Parodontitis richtig behandeln: So schützen Sie Zahnfleisch und Zähne

Redaktion
Oleksandra Silik

Gesundes Zahnfleisch bildet die Basis für starke Zähne. Doch viele Menschen unterschätzen die Gefahr von Parodontitis – eine chronische Entzündung des Zahnhalteapparats. Sie bleibt oft jahrelang unentdeckt und kann gravierende Folgen wie Zahnverlust haben. Erfahren Sie, wie Sie Parodontitis früh erkennen, richtig behandeln und mit gezielter Zahnpflege Ihre Mundgesundheit langfristig schützen.

Sie kommt leise und entwickelt sich schleichend: Parodontitis zählt zu den häufigsten chronischen Erkrankungen weltweit. Laut der 6. Deutschen Mundgesundheitsstudie (DMS 6) leiden rund 14 Millionen Menschen in Deutschland an einer schweren, behandlungsbedürftigen Form von Parodontitis. Besonders alarmierend: Bereits bei fast jeder fünften Person im Alter zwischen 35 und 44 Jahren (17,5 Prozent) sind weit fortgeschrittene Stadien nachweisbar.

Trotz der Häufigkeit wird die Krankheit oftmals unterschätzt. „Ein großes Problem ist, dass Parodontitis – im Gegensatz zu vielen anderen Entzündungen – keine Schmerzen verursacht“, erklärt Prof. Dr. Bernadette Pretzl, leitende Oberärztin der Poliklinik für Parodontologie an der Johann-Wolfgang-Goethe-Universität Frankfurt und Präsidentin elect der Deutschen Gesellschaft für Parodontologie (DG PARO). „Viele Betroffene bemerken die Erkrankung erst sehr spät und suchen deshalb nicht rechtzeitig zahnärztliche Hilfe. Umso wichtiger ist es, mehr Prävention und Aufklärung zu betreiben sowie regelmäßige parodontale Screenings durchführen zu lassen.“

Was ist Parodontitis? Ursachen, Symptome und Verlauf der Erkrankung

Parodontitis entsteht durch bakteriellen Zahnbelag (Plaque), der sich am Zahnfleischrand ablagert. Werden diese Ansammlungen nicht regelmäßig entfernt, verhärten sie zu Zahnstein – und der macht alles noch schlimmer. 

Parodontitis beginnt zunächst mit einer Zahnfleischentzündung (Gingivitis). Häufige Symptome sind Rötungen, Schwellungen oder Zahnfleischbluten. Viele Menschen nehmen diese Warnsignale kaum wahr. Eine Gingivitis beschränkt sich auf das Zahnfleisch und ist reversibel. Unbehandelt kann sie sich aber zu einer Parodontitis entwickeln. Dabei dringen Bakterien in tiefere Zahnfleischtaschen ein und verursachen den Abbau von Haltefasern und Kieferknochen. Die Folge: Zähne werden locker, verschieben sich und können ausfallen.

„Wenn das Zahnfleisch an mehreren Stellen über einen längeren Zeitraum blutet, sollte man frühzeitig zur Zahnärztin oder zum Zahnarzt gehen. Je früher die Therapie beginnt, desto einfacher und erfolgreicher ist sie“, sagt Dr. Sonja Sälzer, parodontologische Fachzahnärztin und Generalsekretärin der DG PARO. Besonders tückisch: „Bei Raucherinnen und Rauchern blutet das Zahnfleisch weniger, was die Diagnose zusätzlich erschwert“, ergänzt Prof. Pretzl.

Typische Anzeichen einer Parodontitis:

  • Zahnfleischbluten

  • Rötung und Schwellung des Zahnfleisches

  • Anhaltender Mundgeruch

  • Zurückgehendes Zahnfleisch, Zähne wirken optisch länger

  • Empfindliche Zähne und Zahnhälse

  • Lockere oder wandernde Zähne

Haben Sie Parodontitis? Testen Sie es selbst! Um frühzeitig gegenzusteuern, haben die DG PARO und die Universität Greifswald einen Selbsttest entwickelt. Damit lässt sich das persönliche Parodontitis-Risiko einfach und schnell einschätzen. Wichtig: Nur im Rahmen der Kontrolluntersuchung kann die Zahnärztin oder der Zahnarzt eine sichere Diagnose stellen und die geeignete Therapie einleiten.

Zum Selbsttest

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Parodontitis: Auswirkungen auf den Körper

Parodontitis ist weit mehr als ein lokales Problem im Mund. Bei unbehandelter Entzündung lassen sich erhöhte Entzündungsmarker und Bakterien aus der Mundhöhle im Blut nachweisen. Die Erkrankung kann die Allgemeingesundheit gefährden und das Risiko für Herz-Kreislauf-Erkrankungen, Rheumatoider Arthritis und Diabetes mellitus erhöhen. „Ein schlecht eingestellter Diabetes fördert nicht nur die Entstehung, sondern auch den Schweregrad einer Parodontitis“, erklärt Dr. Sälzer. Umgekehrt gilt ebenso: „Bleibt die Entzündung im Mund unbehandelt, wird es deutlich schwieriger, den Blutzucker stabil einzustellen.”

