Migranten im Handwerk: Multikulti in der Ausbildung

Das Handwerk boomt, der Nachwuchs fehlt: 30.000 offene Ausbildungsstellen meldete der Zentralverband des Deutschen Handwerks im Juni 2019, demgegenüber stehen laut der Agentur für Arbeit 18.800 unversorgte Bewerber, die einen Fluchtmigrationshintergrund haben. Passt doch perfekt! Oder?

Die Situation klingt einfacher, als sie ist, denn: Integration bedarf vor allem von Arbeitgeberseite viel Engagement und lohnt sich erst auf lange Sicht. 

Best Practice: die H. J. Lohmar GmbH in Köln

Wie Integration in der Ausbildung gelingen kann, zeigt die H. J. Lohmar GmbH in Köln, ein Handwerksbetrieb für Heizung, Sanitär und Klimatechnik. Die 71 Mitarbeiter stammen aus elf Herkunftsländern: Deutschland, Gambia, Guinea, Irland, Italien, Kroatien, Polen, Rumänien, Serbien, dem Irak und der Türkei. Multikulturell ist die Zusammensetzung auch bei den Auszubildenden: 2019 haben drei deutsche, ein irakischer, ein italienischer und ein türkischer Lehrling die Ausbildung zum Anlagenmechaniker für Sanitär-, Heizungs- und Klimatechnik bei Lohmar gestartet. Von den insgesamt 14 Auszubildenden haben acht Migrationshintergrund.

Wir haben Patrick Lohmar, der im Familienbetrieb für Personalfragen verantwortlich ist, und den 20-jährigen serbischen Lehrling Aladin Arifovic zum Gespräch getroffen.

Ausländische Auszubildende erfordern Engagement

„Wie alle Handwerksunternehmen suchen wir händeringend nach Mitarbeitern und müssen regelmäßig lukrative Aufträge aufgrund von Kapazitätsengpässen ablehnen“, sagt Patrick Lohmar. Die logische Konsequenz für ihn: Lohmar stellt auch Bewerber ein, die keine Muttersprachler sind. „Vor der ersten Flüchtlingswelle haben wir pro Jahr etwa fünf Bewerbungen erhalten. Mittlerweile hat sich herumgesprochen, dass wir jungen Mitmenschen mit Migrationshintergrund eine Chance geben, um sich zu beweisen. Dieses Jahr waren es knapp 50, die sich für eine Ausbildung bei uns beworben haben.“

Die vermehrte Integration von ausländischen Mitbürgern begann im Jahr 2016 mit der Einstellung von Aladin, der bereits gut Deutsch konnte. Aladin steht mittlerweile kurz vor seiner Abschlussprüfung, seine Duldung wurde gerade um drei Jahre verlängert.

Zu sehen, was man erreicht, macht zufrieden.
Aladin Arifovic, Auszubildender

Aladin ist sehr zufrieden mit seiner Ausbildung: „Anlagemechaniker ist ein vielseitiger Beruf. Ich erledige jeden Tag andere Dinge mit anderen Kollegen und bin viel draußen“, sagt der 20-Jährige, der als Flüchtling aus Serbien mit seiner Mutter und seinem Bruder nach Deutschland kam. „Klar, schlechtes Wetter, Kälte, Regen und Hitze auf der Baustelle können anstrengend sein. Aber am Ende des Tages sieht man, was man erreicht hat, das macht mich zufrieden.“

In seiner Freizeit geht er ins Fitnessstudio, verbringt Zeit mit seinen Freunden und arbeitet auf 450-Euro-Basis an einer Tankstelle, um sich ein Auto leisten zu können. „Ich muss Autofahren üben, damit ich auch das große Firmenauto sicher fahren kann“, begründet er seinen Zweitjob. Seine Motivation ist ganz klar: „Ich habe Ziele im Leben und will etwas erreichen. Serbien bietet nicht so viele Möglichkeiten.“

Deutschkenntnisse und Fleiß machen es möglich

Nach seiner Ankunft in Deutschland hat er in einer Internationalen Förderklasse Deutsch gelernt und seinen Hauptschulabschluss absolviert. Danach bewarb er sich bei 16 Unternehmen und bekam zwei Zusagen. „Eine Firma sagte aber gleich wieder ab, weil sie befürchteten, dass ich abgeschoben werde.“ Ein Glücksfall für die Firma Lohmar, denn Aladin ist sehr fleißig und gut in der Schule: „Wir waren von Anfang an positiv überrascht“, sagt Patrick Lohmar. Sein Rat an andere Unternehmer: „Offener sein. Keine Vorurteile haben. Und Menschen mit Migrationshintergrund eine Chance im Rahmen eines Praktikums geben.“

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Betriebe bekommen viel Unterstützung

„Damit es mit unseren ausländischen Auszubildenden funktioniert, engagieren wir uns mehr als andere Betriebe“, sagt Patrick Lohmar, denn es gibt natürlich auch Nachteile: „An der Sprache hapert es oft. Die Bürokratie ist kompliziert. Und nach der Ausbildung sind viele von der Abschiebung bedroht.“ Deswegen sollte jeder Betrieb mit ausländischen Auszubildenden sich Unterstützung holen.

