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Telemedizin in Deutschland: was digitale Sprech­stunden leisten können

Deutschlandweit gibt es immer mehr Angebote für eine medizinische Beratung aus der Ferne. Besonders in ländlichen Regionen, wo die Versorgung lückenhaft ist, kann Telemedizin den Menschen den längeren Weg zum Arzt ersparen. Ist der Tele-Arzt ein Modell für die Zukunft?

In den letzten Monaten ist die Nachfrage nach Anbietern telemedizinischer Beratung explodiert. Spätestens seit dem Ausbruch der Corona-Pandemie und dem damit einhergehenden, zweitweise flächendeckenden Lockdown nutzen immer mehr Menschen digitale Arzt- und Apothekendienste. Sie buchen online Termine und holen sich von Ärzten über Videosprechstunden fachkundigen Rat zu Symptomen und Beschwerden. Ziel der Telemedizin ist die Unterstützung des persönlichen Arzt-Patienten-Verhältnisses. Der Arztbesuch soll und kann dadurch nicht ersetzt werden.

Ein nachhaltiger Trend, der auch nach Ende der Maßnahmen, die die Ausbreitung des Coronavirus beziehungsweise COVID-19 eindämmen sollen, anhalten kann. Schließlich erspart er Patienten weite Wege und lange Wartezeiten, kann den persönlichen Kontakt mit dem behandelnden Arzt auf sinnvolle Weise ergänzen und soll vor allem in ländlichen Regionen die medizinische Grundversorgung sicherstellen. Denn gerade fernab der großen Ballungszentren gibt es Lücken. 

Ziel der Telemedizin ist die Unterstützung des persönlichen Arzt-Patienten-Verhältnisses. Der Arztbesuch soll und kann dadurch nicht ersetzt werden.

Viele Ärzte in der Stadt, wenige Ärzte auf dem Land

So hat sich zwar die Arztdichte in Deutschland seit den 1980er Jahren laut einer Studie von Statista bis 2019 durchschnittlich auf 207 Einwohner pro Arzt verdoppelt. Zudem hat sich mit rund 402.000 berufstätigen Ärzten – ausgehend von Zahlen der Bundesärztekammer – auch die Anzahl der Mediziner erhöht. Davon sind laut Kassenärztlicher Bundesvereinigung  mehr als 172.000 Ärzte und Psychotherapeuten, die vertragsärztliche Dienstleistungen in über 102.000 Praxen deutschlandweit anbieten. 

Doch der Behandlungsbedarf wächst aufgrund des demografischen Wandels kontinuierlich: Es gibt immer mehr ältere Menschen, die sich regelmäßig untersuchen lassen müssen. Rund eine Milliarde Mal pro Jahr kommt es in Deutschland zu einem Arzt-Patienten-Kontakt. Das Problem: Immer weniger Mediziner sind bereit, sich als Vertragsarzt mit einer eigenen Praxis niederzulassen. Zudem ziehen viele in die Stadt, da ihnen dort Vorteile wie eine bessere Infrastruktur, besseres Gehalt und weniger Bürokratie geboten werden.  

 Allerdings leben gerade in ländlichen Regionen mehr ältere Menschen, der Bedarf an medizinischer Versorgung ist im Verhältnis also höher. Das Ergebnis: Insbesondere auf dem Land warten immer mehr Patienten lange Zeit auf einen Termin oder müssen weite Wege bis zum nächsten Facharzt unternehmen. Und das ist wiederum eine Herausforderung für Menschen höheren Alters, die oft nur eingeschränkt mobil sind. 

Hier kann die Telemedizin helfen. So fördert der Gemeinsame Bundesausschuss von Krankenkassen, Ärzten und Krankenhäusern mittlerweile über hundert Projekte, um herauszufinden, wie gesetzlich Versicherte zukünftig optimal versorgt werden können.