Risikofaktoren einer Parodontitis: Wer ist besonders gefährdet?

Das Risiko, an Parodontitis zu erkranken, ist individuell und wird von verschiedenen Faktoren beeinflusst:

  • Familiäre Häufung: Häufig sind bei Patientinnen und Patienten mit Parodontitis auch die Eltern davon betroffen.

  • Mundhygiene: Unzureichende Reinigung von Zähnen und Zahnzwischenräumen begünstigt Beläge und Entzündungen.

  • Alter: Mit zunehmendem Lebensalter steigt das Risiko, da Parodontitis chronisch verläuft.

  • Rauchen: „Alle Formen des Rauchens sind schädlich – ob Zigaretten, E-Zigaretten (Vaping) oder Snus (fermentierter Tabak)“, betont Prof. Pretzl. „Rauchen wirkt direkt krebserregend und beeinträchtigt indirekt die Mundgesundheit, weil Zellgifte freigesetzt werden.“

  • Lebensstil: Eine unausgewogene Ernährung, Bewegungsmangel und chronischer Stress erhöhen die Anfälligkeit für Entzündungen: „Depressionen und anhaltende psychische Belastungen führen häufig dazu, dass Betroffene ihre Mundhygiene vernachlässigen“, so Dr. Sälzer.

  • Vorerkrankungen: insbesondere Diabetes mellitus.

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Behandlung von Parodontitis: Professionelle Therapien in der Zahnarztpraxis

Parodontitis lässt sich in den meisten Fällen gut behandeln – vorausgesetzt, sie wird früh erkannt und langfristig betreut. Ziel ist es, die Entzündung zu stoppen, die Bakterienlast zu reduzieren und den Zahnhalteapparat zu stabilisieren.  

„Studien zeigen, dass Patientinnen und Patienten, die über zehn bis 20 Jahre regelmäßig zur Nachsorge gehen, deutlich weniger Zähne verlieren“, erläutert Prof. Pretzl. Im Schnitt gehe es um nur einen halben Zahn in zehn Jahren – gegenüber zweieinhalb Zähne bei unregelmäßiger Betreuung. 

Die aktuellen Leitlinien folgen dabei einem klaren Fahrplan:

  • 1. Aufklärung

    Die Patientinnen und Patienten werden über die Erkrankung informiert und erhalten Tipps zur häuslichen Mundhygiene – idealerweise wird die Putztechnik direkt in der Praxis geübt.

  • 2. Professionelle Reinigung

    Beläge ober- und unterhalb des Zahnfleischs werden entfernt, insbesondere in den Zahnfleischtaschen, wo sich Bakterien besonders hartnäckig halten. Dazu gehören professionelle Zahnreinigung, also die Entfernung von harten und weichen Auflagerungen, sowie eine gründliche Reinigung der Wurzeloberflächen.

  • 3. Heilungsphase und Kontrolle

    Nach drei bis sechs Monaten wird überprüft, wie gut die Entzündung abgeklungen ist und ob weitere Maßnahmen nötig sind. Chirurgische Eingriffe sind heutzutage nur noch bei sehr tiefen Taschen oder stark zerstörtem Knochen erforderlich; moderne Therapien sind meist minimalinvasiv und schonend. In schweren Fällen können Antibiotika zum Einsatz kommen.

Professionelle Zahnreinigung

Zahnärzte empfehlen, mindestens einmal im Jahr eine professionelle Zahnreinigung (PZR) machen zu lassen.

Welche Hausmittel helfen bei Zahnfleischentzündung?

Bei einer leichten Zahnfleischentzündung können Sie erst einmal versuchen, das Zahnfleischbluten mit der häuslichen Pflege in den Griff zu bekommen:

  • Zähne bürsten bis zum Zahnfleischrand

  • Zwischenräume reinigen

  • ggf. zusätzlich antimikrobielle Substanzen wie chlorhexidinhaltiges Gel verwenden

  • Lauwarme Salzwasser-Spülungen, Kamillen- oder Salbeitee sowie Nelkenöl können Schmerzen lindern, haben jedoch keinen wissenschaftlich nachgewiesenen Effekt auf die Entzündung

Sind die Beschwerden nach zwei Wochen nicht abgeklungen, sollte die zahnärztliche Praxis aufgesucht werden. 

„Die Schwierigkeit bei Parodontitis liegt in den Zahnfleischtaschen – dem erhöhten Spalt zwischen Zahn und Zahnfleisch“, erklärt Dr. Sälzer. „Zahnbürste, Zahnpasta und Mundspüllösungen gelangen nicht in die Zahnfleischtaschen, wo die eigentliche Problematik liegt. Das A-und-O bleibt daher die mechanische Reinigung, insbesondere bis zum Zahnfleischrand bei tiefen Zahnfleischtaschen, ergänzt durch die Tiefenreinigung in der zahnärztlichen Praxis.“

Prof. Pretzl rät dazu, bei Hausmitteln mit Alkohol und deshalb auch bei manchen homöopathischen Lösungen vorsichtig zu sein. Diese könnten das empfindliche Gewebe auf Dauer reizen und mehr schaden als helfen. Hausmittel ersetzen deshalb niemals den Besuch in der Zahnarztpraxis.

