Freiwilliges Handwerksjahr (FHJ): So findest Du eine passende Ausbildung

Redaktion
Beatrice Barnwell

Du hast die Schule abgeschlossen und weißt noch nicht, wie es für dich weitergeht? Oder schwankst zwischen mehreren Berufen und brauchst Klarheit? Dann ist das Freiwillige Handwerksjahr (FHJ) genau das Richtige für dich. In einem Jahr kannst du bezahlt bis zu vier unterschiedliche Berufe testen und echte Praxiserfahrung sammeln. Klingt spannend? Hier erfährst du mehr.

Statt planlos in irgendeine Ausbildung zu gehen oder ein Studium zu starten, kannst du in einem Freiwilligen Handwerksjahr (FHJ) erst einmal herausfinden, was du wirklich kannst und willst. Du bekommst einen klaren Rahmen, Unterstützung und kannst ohne Druck ausprobieren, welcher Beruf, welches Team und welches Umfeld dir liegt.

Noch ist kein einheitliches Projekt deutschlandweit umgesetzt worden, aber in verschiedenen Regionen gibt es bereits einzelne Pilotprojekte, z. B.:

  • bei der Handwerkskammer Lübeck in Schleswig-Holstein 
  • bei der Handwerkskammer Ostwestfalen-Lippe zu Bielefeld in Nordrhein-Westfalen als Freiwilliges HandwerksjahrPLUS (FHJ+)
  • bei der Kreishandwerkerschaft Böblingen in Baden-Württemberg als Freiwilliges Berufsorientierungsjahr (FBJ)

Wir haben alle wichtigen Infos zum FHJ für dich zusammengetragen, inklusive Voraussetzungen, Berufe, Bewerbungsprozess, Bezahlung und Alternativen für Selbstorganisierte aus anderen Bundesländern.

Was ist das Freiwillige Handwerksjahr (FHJ)?

Das Freiwillige Handwerksjahr (FHJ) ist ein Programm zur Berufsorientierung im Handwerk, bei dem Teilnehmerinnen und Teilnehmer innerhalb eines Jahres bis zu vier bezahlten Praktika in verschiedenen Ausbildungsberufen machen können. Jede Station dauert in der Regel drei Monate. So können Praktikantinnen und Praktikanten konkret in vier Betriebe ihrer Wahl reinschnuppern und herausfinden, wo ihre beruflichen Talente und Stärken liegen. Für Betriebe bietet das Projekt die Möglichkeit, Menschen für ihren Beruf zu begeistern, richtig kennenzulernen und idealerweise langfristig, etwa durch eine Ausbildung, zu binden.

Freiwilliges Handwerksjahr: Pilotprojekt der HWK Lübeck

Als erste Pilotin hat die Handwerkskammer Lübeck das FHJ im Juli 2024 umgesetzt. „Wenn sich Jugendliche ausprobieren dürfen, sind sie mutiger“, sagt Nadine Grün, Geschäftsführerin der HWK Lübeck, die das Pilotprojekt initiiert hat. „Mit dem FHJ trauen sich die Teilnehmenden, in Nischenberufe reinzuschnuppern. Wir hatten auch Anfragen für Segelmacherinnen und Segelmacher, Bootsbauerinnen und Bootsbauer oder Orthopädietechnik-Mechanikerinnen und -Mechaniker.“

Sie fügt hinzu: „Generell geht es aber darum, sich dieser großen Unsicherheit entgegenzustellen: Was passt überhaupt zu mir? Was kann ich? Was macht mir Spaß? Das FHJ gibt hier eine Hilfestellung, einen Rahmen, und lässt die Jugendlichen und Betriebe nicht allein. Deshalb kommt das Programm bei allen wahnsinnig gut an. Auch bei den Eltern, die sich für ihre Kinder informieren.“

FHJ+ in Ostwestfalen-Lippe: Das Extra-Plus an Seminaren und Workshops

Das Projekt hat bereits deutschlandweit Befürworter gewonnen. Seit Sommer 2025 bietet auch die Handwerkskammer Ostwestfalen-Lippe zu Bielefeld (HWK OWL) das „Freiwillige HandwerksjahrPLUS (FHJ+)“ an. „Ziel des FHJ+ ist es, praxisnahe Orientierung zu bieten und Brücken in eine erfolgreiche Ausbildung im Handwerk zu schlagen“, sagt Annika Reimann, Projektmitarbeiterin Freiwilliges HandwerksjahrPLUS der HWK OWL. „Zusätzlich unterstützt das FHJ+ unsere Mitgliedsbetriebe bei der Suche nach Auszubildenden und trägt damit dazu bei, das Handwerk in der Region OWL weiterhin nachhaltig zu stärken. Einige Betriebe haben schon jetzt zurückgemeldet, dass das intensive Kennenlernen der FHJ+ Teilnehmenden eine optimale Grundlage für die Entscheidung über eine mögliche Vergabe der Ausbildungsstelle ist.“

