Richtig dehnen: Die besten Übungen für Rücken, Oberkörper und Beine

Redaktion
Oleksandra Silik

Verspannte Schultern, ein steifer Rücken oder schwere Beine nach einem langen Tag? Dehnen kann helfen – wenn es richtig ausgeübt wird. Sportwissenschaftlerin Dr. Christiane Wilke erklärt, was Dehnübungen wirklich bringen, welche Methoden sinnvoll sind und wann Vorsicht geboten ist. Dazu gibt es konkrete Dehnübungen, die Sie ganz einfach in Ihren Alltag integrieren können.

Kraft, Koordination und Ausdauer allein machen noch keinen leistungsfähigen Körper. Erst mit ausreichender Beweglichkeit entsteht ein harmonisches Zusammenspiel, das Gelenke und Muskeln dauerhaft belastbar hält. Genau hier setzt gezieltes Dehnen an. Dabei wird ein Muskel oder eine Muskelgruppe in die Länge gebracht, bis ein spürbares Dehnungsgefühl entsteht. Richtig angewendet, können bereits einfache Dehnübungen dabei helfen, Verspannungen zu lösen, die Beweglichkeit zu erhalten und körperlichen Belastungen besser standzuhalten – und das ohne großen Zeitaufwand.

Warum Dehnen so wichtig ist

„Dehnen hält die Strukturen des Körpers – also Muskulatur, Sehnen, Bänder – beweglich“, erklärt Sportwissenschaftlerin Dr. Christiane Wilke von der Deutschen Sporthochschule (DSHS) Köln. „Gerade bei einseitigen Tätigkeiten oder Haltungen im Alltag, wie bei Bürojobs oder körperlicher Arbeit mit monotonen Bewegungen, hilft Dehnen dabei, muskuläre Ungleichgewichte auszugleichen.“

Was bringen Dehnübungen:

  • Mit zunehmendem Alter nimmt die Elastizität des Gewebes ab. „Durch regelmäßiges Dehnen kann man die Beweglichkeit erhalten und somit auch im Alter die Mobilität fördern“, so Dr. Wilke.

  • Im sportlichen Kontext kann Dehnen der Regeneration dienen oder den Körper auf Belastung vorbereiten. Allerdingst ist nicht jede Methode zu jedem Zeitpunkt sinnvoll, warnt die Sportwissenschaftlerin: „Bei schnellkräftigen Sportarten oder schnellen Bewegungen, etwa wenn man sprintet oder springt, kann Dehnen kontraproduktiv sein. Hier sollte man mindestens eine halbe Stunde vor dem Sport dehnen und dazwischen andere Bewegungen ausführen.“

  • Auch bei bestimmten Erkrankungen, die die Beweglichkeit beeinträchtigen, kann Dehnen helfen, Einschränkungen zu minimieren und die Muskulatur zu stärken.

Senkt Dehnen das Verletzungsrisiko?

Der Mythos hält sich hartnäckig: Wer sich dehnt, verletzt sich seltener. Doch so pauschal stimmt das nicht. „Es gibt Sportarten, bei denen ein großes Bewegungsausmaß zwingend erforderlich ist. Dann ist es sinnvoll, die Gelenke vorab in diese Position zu bringen“, sagt Dr. Wilke. „Aber generell ist wissenschaftlich nicht eindeutig belegt, dass Dehnen zur Verletzungsprophylaxe beiträgt.“ Nicht zu unterschätzen ist jedoch das eigene Gefühl. „Wer sich gedehnt hat, fühlt sich oft besser vorbereitet – was auch für die mentale Einstellung wichtig ist“, so die Expertin.

Sportärztliche Vorsorgeuntersuchungen

Sie möchten Sport treiben, sich vorab aber sicherheitshalber beim Arzt durchchecken lassen? Die IKK classic unterstützt Sie dabei.

Dehnübungen im Handwerk: Mehr Beweglichkeit im Arbeitsalltag

Stehen, knien, schwere Lasten heben oder über Kopf arbeiten: Jede Form der körperlichen Arbeit fordert bestimmte Muskelgruppen besonders stark. „Je nach Beruf sind die Anforderungen im Handwerk unterschiedlich. Man kann beispielsweise einen Friseurberuf ausüben, bei dem man den ganzen Tag steht und viel mit den Armen arbeiten muss, oder im Garten- und Landschaftsbau, wo oft gekniet wird“, erklärt Dr. Wilke.

Sinnvoll ist es, Dehnen als Ausgleich außerhalb der Arbeitszeit einzusetzen. Bereits fünf bis 15 Minuten reichen dafür oft schon aus:

  • Vor Arbeitsbeginn kann leichtes dynamisches Dehnen helfen, sich aufzuwärmen und vorzubereiten.

