Flow – zwischen Boreout und Burnout

Von "Flow" wird gesprochen, wenn der Mensch bei seiner Arbeit eins ist mit dem, was er tut. Höhere Arbeitszufriedenheit, Kreativität und Effktivität sind die Folge. Wir erklären, was es mit dem Flow-Zustand auf sich hat und wie man ihn erreicht.

Wenn man sich fokussiert der Lösung eines Problems widmet und die Zeit wie im Flug zu vergehen scheint, sprechen Psychologen von "Flow". Doch was geschieht im Flow-Zustand genau – und wie kann man ihn erreichen? 

Der Mechanismus des Flows

Wir alle haben das Gefühl, sämtliche unserer Entscheidungen bewusst und nach freiem Willen zu treffen. Doch dem ist gar nicht so: Zum einen können wir nur eine begrenzte Anzahl an Informationen aufnehmen, die unsere tägliche Entscheidungsfindung beeinflussen. Zum anderen geschieht der Großteil unserer Entscheidungen tatsächlich unterbewusst – lediglich fünf Prozent unserer Entscheidungen sind rational. Aber natürlich gibt es auch viele Entscheidungen, die wir aktiv treffen, unter anderem, welcher Aufgabe wir unsere Aufmerksamkeit schenken wollen.

Befindet sich eine Person im Flow und verschmilzt komplett mit einer Aufgabe, verliert sie die bewusste Entscheidungsmacht über ihre  Aufmerksamkeit. Sie konzentriert sie sich ausnahmslos auf ihre Aktivität und Faktoren wie Zeit, Kollegen oder körperliche Bedürfnisse (etwa Hunger) werden ausgeblendet. Ihnen stehen keine Aufmerksamkeitskapazitäten mehr zur Verfügung.

Das richtige Arbeitspensum

Die wichtigste Bedingung, um diesen Zustand zu erreichen, ist das richtige Verhältnis zwischen Anforderungen und Fähigkeiten: Der Schwierigkeitsgrad einer Aufgabe muss im richtigen Verhältnis zu den Fähigkeiten des Betreffenden und seinen Talenten stehen.

Eine zu hohe Arbeitsbelastung führt demnach zu Anspannung, Angst und Frustration, eine zu niedrige erzeugt Routine und Langeweile. Das Flow-Erlebnis ereignet sich also in einem Bereich, in dem eine Person weder unter-, noch überfordert ist.

Gefährlich werden Überforderung und Unterforderung, wenn sie im Beruf einen Dauerzustand darstellen. Dann nämlich können ernsthafte psychische Erkrankungen die Folge sein: Burnout und Boreout.

3 Tipps, wie Sie in den Flow gelangen

Im Grunde kann man den Flow-Zustand bei jeder Tätigkeit erreichen. Sie muss aber aktiv ausgeübt werden – Fernsehen oder Baden können demnach keine Flow-Symptome auslösen. Im Grunde müssen drei Voraussetzungen erfüllt sein:

  • Setzen Sie sich Ziele, lernen Sie systematisch und eignen Sie sich Kompetenzen an.

  • Wählen Sie das richtige Maß an Schwierigkeit und Belastung und überfordern Sie sich nicht.

  • Es sind besonders die Muss-Vorstellungen, die uns stressen, ablenken oder blockieren. Lassen Sie innerlich los.

Burnout und Boreout

Wenn die ständige Unter- oder Überforderung im Beruf krank macht, spricht man im Allgemeinen von Burnout beziehungsweise Boreout. Dabei handelt es sich um verschiedene Typen persönlicher Krisen, die sich durch ernstzunehmende Symptome wie Antriebslosigkeit, Depressionen und Suizidgedanken äußern.

Beim Burnout fühlen sich die Betroffenen in der Regel matt und erschöpft – seelisch wie körperlich. Der Burnout trifft oft Menschen, die sich über ihre Arbeit definieren und viel in sie investieren, jedoch wenig bis keine Anerkennung erhalten. Das hohe Arbeitspensum und der entstandene Frust saugen die Betroffenen förmlich aus.

Die häufigsten Symptome sind Gereiztheit, totale Erschöpfung, Schlaf- und Konzentrationsstörungen, sozialer Rückzug und Depressionen.

Da das Burnout-Syndrom eine schleichende Erkrankung ist, muss bei ersten Symptomen sofort gehandelt werden. Das Aufsuchen eines Psychologen für professionelle Hilfe sowie das Gespräch mit dem Vorgesetzten sollten daher unverzüglich erfolgen.

