Souverän im Gehaltsgespräch: Strategien und Tipps für Mitarbeitende und Führungskräfte

Redaktion
Oleksandra Silik

Über Geld spricht man nicht? Von wegen! Im Job führt daran kein Weg vorbei. Trotzdem treten viele Arbeitnehmende verunsichert im Gehaltsgespräch auf, während Führungskräfte zwischen Budgetdruck und Gerechtigkeit abwägen müssen. Wir erklären, wie Gehaltsverhandlungen auf Augenhöhe gelingen, welche Argumente für einen Gehaltssprung Vorgesetzte überzeugen und welche Fehler Sie vermeiden sollten.

Kaum ein Thema sorgt im Arbeitsalltag für so viel Unsicherheit wie das eigene Gehalt. Laut einer Stepstone-Studie fühlen sich rund sechs von zehn Beschäftigten in Gehaltsverhandlungen unwohl. Gleichzeitig zeigt eine aktuelle kununu-Umfrage: Mehr als zwei Drittel der Arbeitnehmenden sind mit ihrem Gehalt unzufrieden und wollen nachverhandeln. Umso wichtiger ist es, dass Sie Ihr Gehaltsgespräch gut vorbereiten, denn das entscheidet am Ende darüber, ob es zur Belastungsprobe oder zur Chance wird.

Vorbereitung auf das Gehaltsgespräch: Tipps und überzeugende Argumente

Ein erfolgreiches Gehaltsgespräch beginnt lange vor dem eigentlichen Termin. Karriereexpertin und systemischer Businesscoach Katrin Plangger bringt es auf den Punkt: „Der Ausgang eines Gehaltsgesprächs entscheidet sich lange bevor man im Raum sitzt – in der Qualität der Vorbereitung. Wer gut vorbereitet ist, geht souverän ins Gespräch – und Souveränität wirkt oft stärker als jedes Argument.“

Marktcheck: den eigenen Wert kennen

Am Anfang steht der Blick nach außen. Was ist die eigene Arbeit wert? Eine Orientierung hilft, stärkere Argumente in die Gehaltsverhandlung einzubringen. Gehaltsportale, aktuelle Branchenreports, Tarifübersichten oder öffentliche Datenquellen wie der Gehaltsvergleich des Statistischen Bundesamts zeigen, welche Gehaltsspannen in einer bestimmten Branche, Region und Position üblich sind.

Ergänzend hilft der persönliche Austausch im eigenen Netzwerk, rät Plangger. „Dabei fragt man natürlich nicht: ‚Was verdienst du? ‘, sondern eher: ‚Was würde jemand in dieser Rolle ungefähr verdienen?‘.“

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Eigene Leistungen reflektieren

Wer überzeugend verhandeln will, braucht Klarheit über den eigenen Beitrag. „Beim Verhandeln gilt: Erst die Leistung, dann die Gehaltsforderung“, so Plangger. Dafür empfiehlt sie, das vergangene Jahr zu analysieren:

  • Welche Leistungen habe ich erzielt und welche Leistungen kann ich in Zukunft voraussichtlich bringen? 

  • Welche Projekte habe ich erfolgreich abgeschlossen?

  • Welche Kompetenzen habe ich erworben?

  • Welche zusätzlichen Aufgaben und Verantwortungen habe ich übernommen?

Ebenso wichtig ist der Blick durch die Brille der Führungskraft: „Ich sollte mir überlegen, was meiner Chefin oder meinem Chef wichtig ist“, sagt die Karriereexpertin – und die Argumente genau daran ausrichten.

Ziel klar definieren

Ein häufig unterschätzter Punkt ist das angestrebte Ziel. Was genau soll nach dem Gespräch anders sein? „Zum Gehaltsziel gehören oft auch andere Faktoren, nicht nur die Zahl auf dem Konto“, betont Plangger. In die Zielvorstellung gehören daher auch mögliche Zusatzleistungen:

  • Ist weniger Arbeitszeit wichtiger als mehr Geld?

  • Ist Weiterbildung wichtiger als eine reine Gehaltserhöhung?

  • Können zusätzliche Benefits wie ein Firmenwagen oder Tankgutscheine, mehr Homeoffice-Tage oder ein Zuschuss zum Fitnessstudio motivieren?

Je klarer diese Prioritäten sind, desto flexibler lässt sich verhandeln.

