Telemedizinische Angebote haben durch die Corona-Pandemie stark an Bekanntheit gewonnen und immer mehr Menschen nutzen inzwischen ganz selbstverständlich digitale Arzt- und Apothekendienste. Sie buchen online Termine und holen sich von Ärzten über Videosprechstunden fachkundigen Rat zu Symptomen und Beschwerden.
Ein nachhaltiger Trend, schließlich erspart er Patienten weite Wege und lange Wartezeiten, kann den persönlichen Kontakt mit dem behandelnden Arzt auf sinnvolle Weise ergänzen und soll vor allem in ländlichen Regionen die medizinische Grundversorgung sicherstellen. Denn gerade fernab der großen Ballungszentren gibt es Lücken.
Telemedizin in Deutschland: Was Videosprechstunde & Co. leisten können
Deutschlandweit gibt es immer mehr Angebote für eine medizinische Beratung aus der Ferne. Besonders in ländlichen Regionen, wo die Versorgung lückenhaft ist, kann Telemedizin den Menschen den längeren Weg zum Arzt ersparen. Ist der Tele-Arzt ein Modell für die Zukunft?
- Viele Ärzte in der Stadt, wenige Ärzte auf dem Land
- Was genau ist Telemedizin?
- Telemedizin überwindet räumliche Distanz und bietet zeitliche Flexibilität
- So wird Telemedizin angegewendet
- Krankschreibung per Videosprechstunde – das ist heute möglich
- Persönlicher Kontakt bleibt wichtig
- Vorteile von telemedizinischen Leistungen
- Telemedizin als Modell für die Zukunft
- FAQ: Häufig gestellte Fragen
Viele Ärzte in der Stadt, wenige Ärzte auf dem Land
So hat sich zwar die Arztdichte in Deutschland seit den 1980er Jahren laut einer Studie von Statista bis 2019 durchschnittlich auf 207 Einwohner pro Arzt verdoppelt. (Aktualisierung Stand Ende 2024: rund 192 Einwohner je berufstätigem Arzt.) Zudem hat sich mit rund 402.000 berufstätigen Ärzten – ausgehend von Zahlen der Bundesärztekammer – auch die Anzahl der Mediziner erhöht. (Aktualisierung: Ende 2024 zählte die Bundesärztekammer rund 437.000 berufstätige Ärztinnen und Ärzte.) Davon sind laut Kassenärztlicher Bundesvereinigung mehr als 172.000 Ärzte und Psychotherapeuten, die vertragsärztliche Dienstleistungen in über 102.000 Praxen deutschlandweit anbieten. (Hinweis: Zahlen mit Stand 2019; Ende 2024 waren rund 171.000 Ärztinnen und Ärzte ambulant tätig.)
Doch der Behandlungsbedarf wächst aufgrund des demografischen Wandels kontinuierlich: Es gibt immer mehr ältere Menschen, die sich regelmäßig untersuchen lassen müssen. Rund eine Milliarde Mal pro Jahr kommt es in Deutschland zu einem Arzt-Patienten-Kontakt. Das Problem: Immer weniger Mediziner sind bereit, sich als Vertragsarzt mit einer eigenen Praxis niederzulassen. Zudem ziehen viele in die Stadt, da ihnen dort Vorteile wie eine bessere Infrastruktur, besseres Gehalt und weniger Bürokratie geboten werden.
Allerdings leben gerade in ländlichen Regionen mehr ältere Menschen, der Bedarf an medizinischer Versorgung ist im Verhältnis also höher. Das Ergebnis: Insbesondere auf dem Land warten immer mehr Patienten lange Zeit auf einen Termin oder müssen weite Wege bis zum nächsten Facharzt unternehmen. Und das ist wiederum eine Herausforderung für Menschen höheren Alters, die oft nur eingeschränkt mobil sind.
Hier kann die Telemedizin helfen. So fördert der Gemeinsame Bundesausschuss von Krankenkassen, Ärzten und Krankenhäusern mittlerweile über hundert Projekte, um herauszufinden, wie gesetzlich Versicherte zukünftig optimal versorgt werden können.
