Liebe in Zeiten der Digitalisierung

Jeder sechste Deutsche geht heute auch online auf die Suche nach der großen Liebe. Denn die Partnersuche im Netz bietet unfassbare Möglichkeiten. Das Internet erweitert unseren Spielraum für Liebe, Sex und Partnerschaft immens.

Dating 2.0: Die Liebe übers Internet finden

Der großen Liebe zu begegnen und mit ihr eine glückliche Partnerschaft zu führen, ist für viele Menschen in unserem Kulturkreis einer der wichtigsten Faktoren für das persönliche Lebensglück. Nach wie vor gibt es viele Partnerschaften, die im Freundeskreis oder am Arbeitsplatz geschlossen werden, aber das Internet spielt eine immer wichtigere Rolle. Schätzungen zufolge gibt es mittlerweile ca. 2.500 Dating-Portale, wo man in abertausenden Profilen nach Wunschpartnern Ausschau halten kann.

Es gibt sogenannte Social-Dating-Plattformen zum unverbindlichen Chatten und Flirten, aber auch seriöse Partnervermittlungen, die bei der zielgerichteten Suche nach der großen Liebe eingesetzt werden. Und unverbindlicher Sex war nie einfacher zu bekommen – Casual-Dating sei Dank! Das Internet füllt nahezu jede Nische: mit Seiten für mollige Singles und paarungswillige Vegetarier. Die Digitalisierung bringt Menschen mit gleichen Interessen via Algorithmus zusammen und das sogar auf globaler Ebene.

Hierzulande wird die Zahl der aktiven Nutzer auf rund zwölf Millionen geschätzt, das heißt, jeder sechste Deutsche geht für die Partnersuche online.

Unabhängig von Zeit und Raum

Es gab noch nie so viele und weitreichende Möglichkeiten, um sich zu verbinden, zu verbandeln und die große Liebe zu finden. Das große Versprechen, das Onlinedating definitiv hält, ist „die Überwindung von Zeit und Raum. Das Internet ermöglicht Begegnungen, die sonst nie stattgefunden hätten“, so Dr. Wera Aretz, Professorin für Wirtschaftspsychologie an der Kölner Hochschule Fresenius. Sie forscht über Onlinedating und Partnerbörsen, um der Frage nachzugehen wie das Internet Beziehungen beeinflusst.

Wer profitiert von Online-Dating?

Alles, was Menschen auf der Suche nach der großen Liebe voneinander fernhält (Job, Ort, Lebensumstände), kann durch das Internet überwunden werden. Es gibt unterschiedliche Nutzergruppen, die davon besonders profitieren

  • Menschen, die beruflich stark eingespannt sind, können jede noch so kleine zeitliche Lücke für Onlinedating nutzen.

  • Alleinerziehende können sich dank des Internets unabhängig von Zeit und Raum auf Partnersuche begeben.

  • Wer in eine neue Stadt umzieht, profitiert ebenfalls vom Onlinedating. Man kann sich bereits vor dem Umzug mit neuen Menschen vernetzen.

  • Jeder Reisende, ob beruflich oder privat, kann das Internet als Kontaktbörse nutzen. Wer bei Dating-Portalen wie Tinder, Zoe & Co. seinen kostenlosen Account per Paypal aufstockt, kann mit Frauen und Männern auf der ganzen Welt in Kontakt treten.

Hat man den Partner fürs Leben schließlich gefunden, kann man die Beziehung dank des Internets kreativ gestalten und am Leben erhalten. Die Liebe auf Distanz gibt es nicht mehr, sogar in Fernbeziehungen kann Nähe hergestellt werden, per Facetime oder Skype, über Live-Videos und Sprachnachrichten. Liebende schreiben sich per iMessage, WhatsApp oder Snapchat und verschicken Audio-Dateien. Liebesgeständnisse werden gepostet, kommentiert und geteilt.

Wer heute liebt, hat unendliche Möglichkeiten, dem anderen seine Zuneigung multimedial zu zeigen. Doch obwohl sich sexuelles Begehren, Anerkennung und Bestätigung nie leichter kommunizieren ließen als heute, ist gerade die mangelnde Aufmerksamkeit einer der häufigsten Gründe für Seitensprünge.

Gefühle, Gedanken, Gerüche – Was beim digitalen Verlieben im Körper passiert

Auf die Frage, ob Gefühle über das WLAN überhaupt übertragbar sind, hat die Professorin und Diplompsychologin Dr. Wera Aretz eine eindeutige Antwort: „Ja, klar! Personen, die Onlinedating praktizieren, entwickeln oft noch schneller Emotionen für ihr Gegenüber, da dieses Medium sehr projektiv ist.

Für die Entwicklung von Emotionen ist nämlich vor allem die Bewertung einer Person entscheidend, nicht ihre physische Präsenz. Und mitunter wird eine Person im virtuellen Kontext besser eingeschätzt als im Face-to-Face-Kontakt.“ Die eigenen Wünsche und Vorstellungen kann man also in eine virtuelle Person legen. Ein Grund dafür, so Prof. Aretz, ist die sogenannte „erhöhte private Selbstaufmerksamkeit. Man sitzt alleine vor dem Handy oder Rechner und kommuniziert mit dem Gegenüber.