Parodontitis vorbeugen: Zahnpflege, Kontrollen und Prophylaxe-Tipps

Parodontitis ist kein Schicksal. Mit konsequenter Zahnpflege und regelmäßigen Kontrollen lässt sich das Risiko deutlich senken.

Gründliche Mundhygiene

Putzen Sie Ihre Zähne zweimal täglich. Wer gesundes Zahnfleisch hat, kommt meist mit zwei Minuten aus. Bestehen bereits Zahnfleischprobleme, braucht es mehr Zeit und Sorgfalt. „Die Systematik ist entscheidend – unabhängig davon, ob man eine Handzahnbürste oder elektrische Zahnbürste verwendet", so Dr. Sälzer. „Viele putzen bestimmte Bereiche mehrfach und lassen andere aus. Ich empfehle, sich von Zahnzwischenraum zu Zahnzwischenraum vorzuarbeiten – die sind besser fühlbar als die Zahnflächen selbst.“

Die richtige Putztechnik macht den Unterschied für gesundes Zahnfleisch. Eine verständliche Einführung in die gängigen Methoden – Bass-, Fones- und Stillmann-Technik – finden Sie hier.

Zwischenräume reinigen

Mindestens einmal täglich sollten Sie die Zahnzwischenräume reinigen. Dabei gelten spezielle Zahnzwischenraumbürsten (Interdentalraumbürsten) als besonders effektiv, da sie Beläge dort entfernen, wo Parodontitis häufig beginnt. Sie sollten mit leichtem Druck eingeführt werden und richtig reiben – ähnlich wie bei der Reinigung eines Biofilms auf einer Oberfläche, empfiehlt Dr. Sälzer. Nur bei sehr engen Zwischenräumen ist Zahnseide eine Alternative. Mundspülungen können unterstützend wirken, ersetzen aber weder Zähneputzen noch Zahnzwischenraumpflege.

Ernährung

Eine zuckerarme, antientzündliche Ernährung entzieht schädlichen Bakterien die Grundlage. „Es gibt drei Stellschrauben“, erklärt Prof. Pretzl:

  • 1. Zucker und kurzkettige Kohlenhydrate (z.B. Weißbrot oder Süßigkeiten) reduzieren, um auch den Bakterien Nahrung zu entziehen.

  • 2. Das Immunsystem mit Vitamin C (vorwiegend aus Gemüse wie Paprika oder Zitrus- und Beerenfrüchten) stärken. 

  • 3. Schädliche Stoffe durch grünes Blattgemüse, etwa durch Salat, Brokkoli oder Spinat, neutralisieren.

Rauchstopp

Wer mit dem Rauchen aufhört, verbessert nicht nur seine Mundgesundheit und das allgemeine Wohlbefinden erheblich, sondern senkt auch das Risiko für zahlreiche weitere Erkrankungen – vom Herzinfarkt bis zum Schlaganfall.

Regelmäßige Kontrollen

Mindestens einmal im Jahr sollten Sie Ihre Zähne und Ihr Zahnfleisch kontrollieren lassen – bei erhöhtem Risiko häufiger. Eine professionelle Zahnreinigung entfernt hartnäckige Beläge und beugt Entzündungen vor.

FAQ

Parodontitis und Parodontose: Was ist der Unterschied?

Parodontose ist ein veralteter Begriff und wird heute medizinisch nicht mehr verwendet. Die richtige Bezeichnung lautet Parodontitis.

Ernährung bei Zahnfleischentzündung: Was sollte ich essen?

Eine entzündungshemmende, zuckerarme Ernährung unterstützt die Behandlung von Gingivitis und Parodontitis. Empfehlenswert sind:

  • viel Gemüse, besonders vitamin-C-reiches (z. B. Paprika, Brokkoli)
  • grünes Blattgemüse (wirkt entzündungsregulierend)
  • ausreichend Eiweiß und gesunde Fette

Welche Zahnpasta ist bei einer Parodontitis geeignet?

Bei Parodontitis eignen sich fluoridhaltige Zahnpasten, die speziell für entzündetes oder empfindliches Zahnfleisch entwickelt wurden. Wichtig sind Inhaltsstoffe, die Plaque reduzieren und Entzündungen hemmen. Entscheidend ist weniger die Marke als die konsequente mechanische Reinigung von Zähnen und Zahnzwischenräumen.

Parodontitis in der Schwangerschaft: Ist das gefährlich?

„Studien deuten darauf hin, dass Parodontitis bei Schwangeren das Risiko für Frühgeburten erhöhen kann”, so Dr. Sälzer. „Denn über die Zahnfleischtaschen können Bakterien direkt in die Blutbahn gelangen.“ Die gute Nachricht: Zahnärztliche Kontrollen und nicht-chirurgische Behandlungen sind in der Schwangerschaft möglich und sinnvoll.

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Oleksandra Silik

Veröffentlicht am 18.01.2026

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