Gesundheitsrisiko Präsentismus: Warum krank arbeiten dem Betrieb oft mehr schadet als hilft

Im Alltag ist häufig von „Fehlzeiten“ und Krankheitstagen die Rede. Weniger Beachtung findet dagegen, dass viele Beschäftigte trotz Krankheit arbeiten, also körperlich oder digital am Arbeitsplatz erscheinen, obwohl sie eigentlich nicht arbeitsfähig sind. Genau darum geht es beim Präsentismus. Was genau Präsentismus ist, und welche Auswirkungen er haben kann, erklären wir in diesem Artikel.

Morgens in die Werkstatt, obwohl der Kopf hämmert. Die Videokonferenz durchziehen, obwohl der Hals brennt. Viele Menschen gehen krank zur Arbeit – ob im Büro, auf dem Bau oder im Homeoffice. Dieses Verhalten hat einen Namen: Präsentismus. Gemeint ist damit nicht ein besonders engagiertes „Immer-da-sein“, sondern das Arbeiten trotz Krankheit. Was oft als Pflichtbewusstsein oder Loyalität wahrgenommen wird, ist in Wirklichkeit ein ernstzunehmendes Gesundheitsrisiko, und kann für Betriebe langfristig teurer sein als eine ehrliche Krankmeldung.

Was ist Präsentismus?

Präsentismus bedeutet, dass Menschen trotz Krankheit weiterarbeiten, obwohl sie aus medizinischer Sicht besser im Bett oder zumindest in Ruhe bleiben sollten. Sie sind nicht voll leistungsfähig, fühlen sich abgeschlagen, konzentrieren sich nur schwer oder haben Schmerzen, entscheiden sich aber trotzdem dafür, zu arbeiten.

„In der Forschung wird Präsentismus als alternative Handlungsoption zu Absentismus verstanden, zwischen denen Beschäftigte im Krankheitsfall abwägen“, erklärt Dr. Sophie Meyer von der Bundesanstalt für Arbeitsschutz und Arbeitsmedizin (BAuA) in Dortmund.

Beim Absentismus geht es um das Fernbleiben von der Arbeit – zumeist krankheitsbedingt. Während Absentismus häufig im Fokus betrieblicher Diskussionen steht, wird der Präsentismus oft übersehen – obwohl er für Gesundheit und Produktivität mindestens ebenso relevant ist.

„Ein zentrales Problem besteht darin, dass Präsentismus im Gegensatz zu Fehlzeiten in den meisten Organisationen kaum sichtbar ist. Gleichzeitig zeigen Studien, dass regelmäßiger Präsentismus gesundheitliche Risiken birgt und langfristig sogar zu mehr Fehlzeiten führen kann“, so die Expertin.

Während Absentismus kurzfristig zu Ausfällen führt, sind die Folgen von Präsentismus oft weniger unmittelbar sichtbar und zeigen sich erst im Zeitverlauf, zum Beispiel durch eine verzögerte Genesung, reduzierte Leistungsfähigkeit oder spätere längere Erkrankungen.

„Insofern ist Präsentismus kein ,geringeres‘ Problem, sondern ein oft unterschätzter Teil desselben Phänomens“, stellt die Expertin fest.

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Warum gehen Menschen krank zur Arbeit?

Dass Menschen trotz Krankheit arbeiten, hat meist mehrere Gründe:

  • 1. Angst vor beruflichen Nachteilen

    - Sorge um den Arbeitsplatz oder die nächste Beförderung
    - Angst, als weniger belastbar oder „nicht engagiert“ zu gelten
    - Furcht vor Konflikten mit Vorgesetzten oder Kolleginnen und Kollegen

  • 2. Hoher Leistungs- und Zeitdruck

    - Termindruck, etwa kurz vor Projektabschluss
    - Das Gefühl: „Ohne mich geht es nicht“
    - Angst, dass sich Aufgaben stapeln und später noch mehr Stress entsteht

  • 3. Team- und Loyalitätsgedanken

    - Kolleginnen und Kollegen nicht „im Stich lassen“ wollen
    - Schuldgefühle, wenn andere Mehrarbeit übernehmen müssen
    - Starke Identifikation mit dem Unternehmen oder dem eigenen Job

  • 4. Unsicherheit und Unterschätzung der Erkrankung

    - Herunterspielen der Krankheit
    - Unklarheit, ab wann man wirklich arbeitsunfähig ist
    - Hoffnung, auf Besserung im Laufe des Tages

Welchen Einfluss hat die Unternehmenskultur auf Präsentismus?

Unternehmenskultur und Führung spielen eine zentrale Rolle, da sie maßgeblich mit beeinflussen, welche Entscheidungen Beschäftigte im Krankheitsfall treffen“, erklärt die Dr. Meyer. Führungskräfte haben hier eine Schlüsselrolle: Sie gestalten die unmittelbaren Arbeitsbedingungen, etwa durch Arbeitsorganisation, Vertretungsregelungen oder Arbeitsintensität, und prägen zugleich als Vorbilder den Umgang mit Krankheit und Regeneration.