In dieser Zeit ist die Aufmerksamkeit auf sich selbst sehr hoch, man ist allein mit seinen Gedanken und Gefühlen.“ Also machen sich intensivere Gefühle, Hoffnungen und Vorstellungen breit, als es bei einem realen Date vielleicht der Fall wäre. „Deshalb“, so die Psychologin, „ist es umso wichtiger, das erste Date mit einer Online-Bekanntschaft möglichst bald nach einem positiven Erstkontakt in die Realität zu überführen.“

Beim Onlinedating entwickeln sich Emotionen oft noch schneller, da dieses Medium sehr projektiv ist.
Prof. Dr. Wera Aretz

„Ein weiterer Grund, der für ein zeitnahes, reales Treffen spricht, ist das Ausbleiben verschiedener Sinnesreize beim virtuellen Kontakt. Olfaktorische Reize, Körpersprache und die Stimme machen die Informationen im Face-to-Face-Kontakt viel reichhaltiger und können den Eindruck stark prägen. Man sollte also schnell überprüfen, ob man jemanden auch in der Realität attraktiv und weiterhin interessant findet. Stimmt die Passung in der Realität, dann ist es relativ egal, wo man sich kennengelernt hat“, so Prof. Aretz.

Das perfekte Match – Alter und Bindungswille sind ausschlaggebend

Soweit die Theorie, aber wie haltbar ist die Liebe aus dem Netz? Eine Befragung von 20.000 US-Amerikanern will bereits 2013 herausgefunden haben (Caccioppo et al. 2013), dass Paare, die sich online kennengelernt hatten und später heirateten, eine höhere Ehezufriedenheit und weniger frühe Scheidungen aufwiesen als jene, die sich auf traditionellem Wege kennengelernt hatten.

Zu schön, um wahr zu sein. Professor Dr. Aretz sieht derartige Studien kritisch, weil sie meist von großen Partnervermittlungen beauftragt wurden. „Onlinedating ist nicht gleich Onlinedating und es gibt eine Vielzahl verschiedener Angebote. Partnervermittlungen setzen auf das sogenannte Match-Making-System und versuchen passende Partner zusammenzuführen“, so Aretz. Ob eine Partnerschaft hält, ist von einer Vielzahl an Faktoren abhängig. „Neben der Frage der gegenseitigen Anziehung  spielt auch das Alter und der Bindungswille der Probanden eine Rolle. Und gerade bei kostenpflichtigen Partnervermittlungen tummeln sich oftmals Onlinedater in einem heiratswilligen Alter und mit Bindungswillen.“

Problematische psychologische Dating-Phänomene

Selbstverständlich hat die Partnersuche im Netz auch ihre Tücken. Traurige psychologische Phänomene wie Ghosting und Benching sind der Unverbindlichkeit des Mediums Internet geschuldet.

  • Ghosting

    Beim Ghosting zum Beispiel stellt sich einer der beiden Kommunikationspartner plötzlich tot, antwortet nicht mehr auf Nachrichten und ist nicht mehr erreichbar.

  • Benching

    Beim Benching wird der Kontakt zwar gehalten, aber nur unverbindlich.

  • Choice-Overload-Effekt

    Der Choice-Overload-Effekt stellt sich durch die riesige Auswahl beim Onlinedating ein. Viele Nutzer haben das Gefühl, dass nach dem nächsten Wisch noch was Besseres kommen könnte. Außerdem macht sich eine gewisse Unruhe breit, ob die kurzfristige Entscheidung, die man getroffen hat, auch die richtige war.

Derartige Verhaltensweisen kratzen immer am Selbstbewusstsein und schlagen bei manch einem sogar auf die Psyche. Wera Aretz erklärt, wie es dazu kommt: „Die Motive beim Onlinedating sind oft unterschiedlich. Der eine will nur seinen Marktwert testen, der andere aber ist auf der Suche nach dem Partner fürs Leben. Vor allem Social-Dating hat etwas sehr Spielerisches, aber auch sehr Oberflächliches.“ Dabei kann sogar eine Art Shopping-Mentalität entstehen. „Männer verweilen durchschnittlich fünf Sekunden auf einem Profil dieser Art, Frauen tendenziell etwas länger, weil sie in den Profiltexten nach Informationen suchen“, so die Diplompsychologin.

Eine negative Folge von Onlinedating, mit dem sich die Forschung beschäftigt, ist daher auch der sogenannte Choice-Overload-Effekt, der seinen Namen übrigens den Einkäufen in Supermärkten mit einem unübersichtlichen Überangebot zu verdanken hat. Wer schon mal eine Packung Milch in einem amerikanischen Walmart kaufen wollte, weiß, was gemeint ist. Wenn man ganz viele Alternativen zur Verfügung hat, kann man sich insgesamt schwerer entscheiden und ist hinterher mit der getroffenen Entscheidung unzufriedener, erläutert die Diplompsychologin.

Wer Phänomenen wie Ghosting und Benching vorbeugen will, sollte das für die eigenen Bedürfnisse passende Partnerportal aufsuchen und auch in der Profilbeschreibung recht deutlich werden. Aber auch das schützt nicht zu 100 Prozent vor oberflächlichen Kontakten oder plötzlichen Kontaktabbrüchen.

Status Quo: Das biologische Alter steigt, der Bindungswille nimmt zu

Die Professorin aus Köln ist aber dennoch zuversichtlich, was die Liebe angeht. Die Heiratsstatistiken sprechen eine klare Sprache für die Verbindlichkeit in Beziehungen: Tendenz steigend! Was die Statistiken sonst noch verraten: Das Alter derjenigen, die heiraten, steigt von Jahr zu Jahr. Beziehungsrollen und -muster verändern sich. Früher heiratete man mit 18, bekam Kinder und das war's. In Köln ist die durchschnittliche Erstgebärende laut Statistik 32 Jahre alt. Ausbildungswege und Qualifikationsniveaus verändern sich und verschieben so den Zeitpunkt der festen Bindung nach hinten. „Heute toben sich die Menschen erst mal aus, finden dann aber trotzdem zusammen, um ihr Leben gemeinsam und verbindlich zu verbringen.“

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