In Ostwestfalen-Lippe werden die Praktika zusätzlich durch Coachings, Seminare und Workshops ergänzt, sowie durch Austauschtreffen für Betriebe. Genau dafür sorgt das „PLUS“ im Namen des Projekts: „Im Mittelpunkt steht hierbei der Austausch zwischen den Teilnehmenden, ergänzt durch weitere Inhalte, wie zum Beispiel ein Bewerbungstraining“, erklärt Reimann. „Die Teilnehmenden dürfen auch hier aktiv mitgestalten und haben die Möglichkeit, Wünsche und Anregungen für Workshops und Seminare zu geben, damit Themen besprochen und angeregt werden, welche wichtig und von Interesse sind.“ So sammeln Praktikantinnen und Praktikanten nicht nur Praxiserfahrung, sondern arbeiten gleichzeitig an ihren Soft Skills wie Kommunikation oder Auftreten.

Freiwilliges Berufsorientierungsjahr: Pilotprojekt im Kreis Böblingen

Die Kreishandwerkerschaft Böblingen bietet ebenfalls ein eigenständiges Modell zur praktischen Berufsorientierung im Handwerk. Das Freiwillige Berufsorientierungsjahr (FBJ) richtet sich an Jugendliche und Erwachsene, die sich beruflich neu orientieren oder nach der Schule zunächst praktische Erfahrungen sammeln möchten.

Im FBJ können Teilnehmende bis zu vier verschiedene Berufe im Handwerk testen und verbringen jeweils bis zu drei Monate in unterschiedlichen Betrieben. Ähnlich wie beim Freiwilligen Handwerksjahr steht dabei das Kennenlernen des Berufsalltags im Vordergrund. Voraussetzung ist in der Regel ein erster allgemeinbildender Schulabschluss, das Mindestalter liegt bei 16 Jahren.

Während des FBJ erhalten die Teilnehmenden eine monatliche Aufwandsentschädigung. Urlaubsanspruch und Fragen zu Kranken‑, Haftpflicht‑ und Rentenversicherung werden vorab verbindlich geregelt. Wenn du schon jetzt neugierig geworden bist und das FBJ für dich spannend klingt, kannst du dich jederzeit direkt bei der Kreishandwerkerschaft Böblingen melden.

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Welche Handwerksberufe und Betriebe kann ich beim FHJ ausprobieren?

Ob technisch oder eher kreativ, drinnen oder draußen: Im Freiwilligen Handwerksjahr kannst du dich breit umschauen. Mehr als 130 Berufe – vom Friseur- und Bäckerhandwerk bis hin zu Elektronik und Mechanik – stehen zur Auswahl. Wenn du noch keinen Überblick hast, kannst du dich zuerst online informieren, z. B. über den Berufe-Checker oder das Berufsmagazin des Handwerks.

Hast du schon eine Idee oder sogar einen Wunschbetrieb, kannst du das direkt bei der Anmeldung angeben. Die Handwerkskammer prüft dann mit dir, ob der Betrieb zum Projekt passt.

„Die Handwerkskammer unterstützt bei der Zusammenführung mit passenden Betrieben und hilft bei der Recherche. Eigeninitiative und Motivation der Teilnehmenden sind dabei allerdings im Bewerbungsprozess sehr wichtig. Gleichzeitig fußt das Projekt auf einem großen Kreis von Befürworterinnen und Befürwortern innerhalb der Handwerksfamilie. Bereits vor Projektstart haben sich interessierte Betriebe an die Kammer gewandt und ihr Interesse bekundet“, sagt die Projektmitarbeiterin Freiwilliges HandwerksjahrPlus der HWK OWL. „Da das Projekt über die JOBvision-Initiative gefördert wird, stehen hierbei insbesondere kleine und mittlere Unternehmen (KMU) im Fokus.“

Was bekomme ich für das FHJ? Bezahlung und Urlaub

Dein Einsatz im Freiwilligen Handwerksjahr wird bezahlt. Bei einem Vollzeitpraktikum bekommst du eine monatliche Aufwandsentschädigung von 450 Euro (brutto). Wenn du eine Befreiung von der Rentenversicherungspflicht beantragst, wird dir dieser Betrag voll ausgezahlt. Im Freiwilligen Berufsorientierungsjahr der Kreishandwerkerschaft Böblingen liegt die Aufwandsentschädigung sogar bei mindestens 500 Euro.