Telemedizin überwindet räumliche Distanz und bietet zeitliche Flexibilität

Als ein Anwendungsbereich der digitalen Gesundheitsdienste, auch Digital Health genannt, überwindet Telemedizin mithilfe von Telekommunikationsmitteln die räumliche Distanz zwischen Arzt und Patient, zwischen zwei Ärzten untereinander oder zwischen Arzt und Klinik. Medizinische Maßnahmen für die Gesundheitsvorsorge finden zeitlich flexibel über Online-Portale, per Telefon oder durch Videotelefonie statt. Zudem kann die Telemedizin auch bei Therapien, Diagnosen oder der Erfassung von Gesundheitsdaten der Patienten unterstützen.

Den Anstoß dazu gab das 2016 in Kraft getretene E-Health-Gesetz. Seitdem die Bundesregierung um Gesundheitsminister Jens Spahn 2018 das Fernbehandlungsverbot gelockert hat, können Ärzte ihre Patienten per Online-Sprechstunde untersuchen und behandeln – ohne, dass sie den Patienten zuvor persönlich gesehen haben. Einzige Voraussetzung: eine sichere, stabile Internetverbindung sowie der Zugang zu einem Smartphone oder Computer. Dabei haben sich mittlerweile mehrere telemedizinische Anwendungen etabliert. 

So wird Telemedizin angegewendet

  • Telesprechstunde

    In der Online-Videosprechstunde treten die Patienten mit den Ärzten in direkten Kontakt, erläutern ihre Beschwerden und ergreifen nach erfolgter Ferndiagnostik mit dem Arzt gemeinsam sinnvolle Therapiemaßnahmen. Zum Beispiel berät der Arzt seine Patienten rund um alle Symptome, die auf eine Grippe oder Diabetes hindeuten.

    Hier nimmt die IKK classic beispielsweise am Baden-Wüttenberger Pilotprojekt Docdirekt teil. Dabei können sich Patienten ohne Terminvereinbarung und von zuhause aus via App von einem kompetenten Arzt beraten lassen und kostenfrei eine Diagnose erhalten. Oder die Versicherten melden sich bei den Experten von IKK Med, die am Telefon und über Videotelefonie medizinische Fragen beantworten, oder online Termine mit geeigneten Ärzten vereinbaren.

  • Telekonsil

    Im Rahmen eines Telekonsils tauschen sich wiederum Ärzte unterschiedlicher Fachrichtungen per Video untereinander aus.  Ein Beispiel: Mit dem ZNS-Konsil unterstützt die IKK classic in Thüringen eine telemedizinische Plattform für Hausärzte, mit der sie Kontakt zu Fachärzten der Neurologie und Psychatrie aufnehmen können.

    Ein weiteres Einsatzgebiet: die Teleradiologie, bei der ein Radiologe Röntgenbilder bewerten kann, ohne vor Ort zu sein.

  • Telemonitoring

    Dank telemedizinischer Kommunikationstechnologien können Gesundheitsdaten der Patienten auch jederzeit in Echtzeit an den Arzt übertragen werden. Dieser kann sich dadurch täglich über den Gesundheitszustand seiner Patienten aus der Ferne informieren. Bei diesem Telemonitoring vernetzen sich beispielsweise chronisch kranke Menschen, die an einer Herzschwäche leiden oder einen Herzschrittmacher tragen, durch Apps oder andere Geräte mit ihrer Praxis. So kann der Arzt Vitaldaten seiner Patienten wie Gewicht, Blutdruck oder Herzfrequenz überwachen und ihnen bestenfalls zusätzliche Informationen wie Erinnerungen zur Medikamenteneinnahme und Rückmeldungen zu Therapiemethoden schicken.

    Bei lebensbedrohlichen Zuständen werden die Mediziner automatisch alarmiert, sodass schnell lebensrettende Hilfen veranlasst werden können. Zum Beispiel, wenn ein Defibrillator oder Herzschrittmacher eine Fehlfunktion meldet. Denn im Ernstfall zählt jede Sekunde. Ein solches telemedizinisches Angebot für Patienten mit Herzinsuffizienz bietet die IKK classic unter dem Namen HerzConnect für Versicherte in NRW und Niedersachsen.