Laut Dr. Meyer zeigen sich typische Muster vor allem in Arbeitskontexten mit hoher Arbeitsdichte, knappen Personalressourcen und hoher Verantwortung für andere, etwa in personenbezogenen Dienstleistungsberufen.

„In solchen Kontexten entsteht häufig ein impliziter Druck, zu funktionieren, um Kolleginnen und Kollegen nicht zusätzlich zu belasten. Umgekehrt zeigt sich, dass eine unterstützende Führung, klare Vertretungsregelungen und eine Kultur, in der Regeneration als legitim gilt, Präsentismus reduzieren können“, führt die Expertin aus.

Krank zur Arbeit: Ist das überhaupt legal?

Ob es erlaubt ist, krank zu arbeiten, hängt von mehreren Aspekten ab. Solange keine Arbeitsunfähigkeitsbescheinigung vorliegt, gilt man grundsätzlich als arbeitsfähig, auch wenn man sich nicht fit fühlt. Viele schleppen sich deshalb zur Arbeit, obwohl sie sich deutlich krank fühlen.

Sobald eine Ärztin oder ein Arzt eine Arbeitsunfähigkeit bescheinigt hat, ist die Situation anders: Mit einer AU gilt man offiziell als arbeitsunfähig. Die Krankschreibung bedeutet aber nicht automatisch ein absolutes Arbeitsverbot.
Sondern vielmehr, dass man dann nicht mehr verpflichtet ist zu arbeiten, sondern sich erholen soll.

„Entscheidend ist, ob die ausgeübte Tätigkeit die Genesung beeinträchtigt oder gesundheitliche Risiken für die betroffene Person oder andere, etwa durch Ansteckung, entstehen. Verantwortung liegt dabei auf beiden Seiten: Beschäftigte tragen Verantwortung für ihre eigene Gesundheit und sollten Warnsignale ernst nehmen“, so die Expertin.

Gleichzeitig haben Arbeitgebende und Führungskräfte die Aufgabe, Arbeitsbedingungen so zu gestalten, dass gesundheitsgerechte Entscheidungen überhaupt möglich sind, etwa durch realistische Arbeitsanforderungen, klare Vertretungsregelungen und eine entsprechende Führungskultur. „Präsentismus ist daher weniger allein eine Frage individueller ,Belastbarkeit‘, sondern auch eine Frage der Rahmenbedingungen.“

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Präsentismus: Risiken und Folgen für Gesundheit und Produktivität

Präsentismus mag auf den ersten Blick wie besonderes Engagement wirken. Tatsächlich ist er sowohl gesundheitlich als auch wirtschaftlich riskant. „Regelmäßiger Präsentismus kann dazu führen, dass sich Erkrankungen verlängern oder chronifizieren“, erklärt die Expertin.

Erkrankungen, die bei rechtzeitiger Schonung schnell abgeklungen wären, können sich unnötig in die Länge ziehen. Auch chronische Beschwerden wie Rückenschmerzen, Migräne oder Herz-Kreislauf-Erkrankungen verschlimmern sich, wenn der Körper keine ausreichende Erholungszeit bekommt.

„Langfristig kann das zu erhöhten Fehlzeiten führen“, erklärt Dr. Meyer, und ergänzt: „Darüber hinaus kann Präsentismus auch Auswirkungen auf das Umfeld haben: Bei infektiösen Erkrankungen besteht das Risiko, dass sich Kolleginnen und Kollegen anstecken und dadurch weitere Ausfälle entstehen.“

Für Unternehmen bedeutet das, dass Präsentismus häufig mit versteckten Kosten verbunden ist. Die Produktivität ist während einer Krankheit oft reduziert, gleichzeitig kann es zu Qualitätsverlusten kommen. „Diese Kosten sind schwer zu erfassen, da Präsentismus weniger sichtbar und messbar ist als Fehlzeiten. Sie werden jedoch in Studien häufig als mindestens vergleichbar eingeschätzt. Kurzfristig stabilisiert Präsentismus zwar die Anwesenheit, langfristig kann er jedoch die Arbeitsfähigkeit beeinträchtigen“, stellt Dr. Meyer fest.

Ein weiterer Aspekt ist die psychische Gesundheit. Wer dauerhaft über seine Grenzen geht, ständig ansprechbar ist und selbst im Krankheitsfall arbeitet, riskiert Erschöpfung bis hin zum Burn-out. Schlafstörungen, innere Unruhe, Antriebslosigkeit oder depressive Symptome können die Folge sein. Gerade Menschen, die sehr pflichtbewusst sind, merken oft erst spät, wie stark sie erschöpft sind.