Natürlich hast du auch einen Anspruch auf Urlaub. Dieser entspricht den Regelungen in deinen jeweiligen FHJ-Betrieben, mindestens jedoch die gesetzlich vorgeschriebenen 20 Tage im Jahr bei einer Fünf-Tage-Woche, sofern du volljährig bist. Das heißt: Bei drei Monaten in einem Betrieb stehen dir fünf Urlaubstage zu.

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Wie kann ich mich bewerben?

Bewerben können sich alle, die Interesse am Handwerk haben. Schulabgängerinnen und Schulabgängern, die sich noch nicht sicher sind, was sie nach der Schule machen wollen, wird das Freiwillige Handwerksjahr (FHJ) ausdrücklich empfohlen. Auch Erwachsene, die beruflich neu durchstarten möchten, können teilnehmen.

Die Bewerbung erfolgt in der Regel online über ein Formular oder per E-Mail bei der zuständigen Handwerkskammer. Die HWK Lübeck, die HWK Ostwestfalen-Lippe zu Bielefeld und die Kreishandwerkerschaft Böblingen stellen dir dafür Websites mit allen Tipps und Anmelde-Tools zur Verfügung, die dich Schritt für Schritt durch den Prozess führen.

Unsicher bei den Unterlagen oder dem Ablauf der Bewerbung? Dann bist du nicht allein. „Die Handwerkskammer unterstützt sowohl die Freiwilligen als auch die Betriebe“, so Annika Reimann. „Dazu kann zum Beispiel auch Unterstützung beim Gestalten der Bewerbungsunterlagen gehören. Denn für einige Freiwillige ist die Praktikumsbewerbung eine der ersten eigenen Bewerbungen überhaupt.“

Nach dem Freiwilligen Handwerksjahr (FHJ) – oder auch auf Wunsch schon währenddessen – besteht die Möglichkeit, als Auszubildende oder Auszubildender im Betrieb übernommen zu werden, wenn du und dein Betrieb sich einig sind. In manchen Fällen ist sogar eine Verkürzung der Ausbildungsdauer möglich.

Voraussetzungen für die Teilnahme am Freiwilligen Handwerksjahr (FHJ)

Grundsätzlich ist die Teilnahme für alle möglich, die sich beruflich orientieren möchten. Du brauchst keine speziellen Vorkenntnisse. Genau darum geht es im FHJ – ums Lernen und Ausprobieren. Wichtig ist:

  • Die einzige Voraussetzung bei der HWK Lübeck ist, dass du einen Schulabschluss einer allgemeinbildenden Schule besitzt, wenn du das FHJ beginnst.

  • Volljährigkeit oder die Zustimmung deiner Eltern (rechtlich gesehen: Beachtung der Jugendarbeitsschutzgesetze im Betrieb). Dies wird jedoch anders beim FHJ von der HWK Lübeck reguliert.

  • Du solltest motiviert sein und Lust darauf haben, dich auf neue Strukturen in unterschiedlichen Branchen und Betrieben einzustellen. Das erfordert auch ein gewisses Maß an Selbstständigkeit.

  • Die von dir ausgewählten Betriebe sollten gut erreichbar sein, insbesondere, wenn du auf öffentliche Verkehrsmittel angewiesen bist.

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Wann kann ich teilnehmen und wie lange bleibe ich dabei?

Eine Teilnahme und Anmeldung für das FHJ ist jederzeit möglich. Annika Reimann empfiehlt jedoch, im August oder September zu starten, sodass danach direkt eine Ausbildung begonnen werden kann.

