Auf dem Jakobsweg: Unterwegs mit einer künstlichen Herzklappe

Ute Lethert hat in ihrem Leben einige sportliche Herausforderungen gemeistert: klettern in den Dolomiten, die Überquerung der Alpen und Gleitschirmfliegen. Ihre größte sportliche Leistung meisterte die Rheinländerin jedoch nach ihrer Herzlappen-OP. Sie pilgerte rund 2.876 Kilometer und 109.000 Höhenmeter auf dem Jakobsweg.

Lange vor der Operation an ihrem Herzen wusste sie, dass dieser Eingriff kommen würde. Von Geburt an hatte Ute Lethert einen Herzklappenfehler, jedes Jahr musste sie zur Kontrolluntersuchung. Die Ärzte waren sich einig: Wenn ihr Herz anfänge Schaden zu nehmen, müsste eine neue Klappe eingesetzt werden. Bis dahin, so nahm es sich die lebensfrohe Frau vor, würde sie jeden Sport machen, der ihr Spaß bereite. "Ich bin Motorrad gefahren, sehr viel gewandert, Gleitschirm geflogen und Klettern gegangen."

Begeisterte Sportlerin mit Herzklappenfehler

Ute Lethert ist sichtlich stolz auf ihre sportliche Laufbahn. Und auch andere Menschen profitierten von ihrer Leidenschaft fürs Wandern, denn Lethert war als Wanderführerin im deutschen Alpenverein tätig. 

Trotz ihrer ganzen positiven Energie war es 2009 jedoch so weit. Mit gerade einmal 43 Jahren benötigte die Rheinländerin eine neue Herzklappe. Laut Ärzten ist ein "normales" Leben nach der Herz-OP durchaus möglich. Nun definiert jeder Mensch "normal" völlig anders. Für Lethert, die schon immer gerne Sport trieb, war das Wandern und die Überquerung der Alpen "normal" – es machte ihr Leben lebenswert.

Für mich brach eine Welt zusammen. Ich fragte mich, ob ich je wieder so fit wie früher sein würde.
Ute Lethert

Zwischen Frustration und Hoffnung

Nach der Herzklappen-Operation benötigte die sportbegeisterte Frau über eine Stunde für den 957 Meter langen Rundweg um ihr Haus. "Für mich brach eine Welt zusammen," gesteht Lethert. "Ich fragte mich, ob ich je wieder so fit sein würde wie früher." Ihr Ehemann glaubte fest daran und hatte eine spontane Idee. Bereits einige Jahre zuvor hatte das Paar während einer Kreuzfahrt Santiago de Compostela besucht. "Wir wollten doch noch einmal nach Santiago de Compostela. Was hältst du davon, wenn wir von hier aus zu Fuß gehen?", schlug er vor.

Was Ute Lethert zunächst für eine verrückte Idee ihres Mannes hielt, wurde schon bald zur Realität. "Er hat den gesamten Weg geplant und war von Anfang an Feuer und Flamme." Mit den Worten "Wir schaffen das, wir kommen an" bestärkte er seine Frau in ihrem Vorhaben. 

Körperliche Vorbereitung auf die Pilgerreise

Nachdem der Plan feststand, fing Lethert an, ihren Körper intensiv auf die Reise vorzubereiten. Sie begann mit Spaziergängen, später kamen Wanderungen hinzu und schließlich ging die damals 43-Jährige ins Fitnessstudio, um ihre Kondition zu steigern und gezielt Muskeln aufzubauen. Eine der größten körperlichen Herausforderungen stellte nämlich das Tragen ihres eigenen Rucksacks dar. "Da bei der Operation mein Brustkorb geöffnet wurde, musste ich den gesamten Muskelapparat in diesem Bereich wieder stärken," erläutert sie.

An den Geräten trainierte Lethert ihren Brustkorb, den oberen Schulterbereich, die Region um das Schlüsselbein, sowie die Arme und den Rücken. Schließlich galt es, einen zehn Kilogramm schweren Rucksack auf dem Jakobsweg zu tragen.

Außerdem unternahm Lethert längere Wanderungen zur Probe, manchmal schon mit gepacktem Rucksack. Die Tagesetappen beim Pilgern würden etwa 15 bis 25 Kilometer lang sein und bei jedem Wetter stattfinden – bei Kälte, Regen und bei Hitze. Ein gutes halbes Jahr bereitete Lethert sich deshalb intensiv auf diesen anspruchsvollen Weg vor. Bedenken hatte sie immer wieder, aber keine, die sie von ihrem Plan abbrachten. 

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Die Reiseapotheke für Herzklappen-Patienten

Letherts Gesundheit hatte oberste Priorität, sie überließ nichts dem Zufall. Denn seit ihrem Eingriff meidet Lethert zum Beispiel Risikosportarten. Zu groß ist die Verletzungsgefahr und damit das Risiko zu verbluten.