Was genau ist Telemedizin?
Die Bundesärztekammer definiert den Begriff Telemedizin als einen Sammelbegriff für ärztliche Versorgungskonzepte, bei denen Informations- und Kommunikationstechnologien eingesetzt werden. Die Gemeinsamkeiten aller telemedizinischer Methoden ist, dass alle medizinischen Leistungen über eine räumliche Entfernung hinweg erbracht werden. Das betrifft die Bereiche Diagnostik, Therapie und Rehabilitation. Telemedizinische Methoden können in allen Disziplinen zum Einsatz kommen.
Telemedizin überwindet räumliche Distanz und bietet zeitliche Flexibilität
Als ein Anwendungsbereich der digitalen Gesundheitsdienste, auch Digital Health genannt, überwindet Telemedizin mithilfe von Telekommunikationsmitteln die räumliche Distanz zwischen Arzt und Patient, zwischen zwei Ärzten untereinander oder zwischen Arzt und Klinik. Medizinische Maßnahmen für die Gesundheitsvorsorge finden zeitlich flexibel über Online-Portale, per Telefon oder durch Videotelefonie statt. Zudem kann die Telemedizin auch bei Therapien, Diagnosen oder der Erfassung von Gesundheitsdaten der Patienten unterstützen.
Den Anstoß dazu gab das 2016 in Kraft getretene E-Health-Gesetz. Seitdem der 121. Deutsche Ärztetag (Bundesärztekammer) 2018 das Fernbehandlungsverbot gelockert hat, können Ärzte ihre Patienten per Online-Sprechstunde untersuchen und behandeln – ohne, dass sie den Patienten zuvor persönlich gesehen haben. Einzige Voraussetzung: eine sichere, stabile Internetverbindung sowie der Zugang zu einem Smartphone oder Computer. Dabei haben sich mittlerweile mehrere telemedizinische Anwendungen etabliert.
Aktualisierung (Stand 2024): Mit dem Digital-Gesetz (DigiG), das am 26. März 2024 in Kraft trat, wurde die bisherige 30-Prozent-Begrenzung für Videosprechstunden bei Vertragsärztinnen und -ärzten aufgehoben und ein gesetzlicher Rahmen für die assistierte Telemedizin in Apotheken geschaffen. Außerdem wurden die elektronische Patientenakte (ePA) und das E-Rezept für alle gesetzlich Versicherten eingeführt. Telemedizin gilt damit als fester Bestandteil der Regelversorgung.
Krankschreibung per Videosprechstunde – das ist heute möglich
Bei vielen leichten Erkrankungen ist die Krankschreibung online möglich: Nach einer Videosprechstunde können Ärztinnen und Ärzte unter bestimmten Voraussetzungen eine Arbeitsunfähigkeitsbescheinigung ausstellen und elektronisch an die Krankenkasse übermitteln. Gerade für Berufstätige spart das den Weg ins Wartezimmer. Ob eine Fernbehandlung ausreicht oder ein Praxisbesuch nötig ist, entscheidet dabei immer die behandelnde Ärztin oder der behandelnde Arzt.
Persönlicher Kontakt bleibt wichtig
Heute ist nach einer Bitkom-Studie aus dem Jahr 2019 jeder zweite Deutsche überzeugt, dass es eine Zukunft ohne E-Health-Angebote nicht mehr geben wird – und die Mehrheit sieht darin große Chancen. In Zeiten einer alternden Gesellschaft und dem Ärztemangel auf dem Land würde nach einer weiteren Studie des deutschen Digitalverbands im Rahmen von telemedizinischen Angeboten jeder dritte Deutsche die Online-Sprechstunde nutzen. Durch die Corona-Maßnahmen hat sich diese Entwicklung noch verstärkt.
Denn mit den telemedizinischen Angeboten werden nicht nur Wege und Zeit gespart. Durch die fehlende Anfahrt und die Wartezeit im Wartezimmer entfallen auch Fahrtkosten und die Gefahr einer Infektion durch andere Patienten. Zudem wird insbesondere für Patienten, die auf dem Land leben oder älter und mobil eingeschränkt sind, ein leichterer Zugang zu qualifizierter medizinischer Hilfe geschaffen.
