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Existenzangst bewältigen: So meistern Unternehmer die Krise

Die Corona-Krise mündet in eine handfeste Wirtschaftskrise. Das haben viele Unternehmer schon seit Anfang des Lockdowns zu spüren bekommen – und viele fürchten um ihre blanke Existenz. Wie soll man mit dieser Situation umgehen? Das haben wir einen Experten gefragt.

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Tobias Nitzschke – Wirtschaftspsychologe, Trainer und Mediator

Wirtschaftspsychologe Tobias Nitzschke bietet seit 15 Jahren Trainings unter anderem zu den Themen Soft Skills in Unternehmen und Betrieben, Gesundheits- und Stressprävention sowie Krisenintervention für kleine und mittlere Unternehmen (KMU).

Mit ihm haben wir darüber gesprochen, wie Unternehmer mit ihrer Existenzangst umgehen können und in Krisenzeiten nicht den Kopf verlieren.

  • Herr Nitzschke, Sie sind selbst Unternehmer. Welche Erfahrungen machen Sie aktuell? Gibt es durch die Krise Veränderungen in Ihrem Arbeitsalltag?

    Da wir viel mit Präsenztrainings arbeiten, die auf einmal auf null gefallen sind, ist das am Anfang schon heftig gewesen. Aber ich persönlich habe auch in den letzten Jahren gut gewirtschaftet. Aufgrund unserer Größe hat es mich nicht so stark existenziell betroffen gemacht. Außerdem sind wir in Sachen Digitalisierung schon gut aufgestellt gewesen, das haben wir noch intensivieren können.

    Aber mit der Zeit und der Frage, wie sich das gesamtwirtschaftlich so weiterentwickelt, habe ich doch Sorgen und Ängste im Bauch. Meiner persönlichen Meinung nach ist Deutschland gut und stark durch die Corona-Krise gegangen. Aber das ist ja nicht nur Corona-bedingter Stress, den wir jetzt erleben. Wenn die Wirtschaft gut läuft, werden manche Ängste oder Stress einfach nicht aktiviert. Da müssen wir uns keine so großen Sorgen machen. Und jetzt deckt Corona da einiges auf.

  • Wie erleben die Menschen denn die aktuelle Krise?

    Da gibt es im Prinzip zwei Seiten: Das sind einerseits die faktischen existenziellen Sorgen, die ganz unterschiedlich zutreffen – je nach finanzieller Vorsorge. Andererseits geht es um die Frage, wie man sich selbst verändert: Erlebe ich mich in der Krise von einer ganz anderen Seite, in der Familie oder auf der Arbeit?

    Denn auf einmal gibt es nicht mehr den typischen Ablauf. Man erlebt nicht nur sich selbst, sondern auch seine Familie anders, und das hat viele gestresst. Deswegen finde ich aktuell die Faktoren, die man selbst beeinflussen kann, sehr wichtig. Da kommt es auch auf die Einstellung an, was man daraus macht. 

Angst im Kopf

Diese beiden Areale des Gehirns werden durch Ängste beeinflusst:

Limbisches System

Als limbisches System wird ein Bereich des Gehirns bezeichnet, der Emotionen verarbeitet und in dem Affekt- und Triebverhalten gegenüber der Umwelt reguliert wird. Auch intellektuelle Eigenschaften werden dem limbischen System zugeschrieben, es beeinflusst zum Beispiel das Gedächtnis und unseren Antrieb.

Neocortex

Der Neocortex ist ein Teil der Großhirnrinde, dem die Entstehung typisch menschlicher Eigenschaften zugerechnet wird. Der Neocortex macht rund 96 Prozent der gesamten Großhirnrinde aus, er ist für all das zuständig, was den Menschen zu Erkenntnisprozessen und psychischen Leistungen befähigt: Verstand, Gedächtnis, zielgerichtete Handlung und weiteres.

  • Was kann man denn aus einer Situation machen, in der im Worst Case die eigene Existenz auf dem Spiel steht?

    Ein ganz banaler Tipp: alles aufschreiben. So einfach es ist, so viel kann es bewirken. Warum? Ängste aktivieren das limbische System, dann sind wir in unseren Emotionen gefangen. Das limbische System ist aktiv, es werden weniger Impulse in unseren Neocortex weitergeleitet. Das heißt: Wir können gar nicht mehr rational denken.