Wie genau du dein Jahr planst, ist flexibel. Du kannst gemeinsam mit der Handwerkskammer von Anfang an alle vier Stationen festlegen oder nach jedem Praktikum neu entscheiden, wie es weitergeht. „Wichtig ist lediglich, dass die maximale Praktikumszeit von drei Monaten pro Betrieb nicht überschritten wird“, betont Reimann. „Das bedeutet auch, dass ein Ausstieg aus dem FHJ+ immer nach drei Monaten möglich ist. Wenn etwa direkt im ersten Betrieb das berufliche Zuhause gefunden wird, müssen nicht noch drei weitere Praktika absolviert werden.“

Zahlen und Fakten zum Freiwilligen Handwerksjahr (FHJ)

200.000 Fachkräfte fehlen im Handwerk

Laut Zentralverband des Deutschen Handwerks (ZDH) sind aktuell rund 200.000 Stellen im Handwerk unbesetzt. Besonders betroffen sind unter anderem Bauelektrik, Metall- und Elektroberufe (z. B. Kfz-Technik), Fleischverarbeitung, Gleisbau, Sanitär-, Heizungs- und Klimatechnik sowie Augenoptik und Hörgeräteakustik. Für diesen breitflächigen Fachkräfte- und Nachwuchsmangel im Handwerk braucht es kreative Konzepte wie das Freiwillige Handwerksjahr (FHJ).

70 Prozent finden Ausbildungsplatz übers Praktikum

Eine Zahl, die laut Nadine Grün, Geschäftsführerin der HWK Lübeck, den Grundstein fürs FHJ gelegt hat: „Etwa 70 Prozent aller Auszubildenden finden ihren Ausbildungsplatz über ihr Praktikum. Das zeigt: Jugendliche brauchen diese praktische Erfahrung, um eine fundierte Entscheidung über ihre Zukunft zu treffen.“

Ein Jahr, drei-monatige Praktika, vier Ausbildungsberufe

Alle Interessierten können sich für das Freiwillige Handwerksjahr (FHJ) bewerben. Dabei absolvieren sie je dreimonatige Praktika in vier verschiedenen Betrieben, verteilt auf ein Jahr. Die Praktikantinnen und Praktikanten erhalten von den Betrieben eine Aufwandsentschädigung von mindestens 450 Euro brutto monatlich (in Vollzeit).

Freiwilliges Handwerksjahr: Erste Ergebnisse

Dass das Freiwillige Handwerksjahr gut ankommt, zeigen die Rückmeldungen aus den Kammern deutlich. „Wir rennen offene Türen ein“, bestätigt Nadine Grün. Seit Beginn sind insgesamt 90 FHJler in 141 FHJ-Stationen gegangen (Stand Februar 2026). 

„Auch bei der Handwerkskammer Ostwestfalen-Lippe zu Bielefeld ist das Interesse groß. Besonders hervorzuheben ist die Vielfalt der Teilnehmenden mit unterschiedlichen schulischen Hintergründen, Vorkenntnissen und Altersgruppen. Häufig eint sie ein ausgeprägtes Interesse an handwerklichen Berufen mit dem Werkstoff Holz“, so Reimann. „Gleichzeitig zeigen sich bereits positive Überraschungen in Form neu entdeckter Talente, Stärken oder Interessengebiete, die zuvor nicht im Fokus standen. In einzelnen Fällen passt es sogar bereits in der ersten Station so gut, dass keine weitere Erkundung anderer Berufe erforderlich ist.“

Der größte Vorteil liegt auf der Hand: Im besten Fall finden Unternehmen auf diesem Weg geeignete Azubis – und die jungen Menschen passende Betriebe. „Genau darauf hoffen wir, dass Jugendliche ins Handwerk gehen und begeistert sind“, resümiert Grün.

DIY: Stell dir dein FHJ selbst zusammen

Für alle, die sich jetzt wünschen, dass das Programm auch in ihrem Bundesland startet, aber nicht auf die Politik oder speziell die Förderung einzelner zuständiger Handwerkskammern warten können oder wollen: Do-it-yourself (DIY)!

Du kannst auch klassisch dreimonatige Praktika nacheinander verteilt auf ein Jahr oder einen längeren Zeitraum selbst organisieren. „Das erfordert größere Selbstständigkeit und größeres Engagement und Koordination zwischen einzelnen Betrieben, aber prinzipiell können sich Jugendliche natürlich auch selbst für Praktika in unterschiedlichen Betrieben bewerben“, so Grün.

Gewiss nur ein Trostpflaster im Vergleich zum rahmengebenden Freiwilligen Handwerksjahr (FHJ), weshalb viele dem Handwerk Verbundene darauf hoffen, dass das Programm bald deutschlandweit angeboten wird.

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Beatrice Barnwell

Veröffentlicht am 03.03.2026

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