Der langweilige Bruder von Stress

Boreout ist quasi das Gegenteil von Burnout. Er ist durch eine geringe Menge der Arbeit oder eine Überqualifizierung des Arbeitnehmers im Verhältnis zu seiner Tätigkeit gekennzeichnet. Betroffene fühlen sich oft gelangweilt, nutzlos und überflüssig.

Sie entwickeln Vermeidungsstrategien, strecken Arbeit künstlich über Stunden oder platzieren ihren Bildschirm so, dass niemand ihr privates Surfen bemerkt. Ein schleichender Prozess, der immer stärker zum Verlust von Selbstvertrauen und Selbstwirksamkeit führt.

Auch hier ist der Betroffene aufgerufen, selbst in Aktion zu treten, um die eigene Arbeitszufriedenheit zu steigern. Dafür braucht es meist eins: Mut zur Veränderung, vor allem über das Gespräch mit dem Vorgesetzten.

Wenn Arbeit krank macht

Ein Erfahrungsbericht von Jan Kempf

"Es fing ganz harmlos an: Zuerst kamen Nacken- und Kopfschmerzen, dann ein Schwindelgefühl. Wehwehchen, dachte ich – die aber einfach nicht verschwinden wollten, im Gegenteil: Sie wurden immer schlimmer. Am Wochenende ging ich nicht mehr aus, traf mich nicht mehr mit Freunden. Was folgte, war der Breakdown: Verdacht auf Herzinfarkt – mit 29 Jahren.

Bis es so weit kam, hatte ich sieben Jahre lang 16 bis 18 Stunden pro Tag mit Arbeiten zugebracht. Als 22-Jähriger machte ich mich selbstständig, hatte schon bald eigene Angestellte, viele Kunden – und eine große Verantwortung. Die wenige Freizeit, die blieb, verbrachte ich mit exzessivem Kampfsport, sieben Tage die Woche. Am Anfang überwog die Euphorie, alles schaffen zu können. Doch nach dem Zusammenbruch ging absolut nichts mehr.

Ich fing an zu recherchieren und war mir bald sicher, dass es sich um eine Depression handeln musste. Dann kam die ärztliche Diagnose: Burnout.
Jan Kempf

Ich saß wochenlang auf dem Sofa, allein beim Anblick meiner roten Arbeitshosen musste ich mich übergeben. In dieser Zeit führte meine Frau alle Geschäfte, während ich nicht einmal wusste, was eigentlich mit mir los war. Ich fing an zu recherchieren und war mir bald sicher, dass es sich um eine Depression handeln musste. Dann kam die ärztliche Diagnose: Burnout.

Ich wurde in eine Depressionsklinik eingewiesen, in der ich erst verstanden habe, woher die Symptome kamen und wie der Stress mich über die Zeit hinweg zerfressen hatte. Dort sagte man mir auch, ich sei sogar noch glimpflich davongekommen. Wäre ich nicht so sportlich gewesen, hätte es mich wohl umgebracht. Doch der zehnwöchige Aufenthalt in der Klinik war nur die Spitze des Eisbergs. Der eigentliche Horror folgte, als ich wieder zu Hause war. Angstattacken ließen Alltägliches wie Autofahren, Einkaufen oder Essengehen unmöglich werden. Abseits der Klinik, die für mich einen geschützten Bereich darstellte, war ich mit meinen Ängsten allein. Mir war klar: Ich muss mein Leben ändern.

Ich las mich in das Thema Burnout ein, ging zur Therapie und nahm mir zusätzlich einen Lifecoach. Schritt für Schritt fing ich wieder mit der Arbeit an. Heute trage ich zwar immer noch die alleinige Verantwortung für meine beiden Unternehmen, habe aber gelernt, Aufgaben und Arbeit auch abzugeben. Den Kampfsport habe ich mit Yoga getauscht, von zehn Kaffees trinke ich nur noch zwei am Tag. Dazu mache ich viel mehr Pausen, die ich bewusst mit meiner Familie verbringe. Runterkommen, einen Ausgleich haben – das hält mich heute im Gleichgewicht. Alles Kleinigkeiten, die am Ende jedoch viel ausmachen.

