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Der Nutri-Score: Das steckt hinter der Lebensmittel­ampel

Schon bemerkt? Seit November 2020 gibt es den sogenannten Nutri-Score, auch Lebensmittelampel genannt, auf der Vorderseite einiger Produktverpackungen. Er soll beim Einkauf die Beurteilung von gesunden und weniger gesunden Lebensmitteln erleichtern. Über Vor- und Nachteile des Systems sprachen wir mit der Ernährungswissenschaftlerin Aline Emanuel.

Damit Verbraucherinnen und Verbraucher im Supermarkt den Durchblick behalten, sind Hersteller verpflichtet, eine Reihe von Angaben auf dem Etikett in gut lesbarer Form anzubringen. Hierzu gehören die einzelnen Zutaten, detaillierte Nährwerte und das Mindesthaltbarkeitsdatum von vorverpackten Lebensmitteln. Diese verpflichtende Kennzeichnung von Lebensmitteln ist durch EU-Recht vorgegeben.

Darüber hinaus gibt es auch eine Vielzahl freiwilliger Labels zur Kennzeichnung von Lebensmitteln, die Orientierung stiften sollen. Eines davon ist der Nutri-Score, der im November 2020 das Licht der Öffentlichkeit erblickte.

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Nährwert-Kennzeichnung auf einen Blick

Die Einführung des Nutri-Scores in Deutschland geht auf das Bundesministerium für Ernährung und Landwirtschaft (BMEL) zurück. Um die Akzeptanz bei den Bürgerinnen und Bürgern im Vorfeld abzutasten, hatte das Ministerium eine Verbraucherbefragung durchgeführt. Zur Auswahl standen verschiedene Modelle zur Nährwertkennzeichnung von Lebensmitteln.

Ergebnis: Die meisten Befragten favorisierten den Nutri-Score. Das Modell stammt aus Frankreich, wo es schon seit 2017 zum Einsatz kommt. Auch andere europäische Länder wie Belgien, Spanien, Portugal, die Schweiz und Luxemburg nutzen das Label.

Der Nutri-Score besteht aus einer 5-stufigen Farbskala mit den Buchstaben A, B, C, D und E. Dabei steht das "A" in Grün für die günstigste und das "E" in Rot für die ungünstigste Nährwertbilanz. Das zutreffende Feld beim jeweiligen Produkt wird hervorgehoben.

Die Berechnung des Nutri-Scores berücksichtigt dabei einerseits problematische Bestandteile wie Zucker, Salz, gesättigte Fettsäuren und Energiegehalt, andererseits auch günstige Bestandteile wie Ballaststoffe, Proteine oder Obst und Gemüse.

Die Berechnung des Nutri-Scores

Für die einzelnen Inhaltsstoffe gibt es gewichtete Plus- und Minus-Punkte, die eine Gesamtpunktzahl ergeben. Die errechnete Punktzahl wird dann in einen farblich unterlegten, hervorgehobenen Buchstaben übersetzt.

Nutri-Score: So funktioniert die Berechnung. © IKK classic

Wie sinnvoll ist der Nutri-Score?

  • Wie Verbraucherinnen und Verbraucher vom Nutri-Score profitieren, worauf sie bei der Lebensmittelauswahl achten sollten und welche Gefahren die Kennzeichnung mit sich bringt – darüber haben wir mit der Ernährungsexpertin und Dozentin Aline Emanuel gesprochen.

  • Frau Emanuel, halten Sie den Nutri-Score aus ernährungswissenschaftlicher Sicht für sinnvoll?

    Ich sehe es von zwei Seiten: Man wollte der Bevölkerung etwas an die Hand geben, um gesunde Ernährung zu vereinfachen. Da gab es verschiedene Modelle, die man diskutiert hat, am Ende hat man sich auf den Nutri-Score verständigt, weil er schon in anderen europäischen Ländern wie Frankreich angewandt wird und dort positive Erfahrungen gemacht wurden.

    Allerdings führt der Nutri-Score nicht automatisch dazu, dass die Bürgerinnen und Bürger wissen, was gesund ist und was nicht. Er vergleicht lediglich Produkte innerhalb einer Produktgruppe. So kommt es zum Beispiel vor, dass eine Tiefkühlpizza mit Nudeln den Score A erreicht, obwohl sie sicherlich kein gesundes Lebensmittel ist. Sie ist lediglich hinsichtlich der enthaltenen Nährwerte nach dem Nutri-Score besser bewertet als andere Tiefkühlpizzen.

  • Was kritisieren Sie konkret am Nutri-Score?

    Die Bewertungsskala ist diskutabel. Gesättigte Fettsäuren zum Beispiel werden als sehr negativ eingestuft, was nicht mehr dem aktuellen wissenschaftlichen Stand entspricht. Studien zeigen seit vielen Jahren, dass gesättigte Fettsäuren nicht gesundheitsschädigend sind, sondern als neutral bewertet werden können.

    Das führt dann dazu – um beim Tiefkühlpizza-Beispiel zu bleiben –, dass eine Pizza mit Salami mit C, also schlechter als die mit Nudeln bewertet wird. Im Endeffekt sollte man die Pizza aber nach ihren Hauptbestandteilen beurteilen, und die sind nun mal ungesund. Der Nutri-Score kann die Verbraucherinnen und Verbraucher hier in die Irre führen, weil man bei Grün automatisch an gesund und bei Rot an ungesund denkt.

