Mann hält die Hände vor den Kopf und sitzt auf dem Bett.

Long Covid und Post Covid: Wie gravierend sind die Corona-Langzeit­folgen?

Immer mehr Patientinnen und Patienten berichten noch lange Zeit nach ihrer Corona-Erkrankung über diffuse Beschwerden. Mittlerweile gibt es medizinische Begriffe für das Phänomen: "Long Covid" und "Post Covid". Wo liegt der Unterschied? Welche Symptome treten dabei auf und wie werden sie behandelt?

Eines vorweg: Noch gibt es nur wenig gesichertes Wissen über die Langzeitfolgen einer COVID-19-Erkrankung. Schließlich wurde das neuartige Coronavirus vor nicht einmal zwei Jahren erstmalig bei Menschen nachgewiesen. Insofern steht die Wissenschaft hier noch am Anfang. 

Dennoch gibt es erste Ergebnisse. Mit der am 18. August von der Deutschen Gesellschaft für Pneumologie und Beatmungsmedizin e. V. (DGP) vorgestellten interdisziplinären S1-Leitlinie zur Behandlung von Coronafolgen gibt es nun erstmals ein umfangreiches Dokument zu Post beziehungsweise Long Covid. 
 

Professor Rabe LungenClinic

Wir haben uns mit dem DGP-Experten Prof. Klaus Rabe, Ärztlicher Direktor und Medizinischer Geschäftsführer der LungenClinic Grosshansdorf, darüber unterhalten und beantworten mit seiner Hilfe die wichtigsten Fragen und Antworten zu den Langzeitfolgen einer COVID-19-Erkrankung.

Weshalb können infolge einer Covid-19-Infektion Langzeitfolgen auftreten?

Prinzipiell können alle Viren Spätfolgen verursachen, besonders häufig kommt dies beispielsweise bei Infektionen mit Grippeviren vor. Prof. Rabe erklärt dies wie folgt: "Wie bei anderen Viruserkrankungen auch, können durch COVID-19 langfristige Probleme entstehen. Bei einer Corona-Erkrankung scheint das besonders häufig der Fall zu sein. Was uns alle – auch in der Fachwelt – überrascht hat: Auch Menschen, die einen milden Krankheitsverlauf hatten, haben zum Teil längerfristig Beschwerden. Und: Selbst jüngere Menschen, die die Symptomatik in der akuten Phase verlieren, können nach einer gewissen Zeit wieder Probleme bekommen."

Wann spricht man von Long Covid, wann von Post Covid?

Entsprechend der interdisziplinären Leitlinie der DGP spricht man von Long Covid, wenn COVID-19-typische Symptome über einen Zeitraum von vier Wochen nach der Infektion auftreten. Haben Patientinnen und Patienten drei Monate nach ihrer Erkrankung immer noch Beschwerden, spricht man von einem Post-COVID-Syndrom.
 

Frau mit Maske schaut im Freien auf ihr Handy.

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Wie werden "Long Covid" und "Post Covid" diagnostiziert?

"Für eine Diagnose sind ganz viele Disziplinen notwendig: Hausärztinnen und -ärzte, Neurologie, Pneumologie, Dermatologie und so weiter – die Hausärztin oder der Hausarzt hat eine Regiefunktion und dient als erste Anlaufstelle. Wenn er oder sie das Gefühl hat, dass es ein spezifisches Problem gibt, soll es an die Fachdisziplinen gehen", rät Prof. Rabe.

Welche Symptome sind typisch bei einer Langzeiterkrankung?

Patientinnen und Patienten berichten vor allem von folgenden Beschwerden: Müdigkeit, Erschöpfung und eingeschränkte Belastbarkeit, Kopfschmerzen, Atembeschwerden, Geruchs- und Geschmacksstörungen, Konzentrations- und Gedächtnisprobleme, depressive Verstimmungen sowie Schlaf- und Angststörungen.

"Mitunter kann dies dazu führen, dass die betroffenen Personen nicht mehr arbeitsfähig sind. Dies lässt sich auch mit Zahlen belegen: Ende Februar dieses Jahres verzeichneten die Berufsgenossenschaften 42.753 anerkannte Berufserkrankungsfälle im Zusammenhang mit COVID-19. Das ist schon eine beachtliche Zahl", sagt Prof. Rabe.

Die Zeit heilt in diesem Fall doch viele Wunden.
Prof. Klaus Rabe

Wie verbreitet sind Long Covid und Post Covid?

