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Kaufsucht-Symptome: Wann wird Shopping-Spaß zum psychischen Problem?

Wer kauft, gewinnt: Das vermitteln zumindest Fernsehsendungen, Werbeslogans oder regelmäßige Schnäppchen-Tage wie der Black Friday. Doch wer im Rausch der Schnäppchenjagd die Kontrolle verliert, kann in eine Kaufsucht abrutschen.

Am 27. November versinkt jedes Jahr aufs Neue nahezu die ganze Welt im Kaufrausch. Schließlich ist an diesem Tag Black Friday, an dem sowohl im Online- als auch Einzelhandel satte Rabatte zum Kaufen verführen. Dann ist es nicht ungewöhnlich, dass manch einer mal etwas mehr in den Einkaufswagen packt als eigentlich nötig – und das ein oder andere geschossene Schnäppchen im Nachhinein bereut.

Die meisten Menschen kennen dieses Gefühl. Einige jedoch öfter als ihnen lieb ist: Denn der Rausch der Schnäppchenjagd kann gefährlich werden. Wer mit dem Glücksgefühl, ein besonderes Angebot ergattert zu haben, negative Erfahrungen kompensieren will, kann in den Sog der Suchtspirale geraten. Kaufsüchtige erwerben Dinge unter innerem Zwang.

Kaufsucht ist ein ernstzunehmendes Problem, das Betroffene in den finanziellen Ruin und soziale Isolation treiben kann. Doch wo beginnt die Sucht, welche Auslöser gibt es und wie bekommt man sie in den Griff?

Was ist Kaufsucht?

Hinter dem pathologischen Kaufen steckt eine Sucht mit vergleichbaren Symptomen und Folgen einer substanzgebundenen Abhängigkeit. Allerdings ist Kaufsucht ebenso wie Arbeitssucht nicht eindeutig klassifiziert: In der Internationalen Klassifikation der Krankheiten ICD-10, die von der Weltgesundheitsorganisation WHO herausgegeben wird, ist sie nicht aufgeführt. Oft wird sie daher als Störung der Impulskontrolle diagnostiziert – substanzungebundene Abhängigkeiten gibt es im weltweit anerkannten Klassifikationsrahmen ICD-10 nicht.

Nicht die Einnahme von Rauschmitteln wie Alkohol, Nikotin oder anderen Drogen geben dabei den "Kick". Der Kauf an sich füttert das Belohnungszentrum im Gehirn. Dabei spielt es keine Rolle, ob man die neue Technik, die modische Kleidung oder die trendigen Möbelstücke wirklich braucht: Die Produkte bleiben nach dem Kauf oft verpackt und werden versteckt, landen im Müll oder werden zurückgeschickt. Manchmal finden Kaufsüchtige nach einiger Zeit Dinge, von denen sie nicht mehr wissen, dass sie diese Sachen besitzen. Im Extremfall entwickeln Kaufsüchtige das Messie-Syndrom.

Auch die Nachwirkungen des Kaufrauschs ähneln denen anderer Süchte: innere Leere, Scham, Enttäuschung, Selbstmitleid sowie das Gefühl von Hilflosigkeit und Kontrollverlust. Um diese negativen Gefühle wieder auszugleichen, gehen Betroffene erneut auf Shopping-Tour, und schnell befinden sich Kaufsüchtige in einer Abwärtsspirale und verlieren die Kontrolle. Sie müssen immer und immer wieder kaufen, um Probleme in anderen Lebensbereichen zu vergessen und Stress zu bewältigen – aber eben auch Rechnungen bezahlen.

Fakten über Kaufsucht

  • Der Fachausdruck für Kaufsucht lautet Oniomanie, abgeleitet von dem altgriechischen Begriff "onios", was "zu verkaufen" bedeutet.

  • Kaufsucht gilt nicht als eigenständige Suchterkrankung und wird oft zu den Zwangs- oder den Impulskontrollstörungen gezählt

  • Einer Studie zufolge sind immer mehr Menschen Kaufsucht-gefährdet. Demnach wurden in den neuen Bundesländern im Jahr 2001 etwa 6 Prozent der Bevölkerung als stark Kaufsucht-gefährdet identifiziert, in den alten Bundesländern etwa 8 Prozent. 1991 waren es 5 Prozent in West- und nur 1 Prozent in Ostdeutschland.

    Link zur Studie (Bundeszentrale für politische Bildung)
  • Die Dunkelziffer ist groß, da Kaufsucht nicht eindeutig klassifizierbar, die Grenze zwischen "viel" und "zu viel" nicht eindeutig zu ziehen und die Hemmschwelle für Betroffene hoch ist, sich Hilfe zu suchen.

  • Frauen kaufen überwiegend Mode, Schmuck und Lebensmittel; Männer greifen zu Technik-Produkten und Mode.

