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Cyberchondrie: Selbstdiagnose per Doktor Google

Angst ist oft ein schlechter Berater. Wer nach den Ursachen von Beschwerden wie Nachtschweiß, Kopf- oder Bauchschmerzen im Internet sucht, landet schnell bei lebensbedrohlichen Krankheiten. Denn Dr. Google geht leider meist vom Schlimmsten aus: Krebs, Hirntumor, Multiple Sklerose.

Die Selbstdiagnose per Suchmaschine ist ein Nährboden für Ängste vor Krankheiten. Das geht so weit, dass Ärzte inzwischen eine besondere Form der Hypochondrie behandeln: Cyberchondrie.

Was ist Cyberchondrie?

Wenn eine Gesundheitsangststörung, also eine Hypochondrie – durch intensive Suche im Internet verstärkt wird, spricht man von Cyberchondrie: „Cyber“ steht für Internetnutzung und „chondria“ für die Krankheitsangst. Der Begriff beschreibt eine emotionale Belastung, bei der Krankheitsängste auf eine wiederholte und exzessive Internetnutzung stoßen. "Bis zu 80 Prozent der Internetnutzer suchen nach gesundheitsbezogenen Themen im Internet. Das ist per se nicht problematisch und ist auch mit deutlichen Vorteilen verbunden, etwa einer zunehmenden Gesundheitskompetenz", sagt Junior-Professorin Dr. Stefanie Jungmann. Sie leitet den Krankheitsangstschwerpunkt an der Poliklinischen Institutsambulanz für Psychotherapie der Johannes Gutenberg-Universität Mainz.

Die Psychologin erklät: "Merkmale im Zusammenhang mit Cyberchondrie kann man daran erkennen, dass die Internetrecherche kurz- oder langfristig zu Sorgen und Ängsten um die Gesundheit oder zu einer starken Beschäftigung mit Gesundheit und Krankheit führt." So verspüren einige Betroffene eine Art Drang oder Zwang, wiederholt nach Symptomen oder Krankheiten im Internet zu recherchieren. Damit können auch eine erhöhte Nutzungsdauer des Internets und gegebenenfalls verhaltensbezogene Auswirkungen einhergehen. Etwa wenn andere Lebensbereiche vernachlässigt werden oder die Betroffenen ein ungünstiges Gesundheitsverhalten infolge unseriöser Empfehlungen entwickeln.

Die ständige Internetrecherche kann dazu führen, dass andere Lebensbereiche vernachlässigt werden oder die Betroffenen ein ungünstiges Gesundheitsverhalten infolge unseriöser Empfehlungen entwickeln.
Jun.-Prof. Dr. Stefanie M. Jungmann

Für viele Menschen kann die Information im Netz über Krankheitsbilder und Symptome hilfreich sein. Auch wenn es dabei immer wichtig ist, auf seriöse Quellen zu achten. Bei Menschen, die ohnehin eine Tendenz zu Ängsten vor Krankheiten haben, verstärkt sich dadurch aber diese Neigung zur Hypochondrie. Bei ihnen wächst durch die Online-Recherche die Überzeugung, ernsthaft krank zu sein. Selbst wenn die bei Google gefundene Krankheit nur äußerst selten auftritt, sind die Betroffenen davon überzeugt, dass sie daran erkrankt sind. Die Suche im Internet nach Krankheitsbildern wird selbst zur Sucht und kann exzessive Ausmaße annehmen. Cyberchondrie selbst ist keine Diagnose. Es ist vielmehr ein Verhaltensmerkmal, das eng mit Hypochondrie und einer problematischen Internetnutzung zusammenhängt.

Wer unter Cyberchondrie leidet, ist der festen Überzeugung, eine schlimme Krankheit zu haben, ohne ärztliche Diagnose. Allein die Recherche im Internet stützt diese Überzeugung und wird zum Selbstzweck. In der Regel handelt es sich um eingebildete Krankheiten. Doch die Patienten verbringen äußerst viel Zeit mit der Online-Suche nach "Quellen", die ihre vermeintliche Krankheit bestätigen.

