Wie viel Eifersucht in der Beziehung ist normal?

In Freundschaften, im Familienkreis und natürlich in der Partnerschaft: Eifersucht begegnet uns in vielen Lebensbereichen. Der Gefühlscocktail aus gekränkter Eitelkeit, Verlustängsten und Selbstzweifeln schmeckt bitter – und ein Zuviel davon vergiftet jede Beziehung. Doch wie dosiert man die eigene Eifersucht richtig? Eine Paartherapeutin weiß Rat.

Mit Eifersucht hatte wohl jeder schon einmal zu kämpfen. Das fängt schon in der Kindheit an: Bekommt der neugeborene Bruder mehr Aufmerksamkeit von Mama und Papa, fühlt sich die ältere Schwester vernachlässigt. Oder die beste Freundin spielt auf dem Pausenhof plötzlich lieber mit den coolen Kids aus der Parallelklasse und man selbst steht gekränkt daneben. Eine besonders große Rolle spielt Eifersucht natürlich in Liebesbeziehungen: Wenn die oder der Liebste eine vorbeilaufende Schönheit anschmachtet oder auf Instagram Herzchen unter die Fotos einer Ex-Flamme postet, brennt so manch einem die Sicherung durch.

Ein gewisses Maß an Eifersucht ist normal und ein Ausdruck des Interesses an der Partnerin oder dem Partner. Doch darüber hinaus kann dieses nagende Gefühl zwanghafte, schlimmstenfalls auch krankhafte oder wahnhafte Ausmaße annehmen. Mit Liebe hat das dann nicht mehr viel zu tun. Extreme Eifersucht ist nicht nur ein echter Beziehungskiller, sondern kann sogar körperliche Auswirkungen haben. Herzklopfen, Magenbeschwerden, Schlafstörungen – das ständige Bangen um Zuneigung lässt den Stresspegel steigen und kann das ganze Feld an psychosomatischen Beschwerden hervorrufen. Spätestens dann sollte man handeln.

Woher kommt die Eifersucht?

Sigrid Sonnenholzer hilft als Coach und Paartherapeutin seit rund 20 Jahren Menschen dabei, ihre Beziehungsprobleme zu überwinden. Sie weiß: Nicht immer geht es um fehlendes Vertrauen und die Angst, betrogen zu werden. "Eifersucht beruht sehr oft auf fehlender Aufmerksamkeit", sagt Sonnenholzer. "Das zeigt sich bei der Eifersucht unter Geschwistern oder Kollegen. Und selbst in einer Partnerschaft fürchten viele Menschen nicht so sehr, dass der oder die Liebste tatsächlich fremdgehen könnte – sondern dass er oder sie einer anderen Person zu viel Aufmerksamkeit zuteilwerden lässt."

Was dabei "zu viel" ist, das lässt sich objektiv nicht bestimmen: Ein interessierter Blick, eine Nachricht mit Kuss-Smiley, innige Freundschaft mit dem anderen Geschlecht oder erst sexueller Kontakt in Form eines Seitensprungs? Nur mit viel Ehrlichkeit und Verständnis lässt sich das in einer Partnerschaft festlegen. Überschreitet ein Partner die gemeinsam aufgestellten Grenzen, hat der andere allen Grund, eifersüchtig zu reagieren. Doch selbst wenn nicht: Dieses übermächtige Gefühl lässt sich nur schwer rational zurückdrängen. Denn oft liegen seine Wurzeln viel tiefer, als es auf den ersten Blick scheint.

Eifersucht entsteht nicht immer aus der Angst vor einem Betrug – sondern aus einem unerfüllten Bedürfnis nach Aufmerksamkeit.
Sigrid Sonnenholzer

Eifersucht als Verlustangst

Häufig findet sich die Ursache des eifersüchtigen Verhaltens in der Kindheit. "Wer durch prägende Erlebnisse in jungen Jahren eine unbeherrschbare Verlustangst entwickelt hat, überträgt die jetzt auf einen Partner", so Sonnenholzer. "Oder jemand verspürt ein tiefes Defizit an Aufmerksamkeit, das auch aus der Kindheit stammt.“ Ein anderer Grund könne die schmerzhafte Erinnerung an eine frühere Partnerschaft sein, in der man betrogen wurde. Das daraus entstandene Misstrauen werde dann auf den neuen Partner oder die neue Partnerin projiziert. In allen drei Fällen hat die Eifersucht mehr mit der eifersüchtigen Person selbst zu tun, als mit ihrem Gegenüber – auch wenn es natürlich Situationen gibt, in denen der Missmut über das Verhalten der oder des Liebsten nur allzu begründet ist.

