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Minimalis­tisch leben in der Familie: Warum weniger oft mehr ist

Was braucht ein Mensch, um glücklich zu sein? Nicht viel, sagt der Minimalismus. Was eine minimalistische Lebensweise bedeutet und wie sie auch mit Kindern funktionieren kann, erklärt Autorin Bianca Schäb.

Jeder Mensch in Westeuropa besitzt durchschnittlich ungefähr 10.000 Dinge. Doch nur die wenigsten davon sind tatsächlich regelmäßig in Gebrauch. Oft weiß man gar nicht mehr, was sich so alles in der hintersten Ecke einer Schublade oder des Kleiderschranks befindet.

© José Messana, Studiolounge Zürich

Zu viel Besitz belaste nicht nur die eigene Psyche, sondern auch die Umwelt, mahnen Vertreter der minimalistischen Lebensweise. Es geht dabei um eine Mischung aus Verzicht und nachhaltigem Konsum: Minimalisten wollen nur das besitzen, was sie wirklich brauchen.

Welche Vorteile bringt ein minimalistischer Lebensstil und ist er auch bei der Kindererziehung umsetzbar? Darüber sprachen wir mit Bianca Schäb. Sie ist Autorin des Buches „Weniger tut Kindern gut. Minimalismus in der Familie leben“ (TRIAS Verlag). Es geht nicht nur darum, unnötigen Ballast abzuwerfen, sondern auch um Entschleunigung – also den Tritt auf die Bremse in einer Gesellschaft, in der sich der Alltag um das "immer mehr, immer besser und vor allem immer schneller" dreht.

Minimalismus und Entschleunigung

Frau Schäb, was hat Sie persönlich dazu bewogen, sich mit dem Thema „Minimalismus in der Familie“ auseinanderzusetzen?

Ich habe mich vor einigen Jahren bereits intensiv mit dem Thema „Entschleunigung“ beschäftigt und hierzu auch ein Buch geschrieben. Beide Themen – Minimalismus und Entschleunigung – hängen zusammen: Es geht um die Frage, worauf es im Leben eigentlich ankommt.

Als ich dann ein Kind bekam, war mir von Anfang an klar: Ich will es nicht mit Spielsachen überhäufen. Denn im Familien- und Freundeskreis habe ich gesehen, wie unglaublich viele Sachen die Kinder haben und wie wenig fokussiert sie damit spielen. Sie sind einfach überfordert mit der Masse an Dingen.

Wie sind Sie bei den Recherchen zu Ihrem Buch vorgegangen: Wen haben Sie alles interviewt?

Jeder denkt beim Thema „Kinder“, er sei Experte, deshalb war es mir wichtig, einen wissenschaftlichen Aspekt zu integrieren. Hierzu habe ich unter anderem mit dem Neuromarketing-Experten und Hirnforscher Dr. Hans Georg-Häusel geredet, warum eine dauerhafte Überversorgung nicht guttut. Und Zukunftsforscher Georges T. Roos erzählte mir, wohin das in der Zukunft alles führen könnte. Ich wollte erfahren, wie ich emotionalen Ballast leichter abwerfen kann, um entspannter zu leben.

Worin bestehen die besonderen Herausforderungen, wenn man mit Kindern minimalistisch leben möchte?

Kinder haben Wünsche, sie vergleichen sich mit anderen Kindern. Wenn etwa die beste Freundin eine besondere Barbiepuppe hat und meine Tochter von nichts anderem mehr spricht, fällt es mir natürlich schwer, zu sagen: Du bekommst die Puppe nicht.

Es ist für Kinder schwierig, sich diesem Vergleich zu stellen. Aber ich glaube, dieses Konkurrenzdenken kommt auch erst durch uns Erwachsene zustande, durch unsere Erziehung. Ich habe zum Beispiel mit einer Familie gesprochen, die wirklich minimalistisch lebt. Die Eltern haben nur eine Kiste mit geliehenem Spielzeug für die Kinder. Der Vater hat mir erzählt, dass es bei seinen Kindern überhaupt nicht darum geht, wer die größte Ritterburg hat oder ähnliches.

Ich denke, es kommt darauf an, wie wir das als Gesellschaft vorleben. Wir sollten mehr dazu übergehen, Zeit statt Zeug zu schenken. An was sich meine Tochter erinnert, sind Erlebnisse. Dass zum Beispiel die Oma sagt, wir gehen zusammen Eis essen und du darfst so viele Kugeln bestellen, wie du magst.

Geschenkte Zeit ist wertvoller als unnütze Dinge.
Bianca Schäb

Sehen Sie Anzeichen dafür, dass sich Minimalismus in der Gesellschaft als Lebensstil ausbreiten wird?
Ich denke schon. Immer mehr Menschen legen Wert darauf, dass die Qualität von Produkten stimmt. Man braucht keine zehn T-Shirts, es reichen auch zwei, wenn die qualitativ hochwertig sind. Es muss nicht immer das Billigste sein – diese Botschaft ist in vielen Bereichen der Gesellschaft angekommen.

Auch das Sharing-Prinzip zeigt, dass viele Menschen umdenken und Statussymbole und Besitz an Bedeutung verlieren.

Was denken Sie über die Kritik, dass Minimalismus am Ende nur ein theoretisches Konzept ist, das reiche Menschen für sich beanspruchen.

Minimalismus ist nicht ohne Grund ein Thema, das ausschließlich in reichen Ländern aufgekommen ist und teilweise heftig diskutiert wird. Das freiwillige Loslassen von Dingen ist ein Luxusproblem. In vielen anderen Ländern und sozialen Schichten sind die Familien gezwungen zu verzichten.