    Eigentlich können Angst und Stress helfen, fokussiert und konzentriert zu sein. Aber: Die Dosis ist wichtig. Und wenn diese Dosis mal zu hoch ist, hilft es, einfach alles aufzuschreiben. Zunächst einmal die faktischen Sachen: Was geht mir eigentlich genau verloren? Ab welchem Punkt habe ich eine existenzielle Grenze? Es gehört aber auch dazu, sich zu fragen: Welche Sorgen habe ich rein emotional? Fürchte ich den Verlust von Anerkennung in Familie und Beruf? Habe ich die Sorge, dass mein Lebenswerk zerstört wird?
     
    Wenn man das aufschreibt, hat man noch nichts gewonnen. Aber es hilft dabei, dass sich im Kopf nicht alles unkontrolliert bewegen kann. Man sieht es direkt vor sich. Dann kann man reflektieren und erkennen, welche Angst rational oder irrational ist. Die irrationalen Ängste lassen sich dann reduzieren.

  • Und wie soll man mit den aufgeschriebenen Sorgen umgehen? Gibt es konkrete Tipps?

    Eine Urformel bietet sich auch hier an: "Change it, love it, leave it".

     

Erfolgsformel für den gesunden Umgang mit Krisen

  • Schritt 1: "Change it" – ändern, was zu ändern ist

    "Change it" heißt, sich vor Augen zu führen, was man selbst verändern kann. Was kann ich aktuell tun, um aus der Krise auch Potenziale zu schöpfen? Es geht darum, aktiv zu werden und alles auf den Prüfstand zu stellen.

    Kann ein Unternehmen zum Beispiel seine Prozesse digitalisieren oder die Digitalisierung intensivieren? Welche Möglichkeiten gibt es noch, damit man sich ökonomisch über Wasser halten kann? Wo lassen sich Kosten reduzieren? Staatliche Unterstützung oder Kurzarbeit sind da aktuell mögliche Mittel. Und inwieweit kann man auch an private Rücklagen gehen?

  • Schritt 2: "Love it" – akzeptieren, was nicht zu ändern ist

    Doch irgendwann kommt immer der Punkt, an dem es nicht weitergeht. Das muss man dann akzeptieren – und das bedeutet "Love it". Akzeptanz ist eine der wichtigsten Resilienz-Techniken, sie hilft dabei, Stress zu vermeiden. Ein Beispiel: Einerseits kann einer Person die Familie total wichtig sein. Und trotzdem will sie auch Karriere machen. Diese Person muss diesen Widerspruch akzeptieren: Einerseits die Familie gern sehen zu wollen, andererseits aber auch auf Reisen gehen zu müssen.

    In der aktuellen Krise heißt das, sich bewusst zu machen: "Das ist jetzt nun mal die Situation, ich muss mit der Unsicherheit leben. Ich habe im Schritt "Change it" schon alles mögliche getan." "Love it" ist eine Lösung, die rein emotional abläuft und so auch dabei hilft, emotional die Krise zu bestehen.

  • Schritt 3: "Leave it" – loslassen und Alternativen entwickeln

    Der dritte Schritt ist "Leave it". Wenn aktuell einfach nichts zu ändern ist, man das auch nicht akzeptieren kann, ist die Ultima Ratio dann: aussteigen. Es ist wirklich sehr schwer, sich in dieses Szenario reinzudenken. Es ist aber wichtig, das zu tun, damit das Unterbewusstsein mitbekommt, dass es noch eine andere Welt gibt. Damit muss man sich allerdings beschäftigt haben, bevor es dazu kommt, ansonsten wird es zu emotional.

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  • Was ist mit der Familie? Wie schaffen es Unternehmer, die Sorgen nicht mit nach Hause zu nehmen?

    Das ist nur äußerst schwer möglich und sogar auch gefährlich. Wenn jemand enormen Druck hat und unter Stress steht, ist es sehr hilfreich, die Themen zuhause anzusprechen. Ein Unternehmer sollte sich im Kreis der Familie nicht verstellen müssen. Die aktuelle Situation sollte zuhause immer besprochen werden, am besten mit einem Ritual verbunden. Zum Beispiel beim Abendessen.

    Und nach dem Ritual braucht es einen klaren Cut. Der ist besonders für Handwerksbetriebe schwierig, da das oft Familienunternehmen sind. Da hilft es aber schon zu sagen: "Eine Stunde, am Donnerstag, von 21:00 Uhr bis 22:00 Uhr bin ich handyfrei, nur für meine Familie da oder eben einfach mal für mich in der Badewanne."

    Wir alle haben Antreiber und Glaubenssätze wie "Wenn ich nicht ständig für meinen Kunden erreichbar bin, sucht der sich jemand anderen." Da hilft es, sich selbst zu konfrontieren: Gehe ich das Risiko ein, einen Auftrag zu verlieren, wenn ich das Handy einmal in der Woche für eine Stunde ausmache? Diese subjektiven Ängste sind sehr präsent in unserem Unterbewusstsein. Da kann man gegenhalten, indem man sich diese Entscheidungen klarmacht.

  • Gibt es sonst noch konkrete Tipps, die Sie für zuhause empfehlen können?

    Handy aus, Laptop aus und wirklich wegräumen, auch weg aus dem Sichtfeld. Ein Spaziergang im Freien wirkt Wunder. Viele schauen alternativ einen Film oder ihre Serien, weil es sie völlig ablenkt. Das hilft aber nur scheinbar, weil man nicht daran denkt. Aber dann kommt das wie ein Hammer zurück. Beim Spaziergang oder der Fahrradrunde hingegen bekommt man den Kopf frei und kann sich noch mal klarmachen: "Change it, love it, leave it". Also auch hier die Auseinandersetzung mit der Situation anstelle des Augenverschließens.

  • Auch die Mitarbeiter werden von Sorgen geplagt. Was empfehlen Sie Unternehmern im Umgang mit den Angestellten?

    Wenn man ganz allgemein schaut, ist der häufigste banale Fehler in Krisenzeiten oder Konflikten einfach zu sagen: "Liebe Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter, kommt zu mir, wenn ihr Probleme habt. Meine Tür steht immer offen. Zusammen schaffen wir das!" Das ist ein Fehler, weil der Großteil der Mitarbeiter nicht auf den Unternehmer zukommt.

    Arbeitgeber sollten stattdessen proaktiv und regelmäßig in einer Krisenphase die Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter zusammenrufen und auf die Personen zugehen. Es sollten kurze, regelmäßige Termine festgelegt werden. Dabei können Unternehmer in Erfahrung bringen, was sich für die Belegschaft verändert hat. Und ganz direkt fragen, wie es den Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern geht.

    Dabei ist es weniger wichtig, wie banal die Antworten sein mögen. Selbst wenn keine Antwort kommt, wird so klar: "Die Chefin oder der Chef ist an meiner Seite." Wenn aus einem solchen Termin gar nichts kommt, kann es helfen, auch Individualgespräche zu suchen. Wichtig ist auch hier: Unternehmer sollten aktiv auf die Arbeitnehmer zugehen.

  • Und wenn es dann mal unsachlich wird?

    Einzelgespräche können natürlich auch emotional werden. Dann sollte der Arbeitgeber erstmal nicht reagieren. Besser: Aufnehmen, Bedanken, Verständnis zeigen, Klappe halten. Auch wenn es schwerfällt. Grundsätzlich gilt: Hinter jedem scheinbar destruktiven Verhalten steckt immer eine nachvollziehbare, legitime Absicht.

    Auf jeden Fall sollte man nicht emotional gegenreagieren. Besser ist es, erstmal nach den Gründen zu fragen. Oft lassen sich faktische Lösungen finden. Als zweiten Schritt kann man dann die rechtlich legitimen Mittel prüfen und hinterfragen, wie viel man in den Mitarbeiter investieren will. Und als Drittes kann man dann mögliche Optionen verhandeln. 

  • Kann man das im Vorfeld vermeiden?

    Viele warten zu lange ab, bis sie kritische Punkte ansprechen. Aktuell ist das wichtig, wenn zum Beispiel ein Betrieb vor der Einführung von Kurzarbeit steht. Bei der Verarbeitung schlechter Nachrichten gibt es grob gesagt vier Phasen: Die erste ist die Schockphase. Da geht die Energie völlig in den Keller. Danach kommt die Phase des Festhaltens, die Betroffenen sind dann voller destruktiver Energie, weil sie sich mit allen Mitteln an den Ist-Zustand klammern. Die dritte Phase ist die des Loslassens, dabei geht die Energie noch tiefer in den Keller als in der Schockphase. Und erst danach beginnt Phase vier, die Phase des Aufbaus, in der sich die Beteiligten über neue Möglichkeiten Gedanken machen können.

    Arbeitgeber sollten schon vor der Veränderung in kleinen Portionen ankündigen, dass es eine Veränderung geben wird. Und dann klar und deutlich sagen, dass es keine Chance gibt, diese abzuwenden. Mit genügend Vorlauf verläuft die Schockphase milder, weil sich die Betroffenen schonmal mit der kommenden Situation konstruktiv auseinandersetzen konnten. Die Festhalten-Phase wird kürzer, weil die Angestellten schon eine Vorstellung haben, dass es weitergeht – wenn auch anders. 

Ein männlicher Handwerker in Arbeitskleidung sitzt auf einer Werkbank und schaut auf sein Smartphone © Getty Images

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