Wegen ihrer künstlichen Herzklappe muss sie den Gerinnungshemmer Marcumar einnehmen, der dazu führt, dass es ganze zweieinhalb bis drei Minuten dauert bis ihr Blut gerinnt. Mit einem speziellen Messgerät und passenden Teststreifen kann Lethert regelmäßig einen Blutgerinnungstest durchführen.

Das Ganze funktioniert ähnlich wie der Diabetes-Test bei einem Zuckerkranken: ein kleiner Pieks in die Fingerkuppe, ein Tropfen Blut, Blutgerinnungswerte ablesen und Tabletten für die kommende Woche berechnen. Lethert bezeichnet das als "medizinisches Selbstmanagement". Als Pilger auf dem Jakobsweg unabdingbar. Sie geht sehr gewissenhaft vor, zweimal wöchentlich macht sie den Test. Montags zur Medikamenten-Vergabe und donnerstags, um zu checken, ob ihre Werte immer noch im grünen Bereich liegen. Schließlich weiß sie, dass der Jakobsweg anstrengend und abwechslungsreich ist und Hitze, Kälte oder Ernährung Einfluss auf den Blutgerinnungswert haben.

Neben dem Medikament Marcumar, gehören der Marcumar-Ausweis und ein Notfall-Set Heparin-Spritzen zu Letherts Reiseapotheke. Wenn der Wert stark abfällt, kommen die Heparin-Spritzen zum Einsatz.

Auf dem Jakobsweg traf die Rheinländerin hin und wieder andere Herzkranke. "Die kannten sich teilweise mit ihrer Herzerkrankung noch nicht einmal so recht aus" – für die heute 52-Jährige schwer nachvollziehbar. "Für mich stand meine Sicherheit immer an erster Stelle."

Willi und Ute Lethert auf dem Jakobsweg.

Der Weg ist das Ziel

Am 10. März 2011 brach das Ehepaar Lethert vom Kölner Dom auf, um nach Santiago de Compostela zu pilgern. An insgesamt 131 Tagen legten sie 2.876 Kilometer und 109.000 Höhenmeter auf dem Jakobsweg zurück. „Eine lange Zeit, um über sich, das Leben und seine Ziele und Wünsche nachzudenken. Man erlebt Höhen und Tiefen auf dem Weg. Der Weg bringt einen an seine körperlichen, aber auch psychischen Grenzen," fasst Ute Lethert ihre Erfahrung zusammen.

Ihre schönste Erinnerung? „Nach 2.000 Kilometern Wegstrecke über die Pyrenäen das erste Mal das Meer sehen und das anschließende Pilgern entlang der Küste“, erzählt sie strahlend. „Ich bin ein Meer-Mensch, ich liebe das Wasser, das war für mich der schönste Anblick.“

Auf der Reise begegneten sie anderen Pilgern, die sich aus den unterschiedlichsten Motivationsgründen auf den Weg gemacht hatten, seien es persönliche Verluste, schwere Krankheiten oder der Ausstieg aus dem normalen Leben. Das Ehepaar Lethert beendete seine Reise an der Kathedrale in Santiago de Compostela. Stolz und Dankbarkeit erfüllten Ute Letherts pochendes, neugeborenes Herz am Ende dieses Weges, am 14. August 2017, um 12:10 Uhr.

Die Reise hat mich darin bestätigt, dass auch mit einer künstlichen Herzklappe ein normales Leben möglich ist.
Ute Lethert

Ein "Ja" zum Leben

Die moderne Medizin hat Lethert nicht nur die Möglichkeit gegeben, mit einer neuen Herzklappe weiterzuleben, sondern auch ihr Leben weiterhin aktiv gestalten zu können. Diesen Gedanken will sie jedem mit auf den Weg geben, der eine ähnlich strapaziöse Operation vor oder hinter sich hat: „Es lohnt sich! Nicht aufzugeben, aktiv am Leben teilzunehmen, sich auf die geänderten Lebensumstände einzulassen und ein 'mündiger' Patient zu werden."

Letherts Erfahrung soll auch andere Menschen wachrütteln und anspornen, ihre Gesundheit selbst in die Hand zu nehmen. "Die Reise hat mich darin bestätigt, dass auch mit einer künstlichen Herzklappe ein normales Leben möglich ist.“

Ihr Ehemann schrieb ein gut 500 Seiten umfassendes Reisetagebuch „Jakobus reist erster Klasse - Tagebuch einer Pilgerreise“ (ISBN: 9781717819451). „Ich habe das Buch um einen Abschnitt für Herzpatienten ergänzt, der Mut zum Leben machen soll," erzählt Ute Lethert stolz. Denn es gibt so viele Abenteuer da draußen zu bestreiten und so viel Schönes zu erleben.

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