  • Nach Feierabend wirkt statisches Dehnen entspannend und kann die Regeneration fördern.

  • Während des Tages können aktive Pausen mit kurzen Dehnübungen eingebaut werden.

Kostenübernahme von Gesundheitskursen

Die IKK classic unterstützt Ihre Teilnahme an Gesundheitskursen vor Ort und Onlinekursen zu Bewegung, Ernährung und Entspannung finanziell.

Richtig dehnen lernen: Effektive Dehnübungen

Die Wahl der passende Dehnmethode hängt vom individuellen Ziel ab. Sie unterscheiden sich in der Art der Ausführung, der Dauer und Wirkung und können bei Bedarf kombiniert werden.

Statisches Dehnen

Eine Position wird langsam eingenommen und 15 bis 60 Sekunden gehalten. Diese Methode eignet sich zur Verbesserung der Beweglichkeit und zur Entspannung nach Belastung.

Dynamisches Dehnen

Der Muskel wird durch kontrollierte, rhythmische Bewegungen gedehnt. Diese Art der Dehnübungen wird häufig zur Vorbereitung auf körperliche Aktivität eingesetzt.

Aktives Dehnen

Entsteht durch die eigene Muskelkraft, ohne äußere Hilfe. Dabei wird der Gegenspieler des zu dehnenden Muskels bewusst angespannt, sodass die Dehnung aktiv gehalten wird. Es fördert die Kontrolle und Stabilität der Muskulatur.

Passives Dehnen

Erfolgt mithilfe einer Trainingspartnerin bzw. eines Trainingspartners oder durch äußere Hilfsmittel und Kräfte wie eine Wand oder die Schwerkraft. Diese Methode wird häufig zur Entspannung nach sportlicher Belastung genutzt.

Postisometrisches Dehnen

Kombiniert Anspannung und Entspannung. Zunächst wird eine Muskelgruppe gezielt angespannt und danach gedehnt. Direkt nach der Anspannung entspannt sich die Muskulatur besser.

Dehnübungen für den Rücken

Illustration einer Frau, die die Katze-Kuh-Übung ausführt.

Katze-Kuh (Cat & Cow)

Ziel: Dehnung des unteren Rückens; Entlastung von Bandscheiben, Wirbelkörpern, Muskeln und Sehnen; Verbesserung der Durchblutung.

Ausgangsposition: Vierfüßlerstand (Hände und Knie sind auf der Matte aufgestellt), der Rücken bildet eine gerade Linie. Der Kopf wird in Verlängerung der Wirbelsäule gehalten, die Unterschenkel und Füße sind auf der Matte abgelegt.

So geht’s:

  • Halten Sie zunächst die Ausgangsposition für drei bis vier Atemzüge: Der Rücken ist waagerecht – Halswirbelsäule und Steiß bilden eine gerade Linie. Achten Sie auf Spannung im Schultergürtel und in der Lendenwirbelsäule.
     
  • Mit der nächsten Ausatmung schieben Sie Ihren Rücken von den Schultern ausgehend in die „Katzenbuckel-Position“. Die Brustwirbelsäule bildet den höchsten Punkt, die Schultern und das Gesäß bewegen sich Richtung Matte. Ziehen Sie den Bauchnabel aktiv nach innen.
     
  • Mit der Einatmung bringen Sie den Rücken in ein leichtes (!) Hohlkreuz. Das Steißbein zeigt nach oben, der Bauch darf weich nach unten sinken, der Brustkorb ist leicht geöffnet. Achten Sie darauf, die Schultern von den Ohren zurückzuziehen. Der Blick hebt sich sanft nach vorn.
     
  • Wiederholen Sie den Übungsablauf fünf- bis sechsmal.

Dreh-Dehn-Lagerung

Ziel: Rotation der Lendenwirbelsäule; der Zug durch das Gewicht des Beines bringt die Muskeln und Sehnen leicht auf Spannung und dehnt sie.

Ausgangsposition: Rückenlage

So geht’s:

  • Legen Sie die Arme seitlich vom Körper gestreckt neben sich ab. Die Handflächen zeigen zum Boden.
     
  • Ziehen Sie nun die Beine an (Fersen in Richtung Gesäß). Die Knie sind im 90°-Winkel aufgestellt.
     
  • Die Füße stehen eng beieinander, wenn möglich berühren sich Ihre Knöchel.
     
