Zwei Senioren halten sich an den Händen

Film "Für immer": Über ein Paar im letzten Lebensabschnitt

Am 9. November 2023 startet der Dokumentarfilm „Für immer“ im Kino: eine Geschichte über eine jahrzehntelange Liebe mit allen Höhen und Tiefen. Wir haben mit Filmemacherin Pia Lenz über die Dreharbeiten, über Liebe, Selbstbestimmung, Pflege und Tod gesprochen.

Die Lebensgeschichte von Eva und Dieter Simon

Im Winter 1952 haben Eva und Dieter Simon das erste Mal miteinander getanzt. Sie haben geheiratet, ein Haus gebaut, drei Kinder bekommen. Sie haben viele Krisen gemeistert und sind zusammen alt geworden.

Nun beginnen Evas Kräfte zu schwinden, sie leidet an einer Lungenfibrose – eine nach heutigem Stand chronische, in den meisten Fällen tödliche Erkrankung, die das Gewebe in der Lunge verhärtet und vernarbt. Im Krankheitsverlauf wird der Körper immer schlechter mit Sauerstoff versorgt wird und die körperliche Leistungsfähigkeit nimmt kontinuierlich ab.

Über mehrere Jahre hat die Regisseurin und Grimme-Preisträgerin Pia Lenz die Protagonisten Eva und Dieter auf dieser letzten gemeinsamen Etappe begleitet. Etwa ab Mitte der Dreharbeiten muss Eva täglich ein mobiles Sauerstoffgerät nutzen, im letzten Drehjahr wird sie zum Pflegefall.

Und trotzdem gelingt Eva und Dieter ein Leben zu zweit, wie der Dokumentarfilm „Für immer“ zeigt. Wir haben mit Pia Lenz über ihren Film gesprochen.

Regisseurin Pia Lenz
Regisseurin Pia Lenz

Die Idee zum Film

  • Frau Lenz, wieso haben Sie Eva und Dieter Simon für den Film ausgewählt?

    Ich habe nach einem Paar gesucht, das schon seit sehr langer Zeit zusammenlebt und gemeinsam vor dem letzten Lebensabschnitt steht. Schon bei unserem ersten Treffen habe ich Eva und Dieter als außergewöhnlich offene, humorvolle und lebenskluge Menschen kennengelernt, auch im Miteinander. Da wusste ich, dass sie die richtigen Menschen für dieses Projekt sind.

  • Wie kamen Sie darauf, einen Film zu drehen, der sich neben vielen anderen Aspekten um die Pflege Angehöriger dreht? Was war Ihre Intention?

    Ich selbst habe bei meinen Großeltern miterlebt, was es bedeutet, wenn ein Partner krank wird und der andere rund um die Uhr für ihn da ist. Natürlich ist das für die pflegende Person eine körperlich und psychisch extrem herausfordernde Zeit. Ich habe damals aber auch eine Innigkeit und tiefe Verbundenheit bei meinen Großeltern beobachtet. In dieser Zeit habe ich die beiden nochmal von einer ganz neuen Seite kennenlernen dürfen, die mich fasziniert hat. Damals ist die erste Idee zu diesem Film entstanden.

FÜR IMMER – offizieller Trailer

In ihrem fein beobachteten Dokumentarfilm FÜR IMMER ergründet Grimme-Preisträgerin Pia Lenz eine jahrzehntelange Liebe – wie sie beginnt, fortbesteht und sich bewahren lässt – vom ersten Kuss bis zum letzten gemeinsamen Augenblick.

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Umgang mit Krankheit und Pflege

  • Wie hat sich die Beziehung zwischen Eva und Dieter aus Ihrer Sicht durch Evas Pflegebedürftigkeit verändert?

    Ich habe diese Übergänge als fließend wahrgenommen. Nach und nach haben sich Abläufe verändert. Termine oder Hobbys sind weggefallen. Dieter hat mehr Aufgaben im Haushalt übernommen, am Anfang nicht immer zu Evas Zufriedenheit. Mich hat es beeindruckt, dass die beiden da mit der Zeit reingewachsen sind. Sie haben die veränderte Situation angenommen und das Beste draus gemacht.

  • Wie ist die freiheitsliebende Eva mit ihren immer stärker werdenden Einschränkungen umgegangen?