  • Tele-Stroke-Units

    In einigen medizinischen Bereichen ist die Telemedizin schon gängige Praxis. Zum Beispiel können Tele-Stroke-Units Ärzte über Videokonferenzen mit Fachwissen unterstützen, wenn bei einem Patienten der Verdacht auf einen Schlaganfall besteht. Im Optimalfall steht der Behandelnde im Notfall beim Patienten vor Ort mit einem spezialisierten Neurologen über eine Konferenzschaltung in Kontakt. Dieser erhält durch die telemedizinische Übertragung Zugang zu allen relevanten Werten und Patienteninformationen und kann so eine Therapieempfehlung aussprechen. 

  • Telenotarzt

    Ein weiteres Beispiel, wie Telemedizin die medizinische Versorgung im akuten Notfall verbessern kann, ist der Telenotarzt. Ein Telenotarzt fährt nicht im Rettungswagen mit, sondern arbeitet von einer Telenotarzt-Zentrale aus. Im Notfall konsultiert ihn das Rettungspersonal. Die Sanitäter übermitteln ihm dann aus dem Rettungswagen die Vitaldaten des Patienten wie EKG, Blutdruck oder Puls mithilfe von Telekommunikations- und Diagnosetechnik direkt in die Zentrale. Zudem sieht der Telenotarzt den Patienten durch eine Kamera und kann per Mikrofon mit den Rettungsassistenten sprechen und sie anweisen. 

  • Tele-Hausbesuch

    Zudem hat sich ein telemedizinisches Versorgungssystem etabliert, mit dem niedergelassene Hausärzte zeitintensive Hausbesuche nicht mehr persönlich durchführen müssen. Ein speziell ausgebildeter medizinischer Fachangestellter übernimmt den Hausbesuch. Mit dabei hat er spezielle telemedizinische Ausrüstung. Damit erhebt der Fachangestellte Daten zum Gesundheitszustand der Patienten wie EKG, Sauerstoffgehalt im Blut oder Werte zur Lungenfunktion. Mithilfe eines Tablets sendet er dann die Werte in die Hausarztpraxis, wo sie automatisch der Patientenakte zugeordnet werden. Bei Bedarf kann sich der Arzt über eine Videokonferenz zuschalten und ein ärztliches Konsil starten, Fragen stellen oder beantworten.  

    Die IKK classic hat diese Leistung unter dem Namen TeleArzt für Thüringen bereits im Angebot. Andreas Gärtner, Landesgeschäftsführer der IKK classic in Thüringen, über das Programm: „Der TeleArzt schafft handfeste Vorteile für Patienten und Ärzte. Medizinische Versorgungsprozesse werden optimiert, Anfahrtswege und Zeit eingespart und Krankenhauseinweisungen vermieden. Dank digitaler Anwendungen wird die hausärztliche Betreuung insbesondere von Menschen in ländlichen Gegenden erleichtert. Davon profitieren Patienten, Ärzte und Kostenträger gleichermaßen.“

  • Teletherapie

    In der Teletherapie berät das medizinische Personal zu psychischen Problemen. Dafür können Versichterte bei der IKK classic über das Programm Valecura online unkompliziert Kontakt zu qualifizierten Psychotherapeuten, Psychologen und Sozialarbeitern suchen.

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IKK classic unterstützt telemedizinische Angebote

Der IKK classic liegt die Zukunft der digitalen Medizin sehr am Herzen. Deshalb unterstützt sie bereits mehrere telemedizinische Projekte.

