Social Media begleitet dich jeden Tag – beim Aufstehen, in der Pause, abends im Bett. Was du dabei oft nicht merkst: Dein Feed beeinflusst, wie du über deinen Körper denkst. Gerade auf TikTok verbreiten sich Inhalte, die den Magerwahn schönreden. Warum diese Videos so problematisch sind, welche Mechanismen dahinterstecken und wie du Warnsignale erkennst, erfährst du hier.
Essstörungen durch Social Media? Wie TikTok zu Magersucht führen kann
Hand aufs Herz: Hast du dir auch schon mal Schlankheitstipps auf TikTok angesehen? Kennst du selbst den Druck, einem bestimmten Körperbild entsprechen zu müssen? Das kann schnell gefährlich werden. Warum, erfährst du in diesem Artikel. Hier erzählt unter anderem eine junge Frau, wie Social Media ihr Essverhalten beeinflusste – und wie sie zu einem gesunden Umgang mit ihrem Körper gefunden hat.
Was steckt hinter den Magerwahn-Videos?
Du willst eigentlich nur kurz durch TikTok scrollen. Dir ein paar Videos zur Ablenkung angucken, dir vielleicht etwas Fitness-Inspiration holen oder neue Rezepte entdecken. Schnell fällt dir auf: In deinem Feed tauchen immer mehr Menschen mit extrem schlanken Körpern auf. Frauen und Männer, die scheinbar mühelos diszipliniert essen, viel trainieren und ihren Alltag komplett unter Kontrolle zu haben scheinen.
Viele dieser Videos wirken zunächst motivierend oder sogar gesundheitsorientiert. Die Influencerinnen und Influencer sprechen über „Clean Eating“, Selbstoptimierung oder mentale Stärke. Gleichzeitig geht es auffallend oft darum, möglichst wenig zu essen, Hunger auszuhalten oder den eigenen Körper immer weiter zu verändern.
„Man ist plötzlich umgeben von extrem schlanken Körpern und bekommt das Gefühl, das sei die Realität“, sagt Anna-Lena Kaufmann, Kinder- und Jugendlichenpsychotherapeutin, Fachtherapeutin für Essstörungen.
Das Problem: Du vergleichst dich nicht mehr mit echten Menschen im Alltag, sondern mit Körpern, die gefiltert, bearbeitet und vermeintlich optimiert wurden. Denn Gesichtszüge, Taillenumfang, Beinlänge, Hautstruktur und vieles mehr lassen sich mit nur wenigen Klicks manipulieren. „Es wird ein Ideal verkörpert, das extrem schlanke Körper als Maßstab setzt – verbunden mit Aussagen wie: Du musst nur diszipliniert genug sein“, erklärt die Expertin weiter.
Videos mit solchen Inhalten kursieren bei TikTok oft unter speziellen Hashtags mit dem Zusatz „skinny“. Weil die Magerwahn-Inhalte sehr gefährlich sind, wurde der früher weit verbreitete Hashtag #skinnytok bereits im Juni 2025 von Plattformen gesperrt. Die Videos selbst sind jedoch nicht verschwunden – sie erscheinen heute lediglich ohne klare Kennzeichnung und lassen sich deshalb schwerer erkennen. Wirkungsvoll sind sie dennoch.
Der Einfluss von TikTok auf Schönheitsideale
Forscherinnen und Forscher aus Australien haben sich den Trend genauer angesehen und eine Studie mit weiblichen TikTok-Nutzerinnen zwischen 18 und 28 Jahren durchgeführt. Eine Gruppe sah sich harmlose Inhalte wie Rezepte oder Naturvideos an. Die andere Gruppe bekam sogenannten Pro-Ana-Content ausgespielt. Damit sind Videos gemeint, in denen extremes Dünnsein gefeiert, Essen abgelehnt und Hungern verherrlicht wird. Pro-Ana ist die Abkürzung für Pro-Anorexia nervosa, also für Magersucht.
Die Ergebnisse der Untersuchung waren erschreckend: Schon wenige Minuten mit den problematischen Inhalten konnten die Zufriedenheit der Nutzerinnen mit dem eigenen Körper deutlich senken. Das galt sogar für Mädchen und Frauen, die vorher keine Essstörung hatten. Diese Körperunzufriedenheit gilt als ein zentraler Risikofaktor für die Entwicklung von Essstörungen.
Das Problem ist, dass die Inhalte oft unterschwellig eine klare Botschaft darüber vermitteln, welcher Körper als erstrebenswert gilt. So verändern sie Schritt für Schritt, was dir als „normal“ oder wünschenswert erscheint – und wie du den eigenen Körper bewertest. Die Folge: eine verzehrte Wahrnehmung deines Körperbildes und das permanente Gefühl, nicht dem Ideal zu entsprechen – und daher selbst nicht zu genügen.
Warum vor allem junge Menschen betroffen sind
Dass vor allem Jugendliche und junge Erwachsene zwischen etwa zwölf und 25 Jahren anfällig für solche Inhalte sind, liegt daran, dass sich das eigene Selbstbild in dieser Lebensphase noch entwickelt. Anders formuliert: Du findest in dieser Zeit erst allmählich heraus, wer du bist, was dir wichtig ist – und auch, wie du lernst, dich in deinem Körper wohlzufühlen. Deshalb können Kommentare, Likes oder Vergleiche dich noch stark beeinflussen. Wenn Gewichtsverlust online mit Komplimenten gefeiert wird, fühlt sich das schnell wie Anerkennung an. Genau das kann problematisch sein: Etwas, das deinem Körper oder deiner Psyche schadet, bekommt plötzlich Applaus.