  • Wie bewerten Sie die konkrete Berechnung des Nutri-Scores und sehen Sie noch Optimierungsbedarf?

    Die Berechnung versteht ein normaler Konsument überhaupt nicht, sie ist auch für eine Fachkraft schwer nachvollziehbar und teilweise einfach nicht haltbar. Wenn ich mir eine Flasche natives, kaltgepresstes Olivenöl kaufe und dieses mit E bewertet wird, ist das mehr als fragwürdig. Denn Olivenöl ist definitiv ein gesundheitsförderndes Lebensmittel – und dass man die Flasche nicht auf einmal verzehren sollte, dürfte klar sein.

    Es gibt positive und negative Aspekte beim Nutri-Score – und wir als Ernährungsberater, aber auch Verbraucherschützer und Journalisten haben die Aufgabe, darüber aufzuklären.

  • Hätte es Ihrer Meinung nach bessere Kennzeichnungssysteme als den Nutri-Score gegeben?

    Mir ist keins bekannt, woran ich keine Kritik gehabt hätte. Man kann nicht sagen, dass der Nutri-Score die schlechteste Lösung wäre. Es gab in meinen Augen keinen besseren Vorschlag. Man wollte eben eine europäische Norm haben und da musste man sich erst unter den Ländern einigen, welche Nährstoffe wie bewertet werden sollen.

    Wenn der Nutri-Score Salz und Fett generell als schlecht bewertet, muss man feststellen, dass dies nicht der aktuellen wissenschaftlichen Datenlage entspricht. Denn Salz kann zwar für Personen mit Bluthochdruck schädlich sein, für einen Großteil der Bevölkerung jedoch als neutral anzusehen – und für Sportler ist es sogar essenziell. Man muss immer den gesamten Lebensstil einer Person betrachten.

  • Warum brauchen wir überhaupt ein Lebensmittelkennzeichnungssystem wie den Nutri-Score – wissen die meisten Menschen nicht eh schon, wie man sich gesund ernährt?

    Nein, ich erlebe es tagtäglich in der Ernährungsberatung und beim Einkaufscoaching, dass die Verbraucherinnen und Verbraucher nicht automatisch wissen, was gesund ist und was nicht. Von daher ist Aufklärung definitiv notwendig. Positiv am Nutri-Score ist auf jeden Fall, dass sich Menschen Gedanken um ihre Ernährung machen. Sie kaufen nicht einfach ein, sondern wählen ihre Lebensmittel bewusster aus.

  • Sollte gesunde Ernährung Ihrer Meinung nach schon in der Schule stärker thematisiert werden?

    Meiner Meinung nach noch früher. Man kann bereits im Kindergarten mit sehr kleinen Kindern Ernährungslehre durchführen. Kinder können sehr wohl zwischen gesunden und ungesunden Lebensmitteln unterscheiden, wenn man ihnen das vorher spielerisch erklärt.

    Das kann im besten Fall dazu führen, dass sich das Ernährungsverhalten in einer Familie ändert. Privat geführte Kindergärten haben teilweise eigene Ernährungsberaterinnen oder -berater angestellt, die für die Kinder mittags kochen und sie aufklären. Diese Kinder haben ein ganz anderes Ernährungswissen – sie verstehen, dass ein Schokoriegel kein Grundnahrungsmittel ist.

  • Was könnte das Ernährungsverhalten der Verbraucherinnen und Verbraucher darüber hinaus positiv beeinflussen?

    Ich halte es für wichtig, dass eine Bewertung von Lebensmitteln eher in die Richtung geht, wie verarbeitet ein Lebensmittel ist. Dass man sich zum Beispiel fragt: Kaufe ich eine ganze Kartoffel oder ein fertiges Pulver, was ich zu Püree verarbeiten kann? Eine Kennzeichnung, inwiefern das Produkt verarbeitet ist, fände ich sehr sinnvoll.

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Möchten Sie sich also gesünder ernähren, reicht es nicht aus, einfach nur noch Lebensmittel mit dem Nutri-Score "A" in den Einkaufswagen zu legen. Denn das Label vergleicht lediglich Lebensmittel einer Produktgruppe hinsichtlich ihres Nährwertes. 

Für Produkte, die unverarbeitet sind oder nur aus einer Zutat bestehen – wie etwa Olivenöl, Honig oder frisches Obst und Gemüse – ist der Nutri-Score nicht sinnvoll und auch nicht gedacht. Ein ganzheitliches Ernährungskonzept kann der Nutri-Score daher nicht ersetzen.

Doch einen Baustein für eine gesündere Lebensweise kann das Label durchaus darstellen. Denn, wie zum Beispiel eine Studie zum Nutri-Score im Nachbarland Frankreich zeigt, hat das Kennzeichnungssystem das Potenzial, die Gesamtkalorienaufnahme dauerhaft zu reduzieren und die Zahl der Todesfälle durch ernährungsbedingte Krankheiten zu senken. Insofern spricht einiges dafür, dass man dem Nutri-Score auch in Deutschland eine Chance geben sollte.

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