Integration durch Arbeit im Handwerk: Wie gelingt das? Ein Experte antwortet.

Auch sechs Jahrzehnte nach dem deutschen Wirtschaftswunder ist die Frage, wie Arbeit bei der Integration von Menschen mit Migrationshintergrund helfen kann, brandaktuell – das Handwerk bildet hier keine Ausnahme. Wir haben mit Serkan Engin von der Handwerkskammer München gesprochen. Was denkt er als Experte über das Thema „Kulturelle Vielfalt und Integration“?

Interview mit Serkan Engin

Serkan Engin ist bei der Handwerkskammer München für die Ausbildungsakquise von Jugendlichen in handwerkliche Betriebe zuständig und fungiert gleichermaßen als deren Integrationsbeauftragter. Außerdem steht er Betriebsleitern bei Fragen zum Thema mit Rat und Tat zur Seite.

  • Herr Engin, Sie kennen sich bestens mit kultureller Vielfalt und Integration in handwerklichen Betrieben aus. Würden Sie sagen, dass die Rolle des Handwerks in Bezug auf Integration eine besondere ist?

    Ich würde das jetzt nicht überspitzen, aber es ist schon so, dass wir seit Jahrzehnten Erfahrung mit der Integration von Menschen mit Migrationshintergrund haben. Derzeit haben wir Azubis aus mehr als 100 Nationen. Aus vielen dieser Auszubildenden sind heute schon dutzende Meister und Selbstständige geworden. Diese Themen sind also nichts Neues für uns als Handwerkskammer.

    Nur: Prinzipiell denke ich, dass jeder Betrieb, der eine Ausbildung anbietet, eine besondere Rolle in Bezug auf Integration spielt. In der Arbeit fassen junge Menschen Fuß und lernen, was es bedeutet, Teil einer Gesellschaft zu sein. Es ist wichtig, diese Erfahrung zu machen.

    Aufträge für Kunden erfolgreich zu erfüllen, das schafft Selbstvertrauen und der Auszubildende bekommt etwas zurück. In dieser Hinsicht ist die Rolle des Handwerks in Bezug auf Integration schon besonders.

  • Profitieren Unternehmen von größerer kultureller Vielfalt?

    Ich kann nur so viel sagen: Sobald sich diejenigen im Betrieb eingelebt haben, kann man beobachten, wie starke Synergieeffekte entstehen. Es gibt Beispiele, wo ich am Anfang meine Bedenken hatte, aber dann haben sich die Azubis teilweise schon im ersten Lehrjahr mit dem regionalen Vokabular vertraut gemacht. Das ist schön zu sehen.

    Ich sehe die positiven Effekte der Vielfalt an allen Ecken und Enden. Es gibt aber keine Statistik, die das beweist. Was ich sagen kann, ist, dass solange das Team harmoniert, die Herkunft der Teammitglieder nur eine Nebenrolle spielt.

Ich sehe die positiven Effekte der Vielfalt an allen Ecken und Enden.
Serkan Engin, Handwerkskammer München
  • Gilt das auch für mittelständische Handwerksunternehmen?

    Meist herrscht gerade in mittleren und kleinen handwerklichen Betrieben ein sehr familiäres Umfeld. Da kommt es gerne mal vor, dass die Belegschaft auf eine Familienfeier eingeladen wird, man abends zum Bowlen geht oder betriebsintern Nachhilfe gibt. Auch bei Dingen wie Behördengängen, die gerade mit geringeren Deutschkenntnissen zur Tortur werden können, unterstützen sich die Kollegen. Das hilft bei der Integration enorm.

  • Ganz konkret: Wie gelingt interkulturelle Kommunikation und Integration in handwerklichen Betrieben?

    Man muss Geduld haben. Wir reden hier schließlich über Menschen und nicht über Roboter. Außerdem ist es wichtig, sich ein bisschen mit der anderen Kultur vertraut zu machen. Gibt es da zum Beispiel Stimm- oder Tonlagen, die etwas Falsches suggerieren? Das Gleiche gilt natürlich für bestimmte Gesten, die in anderen Kulturen falsch oder sogar beleidigend aufgefasst werden können.