Für Unternehmen, die den Schritt zur Zusammenarbeit mit Geflüchteten und Menschen mit Migrationshintergrund wagen, gibt es zahlreiche Förderprogramme. Bei Lohmar in Köln sind es ehrenamtliche Experten der Initiative VerA (Verhinderung von Ausbildungsabbruch) der Stiftung Senioren Experten Services. Jeden zweiten Freitagnachmittag können die Lehrlinge freiwillig und in ihrer Freizeit an Nachhilfestunden teilnehmen. Ein Angebot, das auch deutsche Azubis mit schulischen Defiziten nutzen. Wilhelm Schlegel von VerA hilft den Azubis bei ihren Aufgaben in der Berufsschule, bei allgemeinen Fragen oder auch mal bei Behördengängen.

Hilfreiche Adressen für Unternehmer

JOBLINGE ist eine Initiative von Wirtschaft, Staat und Privatpersonen, die jungen Menschen bei der Integration in den Arbeitsmarkt hilft. Seit 2016 wendet sich JOBLINGE mit dem Programm Kompass speziell auch an junge Geflüchtete mit Arbeitserlaubnis. Die Teilnehmenden erarbeiten sich im Sinne von „Hilfe zur Selbsthilfe“ einen Arbeits- oder Ausbildungsplatz. Über passgenaue Qualifizierung in einer sechsmonatigen Startphase, ehrenamtliches Mentoring und Begleitung während der Ausbildung erreicht die Initiative überdurchschnittliche Erfolge – über 70 Prozent der Jugendlichen schaffen den Sprung in das Berufsleben. Weitere Informationen auf joblinge.de.

Die ehrenamtlichen Experten der Initiative VerA (Verhinderung von Ausbildungsabbruch) der Bonner Stiftung Senioren Experten Service unterstützen junge Flüchtlinge während ihrer Ausbildung mit Deutschkursen und Nachhilfestunden oder helfen bedarfsgerecht, zum Beispiel auch bei Behördengängen. Weitere Informationen auf ses-bonn.de.

Seit 2016 unterstützen sogenannte Willkommenslotsen kleine, mittlere und seit 2017 auch große Unternehmen bei der Besetzung von offenen Ausbildungs- und Arbeitsstellen mit Geflüchteten. Willkommenslotsen unterstützen Unternehmen als zentrale Stelle bei allen Fragen rund um die Integration von Geflüchteten in Ausbildung, Praktikum oder Beschäftigung. Sie sind an rund 110 Handwerkskammern, Industrie- und Handelskammern, Kammern der freien Berufe sowie weiteren Organisationen der Wirtschaft angesiedelt und damit regional gut erreichbar. Weitere Informationen auf bmwi.de/willkommenslotsen.

Viele hilfreiche Infos und Adressen finden interessierte Unternehmen auch auf erfolgreich-integrieren.de, einem gemeinsamen Web-Angebot von der Bundesvereinigung der Deutschen Arbeitgeberverbände (BDA), dem Bundesverband der Deutschen Industrie e.V. (BDI), dem Zentralverband des deutschen Handwerks (ZDH) und der Bundesagentur für Arbeit.

Integration bringt Spaß

Wie eine Herausforderung zu einer echten Chance werden kann, zeigt Lohmar vorbildlich, denn vom frischen Wind im Betrieb profitieren alle 14 Lehrlinge: Es gibt ein neues Azubi-Konzept, ein Lernzimmer, Sonderkurse in der Innung – und eine Chill-out-Lounge. Schließlich soll eine Berufsausbildung Spaß machen! Auch Aladin ist rundum zufrieden und möchte nach der Lehre bei Lohmar bleiben und sich weiterbilden. Sein Rat an andere junge Migranten: „Lernt schnellstmöglich Deutsch. Das geht am besten, indem ihr im Alltag immer und überall Deutsch sprecht. Im Handwerk ist man außerdem gut aufgehoben, denn es kommt dort zwar auch auf die Sprache an, aber eben nicht hauptsächlich.“

Drei Fragen an Kadim Tas, Vorstand der JOBLINGE

  • Welche besonderen Fähigkeiten bringen geflüchtete Menschen mit?

    Junge Menschen mit Fluchthintergrund sind meist stark motiviert. Noch dazu bringen sie oft Vorerfahrungen mit. Mit weit über 100 Berufen bietet das Handwerk vielfältige Chancen für Menschen mit allen Interessen und Talenten. Die handwerkliche Branche eröffnet daher zahlreiche und mit die besten Möglichkeiten zur Arbeitsmarktintegration.

  • Wie gelingt Integration auf dem Arbeitsmarkt?

    Unternehmen sollten mit einer Zielgruppe beginnen, die nicht so weit weg ist, beispielsweise mit Migranten, die erste Deutschkenntnisse mitbringen, und Schritt für Schritt weitergehen. Wichtig ist es zudem, sich zu kümmern, Interesse zu zeigen und sie zu unterstützen, etwa mit einem Mentor innerhalb der Firma. Und bei Konflikten können interkulturelle Trainings für Unternehmer sehr hilfreich sein – bieten wir beispielsweise bei JOBLINGE an.

  • Und der Lohn der Mühen?

    Wenn das Sprachdefizit überwunden ist und die Lernvoraussetzungen gegeben sind, ist alles möglich. Es macht unheimlich viel Spaß positiv mitzugestalten. Zeuge einer Persönlichkeitsentwicklung zu werden, ist einfach erfüllend!

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