Auch für Ärzte haben telemedizinische Angebote einige Vorteile: Praxen vor Ort haben Zeit für mehr Patienten. Zudem sind die Termine für die Online-Sprechstunde deutlich flexibler zu handhaben. Allerdings sollte die Telemedizin den persönlichen Kontakt zum Arzt nicht ersetzen. Denn nicht alle Krankheiten können online oder per Video erkannt und behandelt werden. Ob ein Patient in die Praxis kommen muss, entscheidet der Arzt immer dann, wenn er im Rahmen der Telemedizin keine zweifelsfreie Diagnose treffen kann.
Telemedizin stellt deshalb keine Garantie dar, alle Lücken im deutschen Gesundheitswesen zu schließen. Hinzu stellt sich trotz des E-Health-Gesetzes die Frage nach dem Datenschutz, die telemedizinische Betreuung bedarf aufgrund der hohen datenschutzrechtlichen Relevanz nämlich einer besonderen technischen Sicherung der Daten. Was es hierbei zu beachten gilt, lesen Sie hier: https://www.datenschutz.org/telemedizin/
In vielen Arztpraxen fehlt noch die notwendige technische Infrastruktur, um stabile Verbindungen und sicher verschlüsselte Datenübertragungen anzubieten. Ein weiterer Faktor ist der Breitband-Ausbau auf dem Land, denn die Voraussetzung für Telemedizin ist eine schnelle Internetverbindung.
Telemedizin als Modell für die Zukunft
Die Telemedizin ist ein Modell für die Zukunft. Sie kann vor allem in ländlichen Regionen, wo die Versorgung lückenhaft ist, Menschen den persönlichen Arztbesuch ersparen. Und: Sie kann nachweislich insbesondere Menschen mit Vorerkrankungen helfen. So kam eine vom Bundesministerium für Bildung und Forschung geförderte Studie der Berliner Charité 2018 (Fontane-/TIM-HF2-Studie) zum Schluss, dass die telemedizinische Mitbetreuung das Leben von Herzpatienten verlängern kann – unabhängig davon, ob ein Patient in einer strukturschwachen ländlichen Region oder in der Stadt lebt. (Aktualisierung: Auf Basis dieser Evidenz ist das Telemonitoring bei Herzinsuffizienz seit 2022 Teil der Regelversorgung der gesetzlichen Krankenversicherung.)
FAQ: Häufig gestellte Fragen
Übernimmt die Krankenkasse die Kosten für eine Online-Sprechstunde?
Bei gesetzlich Versicherten rechnen Ärztinnen und Ärzte die Videosprechstunde wie einen regulären Praxisbesuch über die Krankenkasse ab; zusätzliche Kosten entstehen dabei in der Regel nicht. Bei privaten Anbietern außerhalb der Regelversorgung kann hingegen eine Gebühr anfallen.
Welche Telemedizin-Anbieter gibt es in Deutschland?
Zu den bekannten Angeboten zählen TeleClinic sowie regionale Plattformen der Kassenärztlichen Vereinigungen wie docdirekt in Baden-Württemberg. IKK-Versicherte können zudem die TeleClinic-Videosprechstunde und IKK Med nutzen.
Kann ich über Telemedizin ein Rezept erhalten?
Ja, nach einer ärztlichen Videosprechstunde ist die Ausstellung eines E-Rezepts möglich, das in der App oder auf der elektronischen Gesundheitskarte bereitsteht. Welches Medikament verordnet wird, bleibt aber stets eine ärztliche Entscheidung.
Was ist der Unterschied zwischen Telemedizin und einer Videosprechstunde?
Telemedizin ist der Oberbegriff für alle ärztlichen Leistungen über räumliche Distanz hinweg, etwa Telemonitoring oder Telekonsil. Die Videosprechstunde ist nur eine konkrete Anwendung davon: das direkte Gespräch zwischen Patient und Arzt per Video.