  • Mit der nächsten Ausatmung lassen Sie die Knie nun langsam zur rechten Seite absinken. Der Kopf fällt langsam nach links. Achten Sie darauf, die Beine nicht ruckartig fallen zu lassen. Die Atmung bleibt dabei ganz entspannt.
     
  • Eine Berührung der Knie am Boden ist kein Muss. Sie sollten sich nur so weit bewegen, wie es sich noch angenehm anfühlt.
     
  • Der Schultergürtel bleibt dabei fest am Boden. Mit den Armen können Sie die Haltung stabilisieren.
     
  • Halten Sie die Dehnposition für drei bis vier Atemzüge und lösen Sie sie dann langsam.
     
  • Anschließend folgt die andere Seite mit den Knien nach links und dem Kopf nach rechts.
Illustration einer Frau, die die Dreh-Dehn-Lagerung ausführt.

Dehnübungen für den Oberkörper

Illustration einer Frau, die ihre Brustmuskulatur dehnt.

Brustmuskulatur

Ziel: Dehnung und Öffnung der Brustmuskulatur.

Ausgangsposition: Stabiler Stand neben einer Wand, einem Türrahmen o.ä.

So geht’s:

  • Legen Sie den zur Wand gerichteten Arm auf Schulterhöhe hinter dem Körper an die Wand.
     
  • Drehen Sie den Oberkörper von der Wand weg, bis ein Ziehen in der Brust zu spüren ist. Halten Sie die Position für ca. zehn Sekunden.
     
  • Die Übung kann mit gestrecktem oder gebeugtem Arm ausgeführt werden. Bei Beschwerden im Schultergelenk legen Sie die Hand etwas tiefer (unter Schulterniveau) an die Wand.

Nackenmuskulatur

Ziel: Entspannung des Kapuzenmuskels (einer der wichtigsten Muskeln bei Nackenbeschwerden).

Ausgangsposition: Stabiler Stand oder aufrechter Sitz.

So geht’s:

  • Drücken Sie die Schulter auf der zu dehnenden Seite nach unten Richtung Boden. Neigen Sie Ihren Kopf zu der Seite, die Sie nicht dehnen möchten.
     
  • Beugen Sie nun Ihren Kopf leicht nach vorne, bis Sie eine Dehnung im Schulter-Nacken-Bereich verspüren.
     
  • Wenn Sie die Dehnung verstärken möchten, legen Sie Ihre freie Hand auf dem Kopf ab und erhöhen Sie damit ganz behutsam den Zug.
     
  • Halten Sie diese Dehnung für etwa 30 Sekunden und wiederholen Sie die Übung zwei- bis dreimal mit einer Pause von 30 Sekunden dazwischen.
Illustration einer Frau, die ihre Nackenmuskulatur dehnt.

Dehnübungen für die Beine

Illustration einer Frau, die die Hamstring- Übung ausführt.

Beinrückseiten-Dehnung (Hamstring Stretch)

Ziel: Dehnung der hinteren Oberschenkelmuskulatur.

Ausgangsposition: Rückenlage, beide Hände umfassen ein Bein oberhalb der Kniekehle.

So geht’s:

  • Das rechte Bein bleibt möglichst gestreckt auf dem Boden liegen.
     
  • Ziehen Sie nun das linke Bein so weit wie möglich zum Oberkörper und strecken Sie langsam das Kniegelenk.
     
  • Spüren Sie die Dehnung der Oberschenkelrückseite des linken Beins.
     
  • Wechseln Sie anschließend das Bein und dehnen Sie Ihre rechte Oberschenkelrückseite.

Schmetterling

Ziel: Dehnung der inneren Oberschenkelmuskulatur

Ausgangsposition: Aufrechter Sitz, die Arme stützen hinter dem Rücken ab

So geht’s:

  • Ziehen Sie beide Fersen zum Gesäß; dabei berühren sich die Fußsohlen.
     
  • Richten Sie den Oberkörper gerade auf, indem Sie das Brustbein nach vorne oben bewegen, und drücken Sie die Knie zum Boden.
     
  • Spüren Sie die Dehnung im Bereich der Innenseiten der Oberschenkel.
     
  • Zur Verstärkung der Dehnung können Sie mit Ihren Unterarmen die Knie sanft weiter nach unten drücken.
Illustration einer Frau, die die Schmetterling- Übung ausführt.

Häufige Fehler beim Dehnen und wie Sie diese vermeiden

Viele dehnen mit guter Absicht, aber kleine Fehler machen die Dehnübungen schnell wirkungslos oder sogar riskant.