Auch für Betriebe ist Präsentismus problematisch. Kranke Mitarbeitende sind langsamer, unkonzentrierter und machen mehr Fehler. Das kann Projekte verzögern, zu Fehlerkosten führen oder die Qualität der Arbeit beeinträchtigen. Nicht zuletzt prägt Präsentismus die Kultur im Unternehmen. Wenn sichtbar ist, dass nur diejenigen Anerkennung bekommen, die immer erreichbar sind, verstärkt das den Druck auf alle. So entsteht ein ungesunder Kreislauf.

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Tipps um Präsentismus zu vermeiden

„Aus unserer Sicht lassen sich drei zentrale Ansatzpunkte unterscheiden“, so die Expertin.

  • 1) Arbeitsbedingungen gestalten:

    Dazu gehört insbesondere, Arbeitsintensität realistisch zu bemessen und ein funktionierendes Ausfallmanagement mit klaren Vertretungsregelungen zu etablieren sowie Aufgaben transparent zu verteilen und ausreichende personelle Ressourcen sicherzustellen. Auch für mobile und hybride Arbeit sollten klare Rahmenbedingungen geschaffen werden, etwa zu Erreichbarkeit und zum Umgang mit Krankheit. Das reduziert den Druck, im Krankheitsfall weiterzuarbeiten.

  • 2) Führung und Kultur stärken:

    Führungskräfte sollten klar kommunizieren, dass Regeneration im Krankheitsfall legitim und notwendig ist. Gleichzeitig prägen sie durch ihr eigenes Verhalten, wie mit Krankheit umgegangen wird. Eine gesundheitsförderliche und vertrauensvolle Arbeitskultur kann dazu beitragen, dass Beschäftigte im Krankheitsfall ohne zusätzlichen Druck gesundheitsgerechte Entscheidungen treffen.

  • 3) Betriebliche Gesundheitsförderung stärken:

    Maßnahmen der betrieblichen Gesundheitsförderung und gesundheitsfördernde Arbeitsbedingungen können dazu beitragen, Erkrankungen grundsätzlich vorzubeugen und die langfristige Arbeitsfähigkeit zu sichern.

FAQ

Was können Unternehmen konkret gegen Präsentismus tun?

Präsentismus ist nicht nur eine individuelle Entscheidung, sondern hängt stark von den Rahmenbedingungen im Betrieb ab. Unternehmen können gezielt gegensteuern, indem sie Arbeitsbedingungen so gestalten, dass gesundheitsgerechtes Verhalten möglich ist.

Ist man versichert, wenn man krank arbeiten geht?

Grundsätzlich sind Arbeitnehmerinnen und Arbeitnehmer auf dem Weg zur Arbeit sowie während der Arbeit über die gesetzliche Unfallversicherung geschützt. Dieser Schutz besteht grundsätzlich auch dann, wenn Beschäftigte gesundheitlich angeschlagen sind. Ist jemand jedoch krankheitsbedingt arbeitsunfähig oder erheblich eingeschränkt, steigen Unfallrisiken und es können arbeitsrechtliche Fragen entstehen. Arbeitgeber haben eine Fürsorgepflicht und sollen Beschäftigte nicht arbeiten lassen, wenn diese offensichtlich nicht arbeitsfähig sind. Für die Behandlung der Krankheit selbst ist in erster Linie die Krankenversicherung zuständig.

Den eigenen Gesundheitszustand realistisch einzuschätzen, liegt wiederum in der Verantwortung jedes einzelnen. Daher sollte man im Zweifel medizinischen Rat einholen.

Krank im Home Office arbeiten: Ist das sinnvoll?

Homeoffice senkt zwar das Ansteckungsrisiko für andere, löst aber das Grundproblem nicht. Wer wirklich krank ist, sollte auch im Homeoffice nicht arbeiten. Leichte Unpässlichkeiten (z. B. leichter Schnupfen) können manchmal mit reduzierter Stundenzahl und ausreichenden Pausen vereinbar sein – aber nur, wenn man sich dabei nicht überfordert. Wer krankgeschrieben ist, sollte nicht arbeiten. Der Fokus liegt auf Genesung, nicht auf Erreichbarkeit. Langfristig ist es gesünder und oft sogar produktiver, ein paar Tage wirklich auszufallen, als sich wochenlang halbkrank durch den Arbeitstag zu schleppen.

Was ist das Gegenteil von Präsentismus?

Das Gegenteil von Präsentismus ist Absentismus. Präsentismus: Du bist anwesend, obwohl du eigentlich nicht arbeitsfähig bist. Absentismus: Du bleibst der Arbeit fern, obwohl du arbeitsfähig wärst. Beide Extreme sind problematisch: Absentismus belastet Kolleginnen, Kollegen und Betrieb durch unnötige Fehlzeiten. Präsentismus gefährdet Gesundheit und Produktivität und kann auf lange Sicht zu mehr und längeren Krankheiten führen.

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Sven von Thülen

Veröffentlicht am 30.04.2026

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