Ursachen des Kaufzwangs

Wie auch bei manchen Abhängigkeiten lässt sich der Kaufzwang nicht an einem bestimmten Auslöser festmachen. Hier kommt es auf individuelle Persönlichkeitsmerkmale und Lebenserfahrungen an, die oft schon in der Kindheit gemacht werden. Ein geringes Selbstwertgefühl spielt eine entscheidende Rolle, denn dieses können Betroffene durch das Anhäufen von Besitz erhöhen und rutschen so schneller in die Sucht ab.

Besonders aus dem Verkaufsgespräch ziehen sie Selbstbewusstsein: Die persönliche Beratung gibt Kaufsüchtigen das Gefühl, etwas Wert zu sein, denn jemand nimmt sich Zeit für sie und geht auf ihre Interessen ein. Insofern kann eine Depression sogar Ursache einer Kaufsucht sein, denn das Shopping-Erlebnis kompensiert damit verbundene negative Emotionen oder mangelndes Selbstwertgefühl. In jedem Fall bessert sich durch das Kaufen die Laune – allerdings nur kurzzeitig.

Mann mit Kopfhörern entspannt bei einem Online-Kurs. © iStockphoto

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Individuelle und gesellschaftliche Faktoren und Bedingungen

Aber welche Faktoren begünstigen eine Kaufsucht genau? Warum bringt den Betroffenen das Kaufen diesen Kick, und warum bessert dieser überhaupt ihr Selbstwertgefühl auf? In einem Beitrag für "Aus Politik und Zeitgeschichte", dem Magazin der Bundeszentrale für politische Bildung, sehen die Autoren die Ursachen in der Erziehung und in gesellschaftlichen Bedingungen.

Wer in der Kindheit oft keine emotionale Nähe erlebt, findet in Materiellem Alternativen, ohne die problematische Situation ändern zu können. Ein ungesunder Bezug zu Materiellem kann sich auch bei Personen entwickeln, die mit Konsumgütern überschüttet oder mittels Materiellem belohnt und bestraft werden. Das alles begünstigt eine Kaufsucht, denn Geschenke und Produkte erhalten für Betroffene einen überhöhten Stellenwert.

Eine Kaufsucht wird begünstigt, wenn Betroffene unzufrieden mit ihrer Situation sind, meinen diese nicht ändern zu können und Glücksgefühle nur in Form von Geschenken kennen und diese später auch über Selbstgeschenke empfinden lernen.

Kaufsucht kommt insbesondere in Gesellschaften vor, in denen Konsum ein wichtiger Bestandteil ist, die eigene soziale Position nach außen zu tragen. Wer zum Beispiel teure Uhren trägt und Autos fährt, vermittelt nach außen Stabilität. Denn Luxusprodukte können sich nur Personen in höheren Jobs, mit gutem Einkommen und in sicheren Lebensverhältnissen leisten.

Somit lädt der Erwerb dieser Dinge dazu ein, die eigene gesellschaftliche Position künstlich aufzuwerten: Denn mithilfe von bestimmten Produkten kann man einen Status demonstrieren, für den man gesellschaftliche Anerkennung bekommt – den man aber eigentlich gar nicht innehat.

Kaufsucht-Symptome: Wann wird das Shopping zur Sucht?

Für Außenstehende ist ein Kaufzwang kaum zu erkennen. Denn im Gegensatz zu Alkoholmissbrauch, Drogenkonsum oder exzessivem Glücksspiel gilt Shopping sogar als gesellschaftlich legitime Freizeitbeschäftigung. Außerdem kann man rund um die Uhr unbemerkt online shoppen. 

Zwang: Wer an einer Kaufsucht leidet, hat sein Shopping-Verhalten nicht unter Kontrolle: Es wird geshoppt, ohne es zu wollen. Der Zwang, etwas erwerben zu müssen, ist eines der stärksten Kaufsucht-Symptome. Die Betroffenen nehmen sich vor, nichts zu kaufen und tun es letztendlich doch. Oft kaufen sie sogar Dinge, obwohl sie wissen, dass sie es gar nicht leisten können. Die persönlichen Interessen drehen sich nur noch um das Kaufen, nichts anderes ist mehr befriedigend.

Entzug: Wie bei Abhängigkeiten leiden Betroffene unter bestimmten Entzugserscheinungen, sobald sie nicht mehr einkaufen. Diese drücken sich nicht nur in schlechter Laune und depressiven Verstimmungen aus: Auch Schlafstörungen, innere Unruhe, Kopfschmerzen, Tinnitus und andere psychosomatische Symptome können auftreten.

Folgen des Kaufzwangs

Die Auswirkungen der Kaufsucht erstrecken sich auf mehrere Ebenen. Zudem sind Auslöser, Symptom und Folge oft deckungsgleich: Eine Depression beispielsweise kann eine Kaufsucht sowohl auslösen als auch Anzeichen oder Folgeerscheinung sein.