Gespräch strukturieren und üben

„Der letzte Schritt ist das vorherige Durchspielen der Gehaltsverhandlung – entweder für sich selbst, mit einer vertrauten Person oder im Rahmen eines Gehaltsverhandlungs-Coachings“, empfiehlt Plangger. Denn: „Gerade in Gehaltsverhandlungen steckt unheimlich viel Psychologie. Körpersprache, Mimik und Auftreten sprechen immer mit.“ Auch die innere Haltung macht viel aus. „Man muss zuerst sich selbst davon überzeugen, dass man das höhere Gehalt verdient hat – erst dann kann man andere überzeugen.“

Gehaltsverhandlung: Praktische Tipps für das Gespräch

Am Ende jeder Vorbereitung steht ein klarer Gesprächsleitfaden. Die Karriereexpertin empfiehlt folgende Struktur:

  • 1. Leistungen und Erfolge darstellen

    Zunächst sachlich die eigenen Ergebnisse und Erfolge schildern, idealerweise unterlegt mit konkreten Beispielen und Zahlen.

  • 2. Feedback einholen

    Anschließend wird die Führungskraft mit einer offenen Frage aktiv einbezogen, zum Beispiel: „Wie schätzen Sie meine Leistung und meinen Beitrag im vergangenen Jahr ein?“ Ein positives Feedback schafft eine tragfähige Basis für den nächsten Schritt.

  • 3. Gehaltswunsch formulieren

    Darauf aufbauend folgt der Übergang zur eigentlichen Gehaltsforderung: „Auf Basis meiner Leistungen im vergangenen Jahr würde ich gerne mit Ihnen über eine Anpassung meines Gehalts sprechen. Meine Vorstellung liegt bei …”

Typische Gegenargumente und wie Sie sie clever kontern

Doch kaum ein Gehaltsgespräch läuft ohne Gegenwind. Es lohnt sich deshalb, typische Einwände vorab zu antizipieren.

  • „Die aktuelle wirtschaftliche Lage lässt das nicht zu.“

    Dahinter kann ein echtes Budgetproblem stehen, aber auch der Versuch, das Thema schnell abzuräumen. Informieren Sie sich vorher über die aktuellen Zahlen des Unternehmens, z. B. im elektronischen Bundesanzeiger. Souverän wirkt, wer zunächst Verständnis zeigt und dann nach Perspektiven fragt wie etwa einen fixen Zeitpunkt für eine Neubewertung der Lage.

  • „Die Kolleginnen und Kollegen verdienen auch nicht mehr.“

    Hier hilft der Blick auf Kriterien statt auf Personen. Fragen Sie, nach welchen Maßstäben Gehälter angepasst werden – und bitten Sie darum, Ihre Rolle anhand dieser Kriterien zu bewerten.

  • „Ihre Forderung ist zu hoch.“

    Nicht sofort einlenken, sondern nachfragen: Geht es um die absolute Summe, die Steigerung oder den Zeitpunkt? Oft lässt sich ein Zwischenschritt, eine gestaffelte Erhöhung oder ein klarer Zeitpunkt für die nächste Anpassung vereinbaren.

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No-Gos in der Gehaltsverhandlung

Nicht alles, was sich subjektiv stark anfühlt, wirkt in der Gehaltsverhandlung tatsächlich als Plus. Manche Punkte können schaden.

  • Private Gründe

    „Im Vordergrund muss immer die Frage stehen: Welchen Vorteil hat der Arbeitgeber durch meine engagierte Arbeit?“, verdeutlicht Plangger. Sätze wie „Meine Kinder studieren jetzt“, oder „Die Miete ist teurer geworden“ gehören daher nicht ins Gespräch.

  • Falscher Zeitpunkt

    Gehaltsforderungen in Krisenphasen, bei sichtbarem Stress der Führungskraft oder ungelösten Konflikten kommen selten gut an. Besser: das jährliche Mitarbeitergespräch, der Abschluss eines erfolgreichen Projekts oder ein individuell erzielter Erfolg.

  • Vergleich mit anderen Angestellten

    „Kollege X verdient mehr als ich“ wirkt selten souverän. Im Mittelpunkt sollten nicht der Blick auf den Nachbartisch, sondern auf die eigene Rolle, den persönlich geleisteten Beitrag, übernommene Verantwortung und Eigeninitiative im Job stehen.

  • Drohungen und Verweis auf bessere Angebote

    Das Pochen auf frühere, besser bezahlte Jobs oder angedeutete Drohungen („Sonst muss ich mich umsehen“) säen Zweifel an der Loyalität und können Vertrauen zerstören.

Gehaltserhöhung abgelehnt? Wechseln Sie die Strategie

Und wenn eine Gehaltserhöhung tatsächlich abgelehnt wird? „Man sollte auf jeden Fall einen Joker in petto haben“, rät Plangger. Das sind Alternativen, die bereits vor dem Gespräch definiert werden: zusätzliche Urlaubs- oder Homeofficetage, eine Weiterbildung, Zuschüsse, ein Jobticket oder die Mitarbeit an einem spannenden Projekt.