Trotz der großen Strapazen und der lebensbedrohlichen Situation: Ich möchte die Erfahrungen nicht missen. Heute weiß ich, wie wichtig die eigene Gesundheit ist. Deshalb halte ich auch Vorträge zu Depression, Burnout und Achtsamkeit, bei denen ich meine Erfahrungen weitergebe. Denn gerade Männer haben oft Angst, über psychische Belastungen zu reden. Diese Angst will ich ihnen nehmen." 

Interview mit Flow-Experte Dr. Dietmar Hansch

  • Wie geht man mit Stress am besten um? Und welche Rolle spielt der Flow dabei? Dr. med. Dietmar Hansch, Buchautor und Leiter des Schwerpunkts Angsterkrankungen an der Privatklinik Hohenegg in Meilen am Zürichsee, kennt die Antworten.
     

  • Herr Dr. Hansch, Erschöpfung im Beruf ist heute ein Phänomen, das alle Berufszweige betrifft. Warum hetzen wir uns täglich ab?

    Die Steigerungslogik unseres Wirtschaftssystems führt zu Beschleunigung, Vermehrung und Verdichtung auf allen Ebenen. Unsere mentalen Kapazitäten wachsen da nicht mit, im Gegenteil – wir werden älter. Auch einem Teil unserer Natur ist genetisch eine Steigerungslogik eingeschrieben – wir bekommen etwas, gewöhnen uns daran, wir wollen mehr, gewöhnen uns auch daran, wollen noch mehr ...; wir müssen kritische Distanz zu derlei Tendenzen gewinnen und lernen, ihnen bewusst etwas entgegen zu setzen.

  • Zu viel Stress kann ernsthafte psychische Erkrankungen nach sich ziehen, oft ist Burnout die Diagnose. Warum zieht der Betroffene nicht rechtzeitig die Reißleine?

    Stress und Erschöpfung führen zu einer Aktivitätsumverteilung im Gehirn: die primitiven Kampf-Flucht-Zentren werden aktiviert, höhere geistige Funktionen einschließlich der Mechanismen zur Selbststeuerung werden eingeschränkt. Wir bekommen einen Tunnelblick, werden hektisch und planlos, verheddern uns sozusagen in der Nahkampf-Perspektive und haben nicht mehr die Kraft, auf den inneren Feldherrenhügel zu klettern. So rutschen wir immer tiefer in die Erschöpfung.

  • In Ihrem Buch „Mit Achtsamkeit und Flow aus der Stressfalle“ geben Sie wertvolle Tipps gegen den Alltagsstress. Wie kann man Stress vermeiden?

    Man kann Übungen lernen, die helfen, Probleme flexibel aus einer förderlichen Perspektive zu betrachten. Das heißt, sich ein Bewusstsein dafür zu erarbeiten, dass Glück überwiegend von innen kommt und nur eines sehr grundlegenden materiellen Lebensstandards bedarf. Vor allem sollte man aber tun, was man als interessant und sinnvoll empfindet. Dazu gehört auch, Abhängigkeiten zu vermeiden und immer einen Plan B, Hobbys und genügend Schlaf zu haben, Sport zu treiben und – wenn möglich – eine Beziehung zu führen.

Der Flow-Zustand ist auch das Ergebnis einer gesunden Arbeitsatmosphäre.
Dr. Dietmar Hansch
  • Welche Rolle spielt der Flow dabei?

    Der Flow-Zustand ist auch das Ergebnis einer gesunden Arbeitsatmosphäre. Er kann sich einstellen, wenn wir beim Tun ganz gefordert, aber nicht überfordert werden. Wir gehen dann ganz in unserem Tun auf, vergessen uns selbst und die Zeit. Und dieser Zustand kommt mit um so größerer Wahrscheinlichkeit über uns, je mehr die inneren und äußeren Bedingungen stimmen.

  • Könnte man also sagen, dass der Flow gesund macht?

    Im Flow ist unsere psychosomatische Lebensaktivität in einem harmonischen Prozess – und das erzeugt Wohlbefinden. In Reinform spüren wir das, wenn wir tanzen, singen oder ein Instrument spielen. Das beugt in starkem Maße psychischen Störungen vor und in geringerem Maße auch körperlichen Erkrankungen.

  • Wie kann ich Flow für meine Karriere nutzen?

    Ganz im Tun aufgehen heißt, dass uns die ganze Bandbreite der Psyche für die Aufgabenbewältigung zur Verfügung steht. Wir sind positiv gestimmt, die Psyche weitet sich. Wir bringen unser ganzes Potenzial auf die Straße. Im Flow zeigen wir die beste Performance, was natürlich die Chance auf Erfolge steigert.

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