    Selbstbestimmung war für Eva bis zum Schluss sehr wichtig. Sie war in den letzten Monaten unheilbar müde und verbrachte viele Stunden an ihrem Sauerstoffgerät. Die Stunden oder Tage, an denen sie mehr Kraft hatte, nutzte sie für sich und ihre Interessen. Sie schrieb zum Beispiel in ihr Tagebuch. Dadurch hat sie sich immer ein kleines Stück ihres Alltags bewahrt. Außerdem hat sie nie ihren Humor verloren und auch gerne über sich selbst gelacht, was für ein Glück.

  • Was hat Sie an der Beziehung zwischen den beiden besonders berührt?

    Mich haben im Laufe der Dreharbeiten viele kleine Gesten und Rituale berührt. Kleine Notizen aneinander, überraschende Küsschen, sich abends gegenseitig vorlesen. Wie wichtig diese vermeintlichen “Kleinigkeiten” sind, denn sie halten so vieles zusammen. Über allem steht wahrscheinlich die Beobachtung, dass sich diese beiden Menschen nach all den Jahrzehnten noch mit aufrichtigem Interesse und Respekt begegnet sind.

Leistungen für Pflegende

Im eigenen Haus bleiben zu können, ist für die meisten Menschen auch dann Ziel, wenn es allein nicht mehr geht. Angehörige, Freunde oder Nachbarn unterstützen dies als vertraute Person durch ihre Pflege und Betreuung. Mehr über Leistungen für Pflegende

Film "Für immer" soll Mut machen

  • Am Ende Ihrer Dreharbeiten stand der Tod eines Menschen, den sie über die Jahre gut kennengelernt haben. Wie sind Sie mit diesem Gedanken umgegangen?

    Ich habe es als Privileg empfunden, mich gemeinsam mit Eva und Dieter mit dem Thema Altern und Sterben auseinandersetzen zu dürfen. Wir fürchten uns so sehr vor diesen Themen, dass wir sie beiseiteschieben, solange es geht. Dabei ist es eine gute Sache, wenn wir uns früh damit beschäftigen. Es macht die Angst kleiner und bringt uns automatisch zu der Frage: Was will ich mit meinem Leben machen?

  • Wissen Sie, wie es Dieter Simon heute geht?

    Dieter Simon ist seiner Eva gefolgt. Er starb in diesem Frühjahr 2023, etwa ein Jahr nach Eva.

  • Glauben Sie, Ihr Film kann Menschen in ähnlichen Situationen Mut machen?

    Das wünsche ich mir. So einen Film zu sehen kann schon allein dadurch tröstlich sein, weil man miterlebt, dass andere Menschen ähnliche Herausforderungen durchleben. Es gibt Dinge, die wir im Leben nicht kontrollieren können. Eva und Dieter haben es hinbekommen, diese Situationen anzunehmen, sich darauf einzulassen und nicht so viel damit zu hadern. Das finde ich sehr bewundernswert und eben auch tröstlich.

  • Was können Menschen in ähnlichen Situationen sonst noch aus Ihrem Film mitnehmen?

    Eine Zuschauerin hat nach der ersten Vorstellung des Films gesagt, dass man ein Gefühl tiefer Zufriedenheit aus diesem Film zieht und eine Verwunderung darüber, wie unspektakulär die Dinge sein können, auf die es im Leben ankommt. Es wäre wunderbar, wenn man das aus dem Film mitnähme.

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1. Den Pflegegrad bestimmen lassen, um Gelder aus der Pflegeversicherung zu erhalten, und professionelle Beratung einholen, um die Pflege zu planen

2. Arbeit unter Verwandten, Freunden und Nachbarn aufteilen und Hilfe annehmen

3. Eine vertraute Person in einer Vorsorgevollmacht festlegen

4. Unterstützung schonend, aber bestimmt beibringen: z. B. Vor- und Nachteile von Heimen mit der zu pflegenden Person besprechen; auf Wünsche der Pflegebedürftigen eingehen und mit den Möglichkeiten der Pflegenden in Einklang bringen.

5. Finanzierung klären: Was zahlt die Pflegeversicherung, wie hoch ist der Eigenanteil und kann auch über die Sozialhilfe ein Teil der Pflegekosten gedeckt werden?

Eva und Dieter Simon beim Schaukeln im Wald
Unzertrennlich – in guten wie in schweren Tagen: Film-Protagonisten Eva und Dieter Simon; Credit: Henning Wirtz

Angebote zur Unterstützung und mehr Informationen für Angehörige und Betroffene gibt es außerdem bei folgenden Anlaufstellen:

Ab wann ist ein Mensch pflegebedürftig?