  • Schulden

    Betroffene entwickeln eine Toleranz: Um den Rausch zu erleben, müssen Betroffene in immer kürzeren Abständen kaufen, meist auch immer teurere Produkte. Das hat oft eine hohe Verschuldung zur Folge: Das eigene Gehalt reicht nicht, um der Sucht nachkommen zu können, es werden Kredite aufgenommen oder sich Geld bei Familie, Freunden oder Arbeitskollegen geliehen.

  • Soziale Isolation

    Kaufsüchtige erfahren positive Emotionen nur noch durch das Kaufen. Soziale Beziehungen werden dadurch immer weniger wichtig oder zur Belastung, wenn es zu Streit wegen der Schulden kommt. Auch wer sich für das eigene Verhalten schämt, kapselt sich ab. Die Folge ist soziale Isolation: Partnerschaften scheitern, der Kontakt zur Familie bricht ab und auch der Job wird in Mitleidenschaft gezogen.

  • Psychische Belastungen

    Betroffene leiden unter Entzugserscheinungen, die sich vor allem in vielschichtigen psychischen Belastungen ausdrücken. Zu schweren Depressionen und Scham- und Schuldgefühlen gesellen sich häufig auch Selbsthass, das Gefühl von Hilflosigkeit und die Angst vor Rückfällen.

Das kann jeder selbst tun: Maßnahmen gegen Kaufsucht

Die Kaufsucht erkennen, Beratungsgespräche führen und professionelle Hilfe einholen, ist ein guter Weg, aus dem zwanghaften Verhalten herauszufinden. Wer gefährdet ist, kann im Alltag schon mit kleinen Mitteln das Risiko stark minimieren.

  • Mit Bargeld einkaufen: Bargeld vermittelt den Eindruck etwas Materiellem mit Wert und dass man es beim Ausgeben verliert.

  • Kreditkarten vermeiden: Kartenzahlungen verführen, da nichts Physisches ausgegeben wird. Kreditkarten sind problematisch, da die Abrechnung nach hinten verschoben wird.

  • Das Shoppen durch neue Hobbys ersetzen: regelmäßig mit Freunden treffen, im Sportverein anmelden.

  • Unruhezustände, Sorgen, Ängste durch Sport und Bewegung lindern.

  • Entspannungsmethoden wie Yoga, autogenes Training oder Meditation helfen gegen akute, zwanghafte Gedanken.

  • Sich guten Freunden und engen Verwandten anvertrauen und offen über die Kaufsucht sprechen.

Zwei Hände mit rot lackierten Fingernägeln tippen auf einer Tastatur. © Stocksy

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Raus aus der Kaufsucht: Therapie gegen Kaufzwang

Der Kaufsucht hängt das gleiche Vorurteil wie anderen Süchten an: Den Betroffenen wird suggeriert, sie müssten sich einfach nur zusammenreißen. Wer nicht einkaufen will, der soll es eben nicht tun. Wie bei einer Alkohol-, Drogen- oder Spielsucht ist das allerdings nicht so einfach. Schließlich ist unsere Gesellschaft auf Konsum ausgelegt. Werbungen, Schnäppchen und Einkaufsmeilen locken überall. Hinzu kommt, dass Online-Shopping im Internet eine Kaufsucht wesentlich erleichtert und dadurch befeuern kann.

Professionelle Hilfe und Behandlung

Eine Sucht ist ganz allein kaum zu bewältigen. Betroffene sollten Hilfsangebote aufsuchen und frühzeitig Kontakt mit entsprechenden Beratungsstellen aufnehmen.

  • Beratung suchen

    Ein Schritt kann Beratung oder eine Selbsthilfegruppe sein, die in den meisten größeren Städten angeboten werden. Auf der Website der Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung finden Sie eine Online-Datenbank der Beratungsstellen bei Suchtproblemen.

    Zur BZgA-Website
  • Hilfe über NAKOS finden

    Auch in der Datenbank der Nationalen Kontakt- und Informationsstelle zur Anregung und Unterstützung von Selbsthilfegruppen (NAKOS) finden Sie unter dem Stichwort "Kaufsucht" und unter Angabe Ihrer Wohnregion Hilfeeinrichtungen in Ihrer Nähe.

    Zur Datenbank von NAKOS
  • Hilfe des Deutschen Roten Kreuzes

    Auch das Deutsche Rote Kreuz (DRK) bietet Hilfe an. Hier gibt es auch eine Hotline, die kostenlos und rund um die Uhr zur Verfügung steht:
    08000 365 000.

    Zur DRK-Website
  • Verhaltenstherapie

    Ist die Kaufsucht nicht in den Griff zu bekommen, kann eine Psychotherapie helfen, um aus dem Teufelskreis auszubrechen. Zusammen mit einem Therapeuten können individuelle Auslöser enttarnt und alternative Verhaltensweise trainiert werden.

Download: Kaufsucht-Selbsttest

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