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Persönlicher Kontakt bleibt wichtig

Heute ist nach einer Bitkom-Studie aus dem Jahr 2019 jeder zweite Deutsche überzeugt, dass es eine Zukunft ohne E-Health-Angebote nicht mehr geben wird – und die Mehrheit sieht darin große Chancen. In Zeiten einer alternden Gesellschaft und dem Ärztemangel auf dem Land würde nach einer weiteren Studie des deutschen Digitalverbands im Rahmen von telemedizinischen Angeboten jeder dritte Deutsche die Online-Sprechstunde nutzen. Durch die Corona-Maßnahmen hat sich diese Entwicklung noch verstärkt. 

Denn mit den telemedizinischen Angeboten werden nicht nur Wege und Zeit gespart. Durch die fehlende Anfahrt und die Wartezeit im Wartezimmer entfallen auch Fahrtkosten und die Gefahr einer Infektion durch andere Patienten. Zudem wird insbesondere für Patienten, die auf dem Land leben oder älter und mobil eingeschränkt sind, ein leichterer Zugang zu qualifizierter medizinischer Hilfe geschaffen. 

Auch für Ärzte haben telemedizinische Angebote einige Vorteile: Praxen vor Ort haben Zeit für mehr Patienten. Zudem sind die Termine für die Online-Sprechstunde deutlich flexibler zu handhaben. Allerdings sollte die Telemedizin den persönlichen Kontakt zum Arzt nicht ersetzen. Denn nicht alle Krankheiten können online oder per Video erkannt und behandelt werden. Ob ein Patient in die Praxis kommen muss, entscheidet der Arzt immer dann, wenn er im Rahmen der Telemedizin keine zweifelsfreie Diagnose treffen kann. 

Telemedizin stellt deshalb keine Garantie dar, alle Lücken im deutschen Gesundheitswesen zu schließen. Hinzu stellt sich trotz des E-Health-Gesetzes die Frage nach dem Datenschutz. In vielen Arztpraxen fehlt noch die notwendige technische Infrastruktur, um stabile Verbindungen und sicher verschlüsselte Datenübertragungen anzubieten. Ein weiterer Faktor ist der Breitband-Ausbau auf dem Land, denn die Voraussetzung für Telemedizin ist eine schnelle Internetverbindung. 

Vorteile von telemedizinischen Leistungen

  • Kein Warten im Wartezimmer

    Das ist nicht nur eine Zeitersparnis: Ohne Anfahrt und Zeit im Wartezimmer entfallen Fahrtkosten und die Gefahr einer Infektion durch andere Patienten. Und auch Online-Terminvereinbarungen können Wartezeiten verkürzt.

  • Hilfe für Menschen mit eingeschränkter Mobilität

    Für Patienten, die auf dem Land leben, älter und mobil eingeschränkt sind, wird der Zugang zu qualifizierter medizinischer Hilfe vereinfacht.

  • Einfacher Zugang zu Zweitmeinungen

    Über telemedizinische Angebote lässt sich schnell eine Zweitmeinung von Experten einholen. Auch können sich Patienten zu Medikamenten oder Therapien beraten lassen.

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  • Leben retten

    Ob durch die Überwachung von Herzschrittmachern oder Zugang zu mehr Informationen im Tele-Konsil – telemedizinische Lösungen können Leben retten. Informationen sind überall verfügbar und Ärzte können so schneller reagieren.

Telemedizin als Modell für die Zukunft

Die Telemedizin ist dennoch ein Modell für die Zukunft. Sie kann vor allem in ländlichen Regionen, wo die Versorgung lückenhaft ist, Menschen den persönlichen Arztbesuch ersparen. Und: Sie kann nachweislich insbesondere Menschen mit Vorerkrankungen helfen. So kam eine vom Bundesministerium für Forschung und Entwicklung geförderte Studie der Berliner Charité 2018 zum Schluss, dass die telemedizinische Mitbetreuung das Leben von Herzpatienten verlängern kann – unabhängig davon, ob ein Patient in einer strukturschwachen ländlichen Region oder in der Stadt lebt. 

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