„Wenn Jugendliche abnehmen und dafür positive Rückmeldungen bekommen, verstärkt dies das problematische Verhalten enorm“, bestätigt Anna-Lena Kaufmann. Gerade TikTok-Inhalte wirken hier wie Öl, das ins Feuer gegossen wird. Dabei fällt oft gar nicht auf, dass viele Bilder und Videos inszeniert, bearbeitet oder bewusst gestaltet werden, um perfekt zu erscheinen. Licht, Posen, Filter, Schnitt – all das verändert, wie ein Körper wirkt. Was wie Realität aussieht, ist fast immer eine optimierte Darstellung.
Welche Wirkung diese Inhalte entfalten können, beschreibt uns eine Betroffene, die anonym von ihren Erfahrungen erzählt. Die 20-Jährige ist seit einigen Jahren wegen ihrer Essstörung in Therapie. Ihre Einordnung macht deutlich, wie problematisch der Trend ist.
„Ich merke, dass mich dieser TikTok-Trend mehr beschäftigt, als ich zuerst gedacht habe. Rational kann ich das alles total kritisch einordnen und sehe, wie gefährlich das ist. Aber emotional löst es trotzdem etwas in mir aus – auch nach fünf Jahren fachspezifischer Therapie und mit fast 21 Jahren. Es aktiviert alte Gedanken und einen starken Vergleichsdruck. Ein Teil von mir ist wütend darüber, wie Essstörungen in solchen Videos normalisiert werden, gleichzeitig fühlt sich ein anderer Teil noch immer davon angezogen. Das macht mir manchmal Angst, weil ich Sorge habe, gedanklich wieder abzurutschen.“
Besonders beschäftigt die 20-Jährige dabei nicht nur ihre eigene Reaktion, sondern auch die Frage, wie sehr die problematischen Inhalte normalisiert werden: „Das macht mir ehrlich Sorge, wenn ich an jüngere Menschen denke, die noch viel früher damit konfrontiert werden und vielleicht noch gar keine Distanz oder Einordnung haben und sich das, was sie sehen, als Vorbild nehmen“, sagt sie.
„Ich weiß, wie schnell sich solche Ideale festsetzen können und wie gefährlich das sein kann. Vielleicht macht mich das auch deshalb so wütend, weil ich weiß, wie tief solche Bilder gehen können und wie lange man braucht, um die daraus entstehenden Glaubenssätze wieder zu entlernen.“
„Essstörungen gehen nicht zwingend mit einer Abnahme des Körpergewichts einher. Sie sind eine Krankheit, die sich im Kopf abspielt“, betont die Expertin. Auch bei normalem Gewicht müsse man Verhaltensänderungen deshalb ernst nehmen.
Das geschulte Fachpersonal hilft dir dabei, einzuordnen, wie ernst die Situation ist und welche Maßnahmen als Nächstes sinnvoll sind.
„Viele Betroffene denken, sie sind nicht krank genug“, sagt die Therapeutin. „Doch schon belastende Gedanken rund um Essen, Gewicht und Figur sind Grund genug, sich Unterstützung zu holen.“ Wichtig ist: Du musst das nicht allein schaffen – es ist kein Zeichen von Schwäche, Hilfe anzunehmen, sondern von Stärke.
Fazit
Problematische Schlankheitsinhalte in sozialen Medien sind oft schwer zu erkennen, weil sie sich als Motivation oder gesunder Lifestyle präsentieren. Gleichzeitig können sie bei dir den Druck erhöhen, einem unrealistischen Körperideal entsprechen zu müssen.
Je besser du lernst, auf die Warnsignale deines Körpers und deiner Gefühle zu achten, desto leichter fällt es dir, dir rechtzeitig Unterstützung zu holen. So kannst du dich schützen und dein Wohlbefinden wieder in den Mittelpunkt stellen – statt dich von äußeren Erwartungen oder deinem Feed bestimmen zu lassen.
Häufige Fragen
Welche Inhalte können Essstörungen fördern?
Problematische TikTok-Videos, die extrem schlanke Körper als Ideal zeigen, können ungesunde Schlankheits- und Kontrollvorstellungen verstärken – besonders bei (drohender) Magersucht. Inhalte zu starkem Kaloriensparen, strikten Essensregeln oder exzessivem Sport wirken oft wie „Lifestyle-Tipps“, können aber essgestörtes Verhalten fördern. Auch Hashtags mit „skinny“ können für Betroffene triggernd sein und die Erkrankung aufrechterhalten.
Kann TikTok die Ursache für Magersucht sein?
TikTok allein verursacht keine Essstörung. Essstörungen entstehen meistens aus einer Mischung von psychischen, biologischen und sozialen Faktoren. Plattformen wie TikTok können das Risiko aber erhöhen oder bestehende Essstörungen verschlimmern, wenn du ständig Inhalte siehst, die extremes Dünnsein feiern oder Diäten verherrlichen.
Wie kannst du jemanden mit Magersucht unterstützen?
Wenn du dir Sorgen um eine Person machst, sprich sie behutsam, aber klar an – ohne Druck, Vorwürfe oder Kommentare zu ihrem Gewicht. Sag zum Beispiel: „Ich mache mir Sorgen um dich“ statt „Du isst zu wenig“.
Hilfreich ist es auch, die Person bei der Suche nach professioneller Hilfe zu unterstützen – zum Beispiel bei Beratungsstellen, Therapieplätzen oder Ärztinnen und Ärzten. Essstörungen sind ernstzunehmende Erkrankungen. Je früher Hilfe kommt, desto besser stehen die Chancen, dass es der Person wieder besser geht.
Quellenangaben
- researchoutput.csu.edu.au: Studie zu Auswirkungen von Pro-Ana TikTok Inhalten
- essstoerungen.bioeg.de: Beratungsangebote für Essstörungen
- profamilia.de: pro familia