  • Falsche Ausführung:

    „Es ist wichtig, die richtige Position einzunehmen, um Fehlhaltungen zu vermeiden“, betont Dr. Wilke. Wer ausweicht oder in eine andere Haltung rutscht, erreicht die Zielmuskulatur nicht – die Übung ist dann wenig effektiv und kann sogar schaden.

  • Schmerz ignorieren:

    Ein leicht ziehendes Gefühl beim Dehnen ist normal. „Das kann auch ein wenig weh tun, sollte aber ein tolerabler Schmerz sein, der in der Regel nachlässt, wenn man die Dehnposition eine Weile hält“, erklärt die Sportwissenschaftlerin. Stechender oder zunehmender Schmerz beim Dehnen ist dagegen ein Warnsignal, um die Übung abzubrechen.

  • Unkontrollierte Bewegungen:

    „Wenn man dynamisches Dehnen nicht gut beherrscht, fangen viele an, eher durch die Gegend zu rudern. Dann wird es unkontrolliert und nicht mehr effektiv“, so Dr. Wilke. Wenn Sie unsicher sind, ist statisches Dehnen meist die sichere Wahl.

  • Vorsicht bei Vorerkrankungen:

    Bei Hypermobilität, Arthrose und nach Verletzungen sollte man immer zunächst medizinisch oder therapeutisch abklären, ob und in welcher Form Dehnen sinnvoll ist.

Online-Fitnesskurse

Sie möchten Sport treiben, um fit und aktiv zu werden – wissen aber nicht, wie? Dann sind Sie in unseren Online-Gesundheitskursen richtig!

Grundsätzlich gilt: „Wenn Menschen keine Erfahrung mit Dehnübungen haben, besteht immer ein gewisses Verletzungsrisiko.“ Die Sportwissenschaftlerin empfiehlt daher, sich anfangs professionelle Anleitung zu holen, beispielsweise in Beweglichkeits- oder Mobility-Kursen. „Alternativ gibt es auch andere Kursformate, wie bestimmte Yoga-Arten oder Pilates, die ebenfalls viele Beweglichkeitskomponenten enthalten.“

Wer verschiedene Ansätze ausprobiert, findet meist heraus, welche Methode zum eigenen Körper und zum persönlichen Alltag passt. Denn nachhaltige Beweglichkeit entsteht nicht durch kurzfristige Intensität, sondern durch regelmäßige, bewusst ausgeführte Praxis.

FAQ

Vor oder nach dem Sport dehnen?

Vor dem Sport empfiehlt es sich oft, dynamisch-aktiv zu dehnen. Nach dem Sport ist hingegen statisch-passives Dehnen sinnvoller, zum Beispiel zur Regeneration.

Sollte ich mich nach einem Bandscheibenvorfall dehnen?

Je nachdem, wo der Bandscheibenvorfall liegt und welche Symptome auftreten, können bestimmte Übungen helfen – andere wiederum die Beschwerden verschlimmern. Es ist ratsam, sich in solchen Fällen therapeutisch beraten zu lassen.

Sollte man einen gezerrten Muskel dehnen?

Einen gezerrten Muskel sollte man nur leicht und dynamisch dehnen. Dadurch wird der Stoffwechsel angeregt, was wiederum den Heilungsprozess unterstützt. Was man nicht machen sollte, ist, sich in genau die Richtung, in der man sich den Muskel gezerrt hat, in ein sehr großes Bewegungsausmaß zu begeben. Auch für Dehnen bei Muskelkater sollte man zuerst einschätzen, wie stark der Muskelkater ausgeprägt ist.

Wie oft sollte man sich dehnen?

Zwei- bis dreimal pro Woche sind sinnvoll. Die Dauer hängt von den Zielen ab:

  • Für die Muskelentspannung sollte man eine Dehnposition etwa zwanzig bis 30 Sekunden halten und danach genauso lange entspannen. Dies wiederholt man zwei- bis dreimal.
  • Möchte man eine Auswirkung auf Sehnen und das umliegende Bindegewebe erzielen, sollte man die Position länger halten, mindestens eine bis anderthalb Minuten.

Was ist der Unterschied zwischen Stretchen und Dehnen?

„Stretchen“ bezeichnet ausschließlich die statisch-passive Dehnform. „Dehnen” ist hingegen der Oberbegriff für verschiedene Methoden.

War dieser Artikel hilfreich?

Vielen Dank. Möchten Sie uns noch etwas mitteilen?

Bitte fügen Sie Ihrer Nachricht keine persönlichen Daten hinzu.

Vielen Dank für Ihre Rückmeldung.

Oleksandra Silik

Veröffentlicht am 06.03.2026

Mehr zu diesem Thema