Wichtig ist, nicht verletzt zu reagieren, sondern zuzuhören, welche Gründe genannt werden. Ein offenes Gespräch darüber, welche Voraussetzungen für eine Gehaltserhöhung gelten, liefert oft konkrete Ansatzpunkte für die eigene Weiterentwicklung. Vielleicht ist jetzt nur ein kleinerer Schritt möglich – verbunden mit einem festgesetzten Folgetermin.

Gehaltserhöhung in Zahlen: Welche Prozente sind realistisch

In der Praxis hängt die Höhe einer Gehaltsanpassung stark von Position, Branche und Unternehmenssituation ab, betont die Karriereexpertin: „Alles über fünf Prozent hinaus ist eine bewusste Anerkennung für besonders gute Leistungen. Wenn jemand in einem Projekt sehr gut performt hat, einen großen Kunden gewonnen hat, zusätzliche Aufgaben oder Führungsthemen übernimmt, dann sind acht bis zwölf Prozent oder auch mehr durchaus angemessen.“

Bei einem echten Karriereschritt – etwa in eine Führungsrolle – sind durchaus Steigerungen von zehn bis zu 30 Prozent möglich. Bei einem Jobwechsel auf eine vergleichbare Stelle warnt Plangger allerdings vor überzogenen Erwartungen. „Die Marktlage ist momentan in vielen Branchen nicht so, dass man automatisch mit einem Plus rechnen kann – man kann es versuchen, aber sollte realistisch bleiben.“

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Gehaltsgespräch als Arbeitgebende: Worauf Sie achten sollten

Auch für Führungskräfte sind Gehaltsgespräche anspruchsvoll. Sie müssen Erwartungen managen, Budgets einhalten und die Teamgerechtigkeit im Blick behalten. „Wenn eine Mitarbeiterin oder ein Mitarbeiter mit dem Thema Gehalt kommt, steckt immer etwas dahinter. Vermutlich fühlt sich die Person nicht gerecht bezahlt oder nicht ausreichend wertgeschätzt“, warnt Plangger. Wer dieses Signal ignoriert, riskiert Demotivation, innere Kündigung oder tatsächliche Fluktuation. „Der Schaden für die Firma kann dann größer sein, als die drei bis fünf Prozent mehr Gehalt.“

Unternehmen können nicht jede Forderung erfüllen – etwa bei unrealistischen Vorstellungen oder begrenztem Budget. Dann sollte transparent kommuniziert werden, warum eine Erhöhung gerade nicht möglich ist, und gegebenenfalls Alternativen angeboten werden. Je nach Lebenssituation der Beschäftigten empfiehlt Karriereexpertin Plangger, individuelle Lösungen zu suchen: mehr Flexibilität, reduzierte Arbeitszeit, Weiterbildungsbudgets, spannende Projekte oder zusätzliche Verantwortung – idealerweise verbunden mit einer klaren Perspektive: „Wir schauen in einem halben Jahr erneut auf Ihre Leistung und sprechen dann noch einmal über das Gehalt.“

Am Ende geht es in Gehaltsgesprächen um mehr als Zahlen. Es geht um Fairness, Wertschätzung und Vertrauen. Wer das versteht, verhandelt nicht gegeneinander, sondern miteinander – und genau darin liegt die Chance für beide Seiten.

FAQ

Wie viel Prozent mehr Gehalt sollte ich verlangen?

Es kommt immer auf den Markt, die Leistung der Mitarbeiterin oder des Mitarbeiters und die Situation der Firma an. Als Orientierung gelten drei bis fünf Prozent bei regulären Gesprächen, ab fünf bis zehn Prozent bei nachweisbaren Mehrleistungen oder neuen Aufgaben und zehn bis 15 Prozent bei Beförderungen oder klarer Unterbezahlung. Wichtig ist weniger die Zahl als eine überzeugende Begründung.

Gehaltserhöhung nach der Probezeit: Ist das legitim oder dreist?

Kurz gesagt: legitim – und oft sinnvoll. Hat man sich während der Probezeit bewährt, Erwartungen erfüllt oder sogar übertroffen, ist ein Gespräch über das Gehalt angemessen. Wer sachlich argumentiert, konkrete Leistungen nennt und den Mehrwert für das Unternehmen aufzeigt, wirkt professionell – nicht fordernd.

Welches Timing ist für die Gehaltsverhandlung gut?

Das Thema Gehalt sollte idealerweise einmal im Jahr, spätestens jedoch alle zwei Jahre angesprochen werden. Besonders geeignet sind strukturierte Anlässe wie Mitarbeitergespräche, der Abschluss erfolgreicher Projekte oder die Übernahme neuer Aufgaben. Entscheidend ist, den Zeitpunkt bewusst zu wählen und das Gespräch gut vorzubereiten.

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Oleksandra Silik

Veröffentlicht am 18.01.2026

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