänglicher Schmerzstärke Unterschiede in der Behandlung: 62,0 Prozent der Frauen und 66,9 Prozent der Männer erhielten ein Schmerzmittel. Die Ergebnisse liefern Hinweise auf mögliche geschlechtsbezogene Unterschiede in der Behandlung. Als rückblickende Beobachtungsstudie belegt die Untersuchung aber nicht, dass eine Benachteiligung aufgrund des Geschlechts die Ursache war.

Was ist der Unterschied zwischen Gender Pain Gap und Gender Health Gap?

Der Gender Pain Gap bezieht sich auf Unterschiede beim Erkennen, Bewerten und Behandeln von Schmerzen. Der Gender Health Gap ist weiter gefasst: Er beschreibt geschlechtsbezogene Unterschiede in Forschung und Gesundheitsversorgung, etwa bei Diagnosen, Behandlungen und gesundheitlichen Ergebnissen.

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Sven von Thülen

Veröffentlicht am 02.11.2026

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