    Als Betrieb sollte man schon wissen, worauf man sich einlässt. Und ich kann es nur wieder betonen: Gerade, wenn es mit der Sprache vielleicht noch nicht so richtig läuft, muss man als Meister einfach Geduld haben. Sie sind ja auch nicht alleine: Es gibt viele Angestellte in ehrenamtlicher oder sogar hauptamtlicher Tätigkeit, die Betriebsleiter in diesen Belangen unterstützen.

  • Welche Faktoren verhindern eine erfolgreiche Integration?

    Was als einer der häufigsten Gründe für eine gescheiterte Integration gilt, ist die Tatsache, dass Menschen mit falschen Vorstellungen oder aufgrund von falschen Versprechungen in ein fremdes Land kommen. Eine Frage, die oft aufkommt, ist: „Wieso soll ich jetzt drei Jahre lang eine Ausbildung machen und dabei wenig verdienen?“ Viele wollen eben sofort anfangen zu arbeiten und das große Geld verdienen. So war ich auch früher. Aber so funktioniert es eben nicht. Das zu verstehen, ist auch ein Teil von Integration.

    Ein weiterer großer Faktor, der Integration verhindert, ist die Sprache. Eben deswegen ist der Betrieb mit seinem Netzwerk von Muttersprachlern als Anlaufstelle ein so wichtiger Faktor bei der Integration.

  • Was kann man als Betriebsleiter konkret tun, um Integration zu fördern? Wie sieht es aus mit Mentorenprogrammen?

    Mit vielen dieser Programme haben wir gute Erfahrungen gemacht. Da gibt es unter anderem die Willkommenslotsen, es gibt die Bildungskoordinatoren, es gibt Integrationskoordinatoren und -begleiter oder Ausbildungsakquisiteure.

    Die Programme können von einer Institution angeboten werden oder von einem sozialen Träger. Dabei wird großer Wert darauf gelegt, die Betriebe und die Azubis gleichermaßen zu unterstützen. Wie genau diese Unterstützung aussieht, unterscheidet sich teilweise stark. Das können zum Beispiel Fördermaßnahmen sein, wie sie die Agentur für Arbeit während und auch vor oder nach der Ausbildung anbietet. Ich kann nur jedem raten, dieses Angebot wahrzunehmen, wenn er die Möglichkeit dazu hat.

  • Was sind die größten Herausforderungen für internationale Teams in mittelständischen Handwerksbetrieben?

    Eine der größten Herausforderungen ist auf jeden Fall zu verstehen, wie man arbeitet. Wichtige Fragen, die man klären muss, sind zum Beispiel: Wie laufen die Arbeitsprozesse in Deutschland im Kontrast zu etwaigen Herkunftsländern ab? Wann fängt man an zu arbeiten? Das ist eine Frage der Mentalität, aber auch der Kultur. Es geht um Dinge wie Kundenberatung und die Erfüllung von Kundenwünschen. Das läuft nicht überall gleich. Das muss man klären und abstimmen.

    Aber auch die Interaktion untereinander spielt in diesem Kontext eine große Rolle. Das Thema Pünktlichkeit wird ja gerade in Deutschland großgeschrieben. Da gibt es dann zum Teil schon kulturelle Verwerfungen. Aber das mit der Pünktlichkeit muss fairerweise jeder in seinem Leben lernen.

  • Welche Chancen sehen Sie auf der anderen Seite für kulturell diverse Teams?

    Am Ende stellt sich immer nur die Frage: Ist es in dieser Form ein harmonisches Arbeiten? Wenn das gewährleistet ist, kommt es meiner Meinung nach nicht darauf an, woher jemand kommt. Man muss allen Leuten gleichermaßen auf Augenhöhe begegnen und Vertrauen aufbauen. Dabei muss man auch Geduld haben. Wenn man aber harmoniert, zurechtkommt, sich vertraut, einander hilft und gut zusammenarbeitet, ist das die beste Ergänzung und die größte Chance überhaupt. Und dann ist es auch völlig egal, aus welchem Erdteil man kommt.

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