Genaue Zahlen sind schwierig zu ermitteln. DGP-Experte Rabe meint hierzu: "Das hängt sehr von der zeitlichen Erhebung ab. Man kann aber davon ausgehen, dass bis zu 15 Prozent der akut Erkrankten noch über die vierte, teilweise auch über die zwölfte Woche nach Krankheitsbeginn hinaus unter einem oder mehreren COVID-bedingten Symptomen leiden. Positiv ist, dass die Symptome mit der Zeit abnehmen. Die Zeit heilt in diesem Fall doch viele Wunden."

Bisher gibt es nur wenige Studien zur Häufigkeit der verschiedenen Symptome, die längere Zeit nach einer Infektion mit COVID-19 auftreten können. Allerdings zeigen mehrere Verlaufsstudien das Auftreten ähnlicher Symptome. Besonders Patientinnen und Patienten, die länger als sechs Monate unter einer schweren Fatigue mit kognitiven Störungen oder sogar Schmerzen leiden, sollten auf das Vorliegen des Chronischen Fatigue Syndroms untersucht werden.

Wer ist besonders stark von Langzeitfolgen betroffen?

"Die Datenlage zeigt, dass Frauen etwas häufiger von Spätfolgen betroffen sind als Männer. Auch jüngere Menschen sind davon betroffen. Aber bei dieser Altersgruppe fallen manche Beschwerden vermutlich auch mehr auf als zum Beispiel bei älteren Personen, die sich schon im Ruhestand befinden", schätzt Dr. Rabe die Datenlage ein.

Mann sitzt zuhause am Laptop.

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Welche Behandlungsmöglichkeiten gibt es?

Wie bereits angeklungen, ist ein ganzheitlicher, interdisziplinärer Behandlungsansatz empfehlenswert. Der Hausarzt oder die Hausärztin kann dabei als erste Anlaufstelle dienen. Mediziner Rabe rät seinen Kolleginnen und Kollegen: "Man sollte die Vielzahl und Vielfältigkeit der Symptome kennen. Mitunter treten auch ungewöhnliche Beschwerden wie Rhythmusstörungen oder Lähmungen auf, die man ernst nehmen sollte. Es wäre wünschenswert, wenn es regional verteilt Spezialistinnen und Spezialisten gäbe. Neben der hausärztlichen Grundversorgung wäre ein systematisches Netzwerk für die Behandlung von Corona-Spätfolgen sinnvoll."

Können Impfungen bei Long und Post Covid helfen?

Hierzu ist die Forschungslage noch recht dünn. Bei der Zulassung der Impfstoffe waren Long oder Post Covid noch kein Thema. "Wissenschaftlich gesicherte Erkenntnisse gibt es dazu nicht. Aber ich persönlich bin der Meinung, dass eine Impfung auch bei Long Covid sinnvoll ist", sagt Lungenarzt Rabe. 

In der DGP-Leitlinie wird eine Studie erwähnt, die den Effekt einer post-infektiösen SARS-CoV-2-Vakzinierung auf den Verlauf von Long- oder Post-Covid-Erkrankungen untersucht. Den geimpften Personen ging es einen Monat nach der erfolgten Vakzinierung etwas besser als den nicht-geimpften. Allerdings ließen sich daraus noch keine plausiblen Schlussfolgerungen ableiten, heißt es in der Leitlinie. Größere Studien müssten folgen.

Arzt hält eine mit einer Impfdosis gefüllte Spritze in der Hand

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Werden sich Long Covid und Post Covid als neue Krankheitsbilder etablieren?

Noch ist es wohl zu früh, um diese Frage zuverlässig zu beantworten. Prof. Rabe kommt zu einem differenzierten Urteil: "Ich sehe bei den längerfristigen Beobachtungen, dass die Symptome mit der Zeit zurückgehen. Das ist eine gute Nachricht für die Betroffenen. Aufgrund der Vielfältigkeit der Symptome bin ich mir aber noch unsicher, ob das Phänomen ganz verschwinden wird. Wir sollten die Langzeitfolgen einer Corona-Erkrankung auf jeden Fall ernst nehmen."

Jede siebte infizierte Person betroffen

Langsam, aber sicher gibt es mehr Erkenntnisse über die Langzeitfolgen einer Covid-19-Erkrankung. Jede siebte Person hat nach einer Infektion mit Long oder Post Covid zu kämpfen – schon allein deshalb sollte man das Thema ernst nehmen und den Betroffenen Gehör schenken.

Patientinnen und Patienten sollten sich nicht davor scheuen, hausärztliche Betreuung in Anspruch zu nehmen und ihre Symptome so detailliert wie möglich zu schildern. Mit einem interdisziplinären Behandlungsansatz scheinen die Chancen gut zu stehen, Long- und Post-Covid-Beschwerden langfristig in den Griff zu bekommen.

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