Cyberchondrie ist in erster Linie ein psychisches Problem und eine Angststörung. Patienten haben oft kein gesundes Gefühl mehr für ihre Körperfunktionen und scannen den eigenen Körper ständig nach Anomalien. Durch die ständige Beschäftigung mit der Krankheit können sich harmlose Symptome psychosomatisch verstärken.

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Verlässliche Gesundheitsinformationen im Netz

Viele Gesundheitsinformationen sind inzwischen auch im World Wide Web zu finden. Wer dabei keinen Fehlinformationen aufliegen möchte, sollte einiges beachten.

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Warum ist Cyberchondrie bedenklich?

Das Interesse an der eigenen Gesundheit zeigt sich auch an einem gestiegenen Suchvolumen nach gesundheitlichen Themen im Netz. Dieser Umstand wird von vielen Seitenbetreibern genutzt, um Internetnutzer auf die entsprechenden Webseiten zu locken. Für Laien ist es dabei oft schwierig, zu unterscheiden, ob eine Seite medizinisch fundierte Informationen vermittelt oder in erster Linie auf Klickfang aus ist. 

Statt wissenschaftlicher Belege finden die Suchenden oft Meinungen, mehrdeutige oder widersprüchliche Informationen. Ernsthafte und lebensbedrohliche Krankheiten sorgen leider für Aufmerksamkeit bei den Usern und die entsprechenden Webseiten werden dafür durch gute Rankings in den Suchmaschinen belohnt. Deshalb landet man bei der Suche nach den Ursachen für Nasenbluten schnell beim Hirntumor. Dadurch verstärken sich Krankheitsängste. "Das problematische daran ist, dass die Menschen die Internetrecherche meist durchführen in der Hoffnung Entlastung zu erfahren. Häufig bleibt allerdings eine Verunsicherung bei den Betroffenen zurück", so Stefanie Jungmann.

Bei der einmaligen Recherche bleibt es dann nicht. Immerhin gibt es ja auch die entlastenden und hilfreichen Informationen. Daher wird die Internetrecherche wieder und wieder durchgeführt. Das kann sich nicht nur auf der emotionalen Ebene auswirken, sondern auch zu übermäßigen Arztbesuchen führen oder die Betroffenen dazu verleiten, ungeeignete Medikamente einzunehmen. "Bei stark ausgeprägter Cyberchondrie besteht eine erhöhte Wahrscheinlichkeit für die Entwicklung pathologischer Krankheitsängste, also Hypochondrie, Zwangsverhaltensweisen oder depressive Symptome", warnt Stefanie Jungmann.

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Was lernen Patienten in der Beratung oder Therapie?

Im ersten Schritt müssen die Betroffenen erkennen, welche Funktion die Internetrecherche für sie hat und inwieweit dies nachteilige Effekte mit sich bringt. Um die ungünstige Onlinesuche zu reduzieren, lernen die Patienten, wie sie seriöse Informationsquellen nutzen können. Ein weiteres Ziel ist es, die Dauer der Internetnutzung zu verringern oder ganz aufzuschieben. Wichtig ist es aber auch, die dahinterliegenden psychologischen Prozesse anzugehen. Das beinhaltet auch, Strategien zu entwickeln, um Emotionen besser zu regulieren, um mit Ängsten und Unsicherheiten umzugehen.

Wie entwickelt man einen gesunden Umgang mit Informationen zu Krankheiten?

Der Schlüssel dazu ist Medien- und Informationskompetenz. Wer sich über gesundheitliche Themen informieren will, sollte seriöse und wissenschaftlich fundierte Quellen kennen und nutzen. Außerdem gehört Selbstreflexion dazu: Warum gehe ich eigentlich ins Internet? Wie gehe ich mit Verunsicherung um? "Wenn eine Internetrecherche durch Angst getrieben wird, neigen Menschen dazu, möglichst viele Information, teils selektiv zu suchen", sagt Stefanie Jungmann. "In diesem Fall ist insbesondere die Nutzung seriöser Quellen relevant, um nicht in einen Teufelskreis aus Internetnutzung und Angst zu gelangen."

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