Aber: Überfluss ist ein Problem, das viele Menschen beschäftigt. Gerade in der heutigen Zeit, in der jeder Tag vollgestopft ist und man das Handy ständig in der Hand hat. Ich finde es total wichtig, dass sich die Menschen bewusst machen: Es geht ihnen besser, wenn sie auf Dinge verzichten und weniger von allem haben. Frei nach dem Motto: Mach weniger, aber dafür mit mehr Fokus.

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Welche Methoden gibt es, um sich von überflüssigem Besitz zu trennen und minimalistisch zu leben?

Zunächst ist es innerhalb der Familie wichtig, dass jeder über seine Sachen entscheiden kann. Nur weil ich gerade im Ausmist-Flow bin und gemerkt habe, dass es unglaublich erleichternd ist, unnötige Dinge zu entsorgen, darf ich nicht von den anderen Familienmitgliedern erwarten, dass sie genauso denken. Auch wenn ich der Überzeugung bin, dass es weder das letzte Plastik-Werbegeschenk braucht oder die fünf Bayern-München-Tassen im Küchenschrank. Man darf keinesfalls heimlich das Eigentum der anderen entsorgen.

Methoden gibt es viele, etwa die klassische Methode nach Marie Kondo – also das Ausmisten nach Kategorien. Für Kinder ist das vielleicht ein bisschen kompliziert, mit ihnen muss man eher spielerisch ausmisten. Zum Beispiel mit dem 30-Tage-Minimalismus-Spiel: Am ersten Tag sucht jeder einen Gegenstand aus, den er nicht mehr benötigt, am nächsten Tag zwei, dann drei und so weiter. Am Ende des Zeitraums hat man dann eine große Kiste mit Sachen, die ausgemistet werden. Zu Kindern kann man dann sagen: Wir gehen mit der Kiste auf den Flohmarkt und von dem, was du verdient hast, kannst du dir etwas Neues kaufen. Sparen geht natürlich auch.

Macht Minimalismus glücklich: Welche Auswirkungen auf Körper und Geist sind zu beobachten?

Es geht um die Balance. Extrem minimalistisch zu leben, wäre nichts für mich. Aber ich bin der Überzeugung: Bewusst zu leben und einen minimalistischen Ansatz zu verfolgen, sorgt dafür, dass viel weniger Stress produziert wird. Ein Beispiel: Wenn man weniger Sachen besitzt, muss man auch weniger aufräumen. Ich bin kein Arzt, aber ich stelle auf jeden Fall für mich fest, dass Minimalismus gelassener macht.

Helfen Entspannungs- oder Meditationsübungen, sich auf einen minimalistischen Lebensstil zu besinnen?

Ja, es gibt viele Achtsamkeitsübungen, die man auch mit Kindern machen kann. Zum Beispiel die Rosinenübung, die man auch mit einem Gummibärchen mal versuchen kann: Das Kind soll einfach mal das Tierchen nur in der Hand halten und beschreiben, wie es sich anfühlt und wie es riecht. Auch Meditation kann langfristig einen sehr positiven Effekt haben – und ich finde, es spricht nichts dagegen, das auch mit Kindern zu machen.

Minimalismus – drei Methoden für den Einstieg

Und wie genau soll das alles konkret funktionieren? Inzwischen gibt es zahlreiche „Ausmist-Methoden“, die helfen sollen, sich von überflüssigen Dingen zu trennen. Hier stellen wir Ihnen drei populäre Ansätze vor. Alle Methoden haben ihre Vor- und Nachteile. Testen Sie einfach, womit Sie am besten zurechtkommen.

  • KonMari-Methode

    Sie stammt von der japanischen Aufräumexpertin und Bestsellerautorin Marie Kondo. Bekannt wurde sie vor allem durch die Netflix-Serie „Aufräumen mit Marie Kondo“. Bei der von ihr entwickelten KonMari-Methode geht es im Prinzip darum, nur die Dinge zu behalten, die Freude bereiten.

    So funktioniert es: Sammeln und sortieren Sie alles, was Sie besitzen: Bücher zu Büchern, Kleidung zu Kleidung und so weiter. Dann sollten Sie jeden Gegenstand in die Hand nehmen und sich fragen: Löst dieser Gegenstand positive Gefühle in mir aus? Bereitet er mir Freude? Ist das der Fall, behalten Sie den Gegenstand. Wenn nicht, dann kommt er weg.

  • Korbmethode

    Bei der Korbmethode benötigten Sie einen Wäschekorb, eine große Kiste oder einen anderen Behälter dieser Größe. Anschließend gehen Sie aufmerksam durch Ihre Wohnung und durchstöbern all Ihre Habseligkeiten – ähnlich wie beim Klamottenkauf.

    In den Korb kommen dann ausschließlich die Sachen, die Ihnen nicht wirklich gefallen, eigentlich unnötig sind und Platz in der Wohnung stehlen. Sobald der Korb voll ist, haben Sie Ihr Tagespensum erreicht. Wenn Sie das regelmäßig machen, dürfte schon bald einiges Überflüssiges aus Ihrer Wohnung verschwunden sein.

  • Eat the Frog – das Schlimmste zuerst

    Diese Methode folgt einem gänzlich anderen Ansatz als die bisher beschriebenen. Denn gleich zu Beginn sollen Sie sich bei der "Eat the Frog"-Methode von einem Ihrer Lieblingsgegenstände trennen. Der Gedanke dahinter: Danach sollte Ihnen der Rest – also das Aussortieren von weniger wichtigen Gegenständen – leichter fallen. Die Methode des US-amerikanischen Autors Brian Tracy wird auch im Zeitmanagement angewendet und eignet sich gut für die Bewältigung ungeliebter Aufgaben. Fangen Sie immer mit dem Schlimmsten an, fällt Ihnen der Rest gleich viel leichter.

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