Laut Bundesgesundheitsministerium gelten Menschen dann als pflegebedürftig, wenn sie „gesundheitlich bedingte Beeinträchtigungen der Selbstständigkeit oder der Fähigkeiten aufweisen und deshalb der Hilfe durch andere bedürfen“.

Bei der Feststellung der Pflegebedürftigkeit werden neben den körperlichen Einschränkungen ebenso geistige oder psychische Beeinträchtigungen berücksichtigt, zum Beispiel durch Demenz. Die Pflegebedürftigkeit muss zudem auf Dauer, also voraussichtlich länger als sechs Monate, bestehen.

Liegen solche Einschränkungen vor, wird ein Pflegegrad ermittelt. Art und Umfang der Pflegebedürftigkeit stellt der Medizinische Dienst in einem Begutachtungsverfahren fest. Dabei werden sechs Lebensbereiche – sogenannte Module – untersucht und erkennbare körperliche, geistige und psychische Einschränkungen erfasst:

  • 1. Mobilität

    Kann die Person allein aufstehen? Oder Treppen steigen?

  • 2. Kognitive und kommunikative Fähigkeiten

    Verstehen und Reden, z. B.: Kann die pflegebedürftige Person andere Menschen verstehen und ihnen etwas mitteilen? Erkennt sie Risiken und Gefahren?

  • 3. Verhaltensweisen und psychische Problemlagen

    Hat der pflegebedürftige Mensch Aggressionen gegenüber bestimmten Personen? Lehnt er pflegerische Hilfe ab?

  • 4. Selbstversorgung

    Kann sich die pflegebedürftige Person noch selbst waschen? Auf die Toilette gehen?

  • 5. Umgang mit krankheits- und therapiebedingten Anforderungen und Belastungen

    Kann die Person ihre Medikamente selbst einnehmen oder allein zum Arzt gehen?

  • 6. Gestaltung des Alltagslebens und sozialer Kontakte

    Kann die pflegebedürftige Person ihren Tagesablauf selbst gestalten und sich an Veränderungen anpassen? Kann sie mit Menschen außerhalb ihres engen Umfelds in Kontakt treten?

Leistungen für Pflegebedürftige

Die Pflegekasse der IKK classic versorgt ihre Versicherten bei Bedarf mit allen gesetzlich vorgesehenen Leistungen der Pflegeversicherung. Mehr zu Leistungen für Pflegebedürftige

Welche Pflegegrade gibt es?

In Deutschland gibt es fünf Pflegegrade. Sie geben Informationen darüber, wie schwer die Einschränkungen der Selbstständigkeit oder der Fähigkeiten der pflegedürftigen Person sind. Die Analyse der sechs Lebensbereiche beziehungsweise Module zeigt auf, wie viel Unterstützungsbedarf die Person hat – also, an welchen Stellen sie ihren Alltag nicht mehr selbstständig meistern kann.

Diese Pflegegrade gibt es:

  • Pflegegrad 1

    Geringe Beeinträchtigung der Selbstständigkeit, z. B. leichte körperliche oder geistige Einschränkungen.

  • Pflegegrad 2

    Erhebliche Beeinträchtigung der Selbstständigkeit, z. B. Unterstützung bei grundlegenden Aktivitäten des täglichen Lebens erforderlich.

  • Pflegegrad 3

    Schwere Beeinträchtigung der Selbstständigkeit, z. B. intensive Hilfe bei vielen täglichen Verrichtungen.

  • Pflegegrad 4

    Schwerste Beeinträchtigung der Selbstständigkeit, z. B. hoher Hilfebedarf bei der Grundpflege und in vielen Lebensbereichen.

  • Pflegegrad 5

    Schwerste Beeinträchtigung der Selbstständigkeit mit besonderen Anforderungen an die pflegerische Versorgung, z. B. rund um die Uhr intensive Betreuung notwendig.

Mehr zu Pflegegraden und Pflegebedürftigkeit

Fakten zum Dokumentarfilm

Deutschland 2023
87 Min.
FSK: ab 6 Jahren
Kinostart: 9. November 2023
Drehbuch und Regie: Pia Lenz
Kamera: Pia Lenz, Henning Wirtz
Schnitt: Ulrike Tortora
Musik: Alexis Taylor, Stella Sommer
Protagonisten: Eva und Dieter Simon
Sprecherin: Nina Hoss
Produktion: PIER 53
Koproduktion: Norddeutscher Rundfunk, Südwestrundfunk

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