Wie sehr das Gefühl der Eifersucht uns einen Spiegel vorhält, belegten amerikanische Forschende mit der Studie "The wandering eye perceives more threats" (auf Deutsch etwa: Das umherschweifende Auge nimmt mehr Bedrohungen wahr). Sie stellten fest, dass diejenigen, die selbst öfter mal fremdflirteten, genau dieses Verhalten öfter ihren Partnerinnen oder Partnern unterstellten und häufiger eifersüchtig waren. Eine mögliche Erklärung dafür ist wieder die Projektion: Wer es mit der Treue selbst nicht so genau nimmt, hat vielleicht eigentlich ein schlechtes Gewissen. Doch anstatt den Fehler bei sich selbst zu suchen, verurteilt man lieber das Verhalten des Gegenübers.

Rückansicht einer Frau, die sich auf einem Büsostuhl zurücklehnt.

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Wie viel Eifersucht ist normal?

Ein bisschen Eifersucht schadet einer Beziehung nicht. Immerhin zeigt sie auch, dass einem die oder der Liebste nicht gleichgültig ist. "Die gesunde Eifersucht signalisiert, dass man am Leben des anderen teilhaben möchte – und auch entsprechende Fragen stellen darf", erklärt Sonnenholzer.

Darüber hinaus kann Eifersucht auch ein Warnsignal sein und anzeigen, dass etwas nicht ganz rund läuft: Vielleicht braucht ein Partner mehr Aufmerksamkeit und Achtsamkeit oder es ist an der Zeit, sich etwas mehr für die Beziehung einzusetzen? 

Die Dosis macht das Gift

Wenn die Gefühle aus dem Ruder laufen, zeigt die Eifersucht ihr hässliches Gesicht. Nicht umsonst spielt sie seit der Antike die Hauptrolle in Dramen und Tragödien, schließlich treibt sie Menschen zu ungeahnten Reaktionen. In ihrer extremen Form vergiftet Eifersucht nicht nur die Beziehung – sondern auch das eigene Selbstwertgefühl. Sie lässt sich dann nur noch schwer bekämpfen, denn übertrieben eifersüchtige Menschen finden immer einen Anlass zum Misstrauen. Die Partnerin oder der Partner hat also fast keine Chance mehr darauf, Vertrauen zu erlangen – selbst wenn er oder sie alles offenlegt und transparent macht.

Wie man es der eifersüchtigen Person etwas leichter machen kann, mit den negativen Gefühlen umzugehen? Indem man ihr stets Sicherheit vermittelt. "Man sollte dann auf keinen Fall in einem Streit zum Beispiel mit Trennung drohen, denn das zieht dem Gegenüber jedes Mal den Boden unter den Füßen weg", warnt Paartherapeutin Sonnenholzer. Doch um wieder eine vertrauensvolle Beziehung aufzubauen, ist auch die Bereitschaft des Eifersüchtigen nötig. "Der eifersüchtige Partner muss unbedingt seine Themen aufarbeiten, denn sich an der Partnerin oder dem Partner abzuarbeiten, ist natürlich keine gute Lösung. Das ist grundsätzlich gar nicht so schwer."

Ein bisschen Eifersucht tut der Beziehung gut. Denn sie zeigt der oder dem Liebsten: Du bist mir nicht gleichgültig, ich will an deinem Leben teilhaben!

Paartherapeutin empfiehlt: Tipps gegen Eifersucht

Eifersucht kann man nicht einfach abstellen – doch man kann lernen, mit ihr umzugehen. Die richtigen Strategien stoppen die negative Gedankenspirale und verhindern so manch unnötigen Beziehungsknatsch. Sigrid Sonnenholzer verrät die wichtigsten Tipps.

  • Eigene Ängste aufarbeiten

    Machen Sie sich klar, dass Ihre Partnerin oder Ihr Partner in vielen Fällen nicht Schuld an Ihrer Eifersucht ist. Vielmehr liegt der Grund meist in den eigenen Verunsicherungen. Fragen Sie sich, woher Ihre Ängste kommen und beschäftigen Sie sich damit. Das ist alleine meist nicht ganz einfach – scheuen Sie sich also nicht davor, professionelle Hilfe in Anspruch zu nehmen.

  • Selbstbewusstsein aufbauen

    Stärken Sie Ihr Selbstbewusstsein. Nur wenn Sie selbst davon überzeugt sind, liebenswert zu sein, können Sie auch Ihrer Partnerin oder Ihrem Partner die Liebesbekundungen glauben.

  • Autonomie stärken

    Zeit mit dem Lieblingsmenschen verbringt jeder gerne – aber machen Sie sich nicht davon abhängig. Treffen Sie sich mit Freunden, pflegen Sie Ihr eigenes Hobby, werden Sie unabhängiger von Ihrer Partnerin oder Ihrem Partner. So stört es Sie auch weniger, wenn er oder sie einmal Zeit mit Freunden verbringen